Standpunkte
„Welches Potenzial steckt in Neurodiversität?“
In jeder Ausgabe stellt morgen drei Menschen, die sich auskennen, eine Frage. Diesmal:
Wir sind alle anders
Johanna Chovanec
In einem humanistischen Weltbild geht es darum, die relative Andersartigkeit neurodivergenter Menschen anzunehmen und wertzuschätzen. Wichtig ist, Neurodivergenz unabhängig von etwaigen besonderen Fähigkeiten anzuerkennen. Die Andersartigkeit kann sich etwa bei autistischen Personen in einer erhöhten Sensibilität oder einer besonderen Beobachtungsgabe zeigen. Manche, wenn auch bei Weitem nicht die Mehrheit, sind hochbegabt oder haben eine Inselbegabung.
Diese Eigenschaften können als Stärken gesehen werden, aber auch unter anderem dazu führen, dass autistische Menschen mehr Rückzug brauchen, was manchmal fälschlich als geringes Interesse an Sozialkontakten interpretiert wird. In den 1990er-Jahren entstand vor allem durch den Film „Rain Man“ das Stereotyp des weißen, männlichen, hochintelligenten, emotional eingeschränkten oder empathielosen Autisten.
Lange wurde Neurodiversität aus einer oftmals stigmatisierenden externen Perspektive erzählt, als Störung oder Abweichung von der Norm. Heute gibt es einen kulturgeschichtlichen Switch hin zur Selbstrepräsentation. Seit rund fünf Jahren sind Texte autistischer Personen aus der Innenperspektive auch breitenwirksam. Die Botschaft dieser Literatur ist: Lasst uns gesellschaftliche Verhältnisse schaffen, in der alle Menschen Platz haben. Wir sind alle anders und bringen unterschiedliche Stärken mit – und darin liegt das Potenzial von Neurodiversität.
Johanna Chovanec ist Postdoktorandin an der Abteilung für Vergleichende Literaturwissenschaft der Universität Wien. Für ihre Seminare zu Neurodiversität und Literatur erhielt sie den Univie-Lehrpreis. 2025 bekam sie das APART-Stipendium der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Empathisch, kreativ, schnell im Denken
Karin Schmid-Gallistl
In Kreisen, die mit ADHS vertraut sind, gilt diese Form der Neurodiversität oft als Geschenk. Dem stimme ich nicht zu. ADHS hat viele Vorteile, aber vor allem in den ersten zwei Lebensjahrzehnten ist es kein Geschenk. Das Schulsystem wirkt oft wie ein Verstärker der Symptome. Für hyperaktive Kinder ist es sehr anstrengend, permanent ihre Impulsivität zu zügeln und still zu sitzen. Viele haben eine Reizfilterschwäche: Geräusche, Gerüche und optisches Gewusel kommen ungefiltert ins Gehirn und führen zu Überforderung. Ziehen sich Kinder innerlich zurück, wird das oft als Desinteresse interpretiert, dabei braucht ihr Gehirn nur eine Pause.
Statistisch zeigen Menschen mit ADHS bestimmte Begabungen häufiger als neurotypische Menschen. Viele haben ein starkes Gerechtigkeitsempfinden, sind empathisch, kreativ, schnell im Denken und mündlich-rhetorisch sehr gut. In Notsituationen reagieren sie oft intuitiv richtig. Auch Musikalität und Sportlichkeit sind unter Betroffenen weitverbreitet.
Damit diese Potenziale zur Wirkung kommen, reicht es nicht, Defizite auszugleichen. Auch Stärken müssen gefördert werden und es braucht kleinere Klassen und reizarme Arbeitsplätze. Das Wissen über Neurodiversität sollte in der Lehrer- und Psychotherapieausbildung verpflichtend werden. Und es braucht eine Art Mutter-Kind-Pass für die Psyche, um Familien durch eine frühe Diagnose viel Leid zu ersparen und sehr hohe gesellschaftspolitische Kosten zu vermeiden.
Karin Schmid-Gallistl ist Obfrau des ADHS-Vereins ADAPT und Präsidentin von ADHD International. Sie referiert und doziert zu ADHS und ist Gründerin sowie Leiterin des ADHS-Family-Elterntrainings. Sie hostet den „ADHS Family“-Podcast und publiziert Sachbücher als Anna Maria Sanders.

Große Chance für Unternehmen
Elke MacEntee
Ich arbeite schon lange mit neurodivergenten Menschen. Viele von ihnen haben einen geringen Selbstwert und psychische Probleme entwickelt. Nicht selten findet man sie in geschützten Werkstätten. Das ist für mich inakzeptabel, denn sie haben Stärken und das Recht, sich beruflich zu verwirklichen. Im Berufsalltag sehe ich Jugendliche und Erwachsene, die meisterhafte Lyrik aus dem Ärmel schütteln, ein absolutes Gehör haben oder auffällig detailgenau sind. Ebenso erlebte ich immer wieder ihr feines Gespür für andere, was gerade in sozialen und Gesundheitsberufen wichtig ist. Diese Stärken werden aber leider oft übersehen.
Neurodivergente Menschen sind für Unternehmen eine große Chance, besonders im Hinblick auf die Veränderungen der notwendigen Kernkompetenzen am zukünftigen Arbeitsmarkt. Globale Firmen suchen diese bereits gezielt. Menschen mit Dyskalkulie beispielsweise verfügen häufig über ein ausgeprägtes räumliches Vorstellungsvermögen, sind daher für die Bereiche Architektur und Ingenieurswesen geeignet.
Eine hohe Arbeitsmoral und Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber sind weitere Attribute von neurodivergenten Mitarbeitern. Ebenso profitieren neurodiverse Teams vom Out-of-the-box-Denken, welches sich häufig hinter Neurodivergenz verbirgt und inspirierend auf das Umfeld wirkt. Wenn wir diese Fähigkeiten dem Arbeitsmarkt zugänglich machen, anstatt Barrieren aufzubauen, können wir alle voneinander profitieren.
Die ausgebildete Psychotherapeutin Elke MacEntee leitet das Projekt Neuro.Match der MAG Menschen und Arbeit GmbH in St. Pölten, wo sie neurodivergente Menschen in den Arbeitsmarkt begleitet und vermittelt. Sie arbeitete in den USA und in Irland mit Jugendlichen im Bereich Inklusion.
