Kolumne

Sturm in der Seele


Bei einem meiner letzten Besuche in New York wollte ich unbedingt eine gesungene Messe in der berühmten Abyssinian Baptist Church in Harlem erleben. Ich liebe Gospel, ich liebe den Rhythmus, ich liebe das Gefühl, das diese Musik in mir weckt. Dafür war ich bereit, mich ein, zwei Stunden in der Schlange der Wartenden anzustellen und mein Glück zu versuchen. Und doch wäre ich beinah an der Touristenmenge, die das gleiche Ziel wie ich hatte, gescheitert. Die Platzkarten waren schnell vergriffen, ich stand draußen. Der Platzanweiser, der stoisch den Einlass regelte und nach Anordnung über den Knopf in seinem Ohr jeweils eine bestimmte Anzahl an visitors in die Kirche ließ, machte eine verneinende Geste. Gerade wollte er die Türe schließen, als ich ihn bat, mich doch hineinzulassen. Ich sei von weit hergekommen, sagte ich, und würde am nächsten Tag schon wieder abreisen.

„Austria“, sagte ich das für Musikliebhaber magische Wort.

„Oh, Austria! Vienna! Mozart.“

Der große Mann in eleganter Livree schwärmte über unser von Musik beseeltes Land, zögerte nicht lange und winkte mich schließlich hinein. Er führte mich zu einem Platz in der sechsten Reihe neben einer alten Dame. „This is my mum“, stellte er sie vor und flüsterte ihr leise zu: „This lady is from Vienna.“ Die freundliche Frau deutete mir, näher zu ihr zu rücken. Als ich es tat, sah sie mich direkt an, tätschelte meine Hand, murmelte ein freundliches „Nice to meet you“ und rief ihrem Sohn nach: „Thank you, George!“

Der Kirchenraum erinnerte an ein Theater. Im halbrunden Parterre saßen ausschließlich Gemeindemitglieder. Zu meiner Verwunderung waren da noch einige Sitzplätze frei, auf dem Balkon hingegen drängten sich etwa 200 Touristinnen und Touristen auf engstem Raum. Viele Köpfe, viele Gesichter. Da habe ich es viel besser erwischt als sie, dachte ich.

Vorne, wo in katholischen Kirchen üblicherweise der Altar steht, war eine Bühne mit einem schmalen Stehpult aufgebaut, auf dem mehrere Mikrofone montiert waren. Links und rechts davon leuchteten üppige Blumenarrangements in den abgedunkelten Raum. Was mir aber besonders auffiel, war eine schmale, reichlich verzierte Empore über dem Altarbereich, auf der seitlich ein Klavier stand.

Die Holzbänke knarrten leise, während die Menschen ihre Plätze einnahmen. Auf den roten Teppich fiel durch die hohen Fenster kaltes Jännersonnenlicht. Staubkörner tanzten darin wie verstreutes Gold.

Nach einigen Ankündigungen betrat der Chor die Empore: elf Frauen, zwei Männer, ein Pianist, ein Dirigent – alle in seidiges Blau gehüllt. Begrüßungsapplaus. Ein erster Klavierton. Alle Blicke waren auf die Hände des Kapellmeisters gerichtet. Einige Sekunden Stille. Dann brach der Gesang los wie ein Orkan und erfasste den Raum. Die Menschen erhoben sich von den Bänken, sangen mit, wiegten sich im Rhythmus, klatschten und lachten. Gesten der Verbundenheit – mit der Musik, mit dem Text, mit dem Priester, mit den Sitznachbarn – erfüllten die Kirche. Es war kein Konzert, sondern gelebte Gemeinschaft, deren Energie selbst die Touristinnen und Touristen auf dem Balkon mitriss.

Auffällig war das ständige Kommen und Gehen im Parterre. Auch ich – die Messe dauerte gute zwei Stunden – stand irgendwann auf und ging in den Seitengang. Durch offene Türen sah ich einen Kinderraum, Eltern, die Snacks verteilten, Wickeltische, Wasch- und Ruheräume mit Sofas – Orte, an denen das Leben ganz selbstverständlich weiterging, auch während der Messe.

Zurück auf meinem Platz hörte ich der Predigt zu. Ein Satz daraus ist mir in Erinnerung geblieben: „Say peace, peace to the storm in your soul.“ Der Satz ließ mich nicht mehr los, den Rest der Predigt nahm ich kaum noch wahr. Stattdessen beobachtete ich die livrierten Platzanweiser, die noch während des Gesangs ergriffenen Besucherinnen und Besuchern – besonders den visitors – Taschentücher reichten.

Dann stand nur noch eine Sängerin auf der Empore und begann ein Solo. Ihre Stimme war im Gegensatz zum Chor leise und unaufdringlich. Sie schwebte durch den Raum, schmeichelte dem Gehörgang, der Seele. Jeder Ton schien aus einer Tiefe zu kommen, die Worte nicht erreichen. Der langsame, gefühlvoll vorgetragene Song durchdrang mich wie selten eine Melodie zuvor. In mir regte sich etwas, ich kann es nicht benennen. Um mich herum griffen Menschen nach den Taschentüchern, Tränen liefen über Gesichter. Auf dem Balkon herrschte vollkommene Stille. Kein Wort, keine Bewegung.

Aber am meisten überraschte mich meine eigene Reaktion. Ich verstand kein Wort des Liedes – und doch liefen auch mir die Tränen über die Wangen. Mein Verstand suchte nach Erklärungen, während etwas in mir längst die Kontrolle übernommen hatte.

Beunruhigt kramte ich in meiner Handtasche nach einem Taschentuch, und schon kam eines von der Dame links von mir. Sie berührte meinen Oberarm, streichelte mich und lächelte. Ich bedankte mich, schnäuzte mich und richtete meinen Blick wieder zu der Empore, von der der Engelsgesang kam.

Was war geschehen? War es das Lied allein oder waren es die Worte des Priesters, die mich so beeindruckt hatten? „Say peace, peace to the storm in your soul.“ Welche Stürme hat das Lied in mir ausgelöst? Welche verborgenen Saiten in mir zum Klingen gebracht?

Wir kennen diese stillen, kostbaren Momente: Musik öffnet einen Raum in uns, Bilder beginnen zu atmen, Geschichten, Filme und Bücher tragen uns in fremde Leben. Für eine Weile tritt der Alltag zurück. Wir gehen mit anderen mit, teilen ihre Freude, ihre Angst, ihre Hoffnung, und erkennen in ihren Geschichten etwas von uns selbst.

Unser Inneres ordnet sich manchmal diesem Mitgefühl unter. Unruhe darf leiser werden, Belastendes findet Form und Sinn. Kunst schenkt Trost, ohne zu beschönigen, und Kraft, ohne zu drängen. Sie schafft Abstand und Nähe zugleich – einen sicheren Ort, an dem Gefühle sein dürfen.

So wird die Kunst zu seelischer Nahrung. Sie hilft uns, Stress loszulassen, Emotionen neu zu sortieren und das innere Gleichgewicht zu bewahren. Sie erinnert uns daran, dass wir fühlende, träumende Wesen sind – verbunden mit uns selbst und mit anderen, über Zeit und Raum hinweg.

Nach mehreren mitreißenden Zugaben klangen die Gesänge aus, beschwingt verließ das Publikum die Kirche. Jeder grüßte jeden. Hände wurden gereicht. Freunde geherzt. George winkte mir zum Abschied, seine mum umarmte mich.

Es ist, als wären wir durch die Musik für einen Moment zu besseren Menschen geworden. ● ○