© Karin Golicza
© Karin Golicza

NÖ Landesausstellung

Kopfsache


Wie blickt die Gesellschaft auf psychische Krisen? Galt es noch vor zwanzig Jahren als Zeichen von Schwäche, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, so ist Psychotherapie heute für viele ein Schritt zu mehr Selbstfürsorge.
Wie sich unser Verständnis von psychischer Gesundheit über Jahrhunderte entwickelt hat, zeigt die Niederösterreichische Landesausstellung unter dem Titel „Wenn die Welt Kopf steht – Mensch. Psyche. Gesundheit“ am Gelände des Landesklinikums Mauer, einem Ort, der seit 120 Jahren für den Umgang mit seelischen Leiden steht.
Die Kuratoren Armin Laussegger, Michael Resch und Niko Wahl haben dafür eine Vielzahl spannender Objekte zusammengetragen – viele davon aus den Niederösterreichischen Landessammlungen – und erzählen die Geschichte psychischer Gesundheit in 21 Kapiteln. Unterstützt wurden sie dabei von einem wissenschaftlichen Beirat aus rund 30 Expertinnen und Experten aus Geschichte, Medizin sowie der Patienten- und Angehörigenvertretung. Ein Lernort, entwickelt von der Historikerin Tanja Wünsche, erinnert zudem an die NS-Medizinverbrechen, die an diesem Ort begangen wurden. Die Ausstellung eröffnet am 28. März. Mehr dazu auf den folgenden Seiten.

Stiftung Deutsches Hygiene-Museum Dresden / Gunter Binsack
Stiftung Deutsches Hygiene-Museum Dresden / Gunter Binsack

Literarische Miniaturen

Einladung zur Melancholie


Unsere Autorin blickt auf die bevorstehende Niederösterreichische Landesausstellung: Sie traf eine Auswahl aus Werken, die darin zu sehen sein werden, und ließ sich von ihnen zu einer literarischen Sneakpreview inspirieren. Darin sitzt sie im Narrenturm, macht sich gläsern, lässt ihr Gesicht zerfallen und lobt die Kraft des Sich-gehen-Lassens.

Im Narrenturm
Modell Narrenturm, 2. Hälfte
20. Jahrhundert (Landessammlungen Niederösterreich)

Ich bin es, die im Narrenturm sitzt. Freiwillig. In meinem ganz eigenen. Ich bin hier eingezogen, weil es mir angesichts der Lage der Welt der einzig noch richtige Ort scheint. Und: richtig – das kann ich eigentlich gar nicht mehr sagen. Nichts ist „richtig“. Alles ist uneins und verworren. Aber da die, welche buchstäblich Verrücktes tun, indem sie manipulieren und unterdrücken und morden und sich einzig der Erhaltung ihrer eigenen Machtposition widmen, da diese nicht darauf kommen, sich zu hinterfragen und eine Konsequenz zu ziehen, tue ich es jetzt. Da diese Mächtigen, die den wahren Wahnsinn anrichten, nicht nachdenken, nicht innehalten, den Rückzug aus freien Stücken wählen, tue ich es jetzt. Ich sitze im Narrenturm und schaue aus dem Fenster. Für eine kurze Weile werde ich mich selbst isolieren, um zu versuchen, etwas zu verstehen. Über mich. Über diese Welt. Über das, was als „normal“ gilt und das, was als „verrückt“ bezeichnet wird. Es ist ein ungeheurer Luxus, dieser freie Wille, aus dem heraus ich dies tun darf. Aus dem heraus ich mich hier umschauen kann, ganz ungestört. Ich sitze am Fenster. Ich öffne es weit. Ich winke.

Christoph Fuchs © Landessammlungen NÖ
Christoph Fuchs © Landessammlungen NÖ

Gläserne Frau
Gläserne Frau, 2000, Original:
Franz und Fritz Tschackert, 1935/36 (Stiftung Deutsches Hygiene-Museum Dresden)

Durchsichtig werden. Durchlässig. Alles offenlegen. Sich der eigenen Fragilität zuwenden. Den Feinheiten. Den Mut aufbringen, ins Innerste zu schauen. Bis auf den Grund. Sich dem widmen, was sonst verborgen ist. Unter Hautschichten. Zellgewebe. Gewebe generell. Verwobenem. Wie funktioniere ich, in meinem Innersten? Was funktioniert nicht? Und warum geht es eigentlich ums Funktionieren? Wo sind die Bruchstellen? Die Scherben? Mein Blutdruck lässt sich messen. Wie messe ich meine Melancholie?

Foto Stiftung Deutsches Hygiene-Museum Dresden / Gunter Binsack
Foto Stiftung Deutsches Hygiene-Museum Dresden / Gunter Binsack

Die Anatomie der Melancholie
„The Anatomy of Melancholy“, Robert Burton, 1638 (Österreichische Nationalbibliothek, Sammlung von Handschriften und alten Drucken)

Einer hat sich daran gemacht, die Melancholie zu sezieren. Sie einzuteilen in Typen, sie zu klassifizieren, zu strukturieren, zu erklären und nach Heilungsmöglichkeiten zu forschen. Gegen alles ist ein Kraut gewachsen. Oder nicht? Warum nur, frage ich mich, macht die Melancholie, die hier als Krankheit, als abzulegende Last verstanden wird, die lange als Laster galt – warum macht die Melancholie mir keine Angst? Ich bin ihr zugeneigt. Ich begrüße sie. Ich schaue ihr in die Augen. Ich will sie verstehen, ja. Aber komplett loswerden, das will ich sie, wenn ich ehrlich bin, nicht. Meine Melancholie gehört mir. Das behaupten zu können, ist ein großes Privileg.

© ÖNB / Sign. 69.A.98, Titelblatt
© ÖNB / Sign. 69.A.98, Titelblatt

Verloren im Schrecken
Jugendliche Geflüchtete aus der Ukraine (anonym): „Verloren im Schrecken“, 2025 (JEFIRA – Interkulturelles Psychotherapiezentrum NÖ – Diakonie Flüchtlingsdienst)

Meine Melancholie gehört mir. Das behaupten zu können, ist ein großes Privileg. Denn meine Melancholie kann ich selbst überschauen. Ich bin nicht verloren in ihr. Es ist ein abgesteckter Raum, in dem sich meine Melancholie ausbreiten darf. Kein unermessliches Dunkel. Niemand und nichts starrt mich aus der Finsternis an. Da sind auch keine Schlingpflanzen. Die Fragezeichen um mich kann ich zählen, und sie sind selten rot. Bis ins Tiefste aufgerissen sein, mitten durch den Brustkorb – das ist mir bisher erspart geblieben. Während Millionen anderen das angetan wurde, angetan wird. Wie viele sind verloren im Schrecken? Und wer hilft ihnen heraus? Kann ein aufgerissener Brustkorb je wieder ganz zuwachsen?

© Wolfgang Artner © JEFIRA – Interkulturelles Psychotherapiezentrum NÖ Diakonie
© Wolfgang Artner © JEFIRA – Interkulturelles Psychotherapiezentrum NÖ Diakonie

Stempel
Stempel aus dem Protokollbuch der Heil- und Pflegeanstalt Mauer-Öhling, Lernort zur Geschichte der NS-Medizinverbrechen Haus 18 (Niederösterreichisches Landesarchiv)

Meine Melancholie gehört mir. Das behaupten zu können, das ist nicht nur ein großes Privileg. Das behaupten zu können, bedeutet: Leben. Der Stempel bedeutet den Tod. Der Stempel vernichtet. Nein, nicht der Stempel. Die Menschen, die ihn benützen. Die, die ihre Stempel aufdrücken, achtlos, gewissenlos, gedankenlos. Oder auch im vollen Bewusstsein, was ihr Stempel bedeutet. Ich fürchte mich nicht vor denen, die auf irgendeine Art „anders“ sind. Ich fürchte mich vor denen, die stempeln. Mit denen sollten wir uns alle näher befassen. Und uns fragen: Wer gehört isoliert?

© NÖ Landesarchiv, St. Pölten
© NÖ Landesarchiv, St. Pölten

Dismember
„Dismember“, Bernhard Hosa, 2016 (Landessammlungen Niederösterreich)
Mein Gesicht zerfällt. Und es ist gut so.

Mich gruselt vor dem Glatten. Vor dem, was Ganzheit vortäuscht. Vor dem, was eindeutig sein möchte. Was keine Risse, keine Unebenheiten, keine Lücken kennt. Ich glaube vielmehr an das Zergliederte, das Zerstückelte, das Kleinteilige, das Vielschichtige, das Unebene, das Unterbrochene und neu Gedachte, das Widerrufene, das Zweifelnde, das Verworrene, den Wirrwarr aus vielen unterschiedlichen Blicken.

© Bernhard Hosa / Dismember, 2016 © Bildrecht, Wien 2026
© Bernhard Hosa / Dismember, 2016 © Bildrecht, Wien 2026

Schirme
„Schirme“, Heinrich Reisenbauer, 1995 (Landessammlungen Niederösterreich)

Ein Schirm ist ein Schirm ist ein Schirm ist ein Schirm ist ein Schirm ist ein Schirm usw. Pustekuchen. Den Schirm gibt es nicht. Ein Schirm ist kein Stempel. Es gibt nur: Schirme. Jeder anders. Und sie schützen uns bei Weitem nicht vor allem, wovor wir uns Schutz wünschen. Sie schirmen uns nicht von all dem ab. Schon gar nicht von der Melancholie. Ich finde das beruhigend. Ich kann mich nicht sattsehen an diesen Schirmen, von denen jeder auf seine eigene Weise unzulänglich ist.

© Privatstiftung – Künstler aus Gugging; Heinrich Reisenbauer / Landessammlungen NÖ
© Privatstiftung – Künstler aus Gugging; Heinrich Reisenbauer / Landessammlungen NÖ

Helene
Fotografie Helene von Druskowitz (Klassik Stiftung Weimar)

Ich hätte mich gern mit dir unterhalten, Helene. Ich hätte gerne erfahren, wie es dir wirklich ging. Mit der Liebe, mit dem Kampf. Mit dem, wofür du dich eingesetzt hast. Mit der Melancholie. Und damit, dich am Ende in psychiatrischen Anstalten wiederzufinden. Ich frage mich: Warum? Warum du? Und wäre es dir heutzutage anders ergangen? Heute, wo du hättest lieben können, wen du willst? Ich frage mich auch: Könntest du das heute wirklich? Sind wir tatsächlich alle so weit, dass dir die gleichgeschlechtliche Liebe heutzutage kein Verhängnis mehr wäre? Dass all das, wofür du dich eingesetzt hast (Frauenrechte!) – vollkommen und überall anerkannt ist?

Ich behaupte: Wir sind nicht so weit. Längst nicht überall auf der Welt.
Längst nicht.
Wie würdest du das sehen? Was hast du dir insgeheim gedacht, in all den Jahren in den Anstalten?

Ich finde: Dein Blick verrät, dass du innerlich sehr klar warst. Dass du dich nicht gescheut hast, etwas Großes zu sehen. Ich behalte mir deinen Blick in Erinnerung. Ich nehme ihn mit. Für düstere Tage.

© GSA 55/BS 1001, Klassik Stiftung Weimar
© GSA 55/BS 1001, Klassik Stiftung Weimar

Head divided
„A head divided into thirty seven compartments“, nach O. S. Fowler, um 1840 (Wellcome Collection)

Wir hätten es gerne einfach. Gerade in den düsteren Tagen. Und sind nicht alle Tage auf ihre Art düster, wenn wir uns umschauen auf der Welt?

Wir sehnen uns nach Stempeln. Nach klaren Einteilungen. Kästchen. Erklärungen. Eindeutigen Bildern. Am liebsten möchten wir in die Köpfe der anderen hineinschauen und sofort sehen, was los ist. Haken drunter. Verstanden. So schwierig kann es ja wohl nicht sein.

Es ist aber schwierig.
Es gibt keine eindeutigen Bilder.
Schon gar keine Erklärung.
Jeder Kopf ist auf seine eigene Art zerteilt. Kein Schädel ist seinem Inhalt gewachsen.

Wenn wir ehrlich wären, alle mit uns selbst, wenn wir uns wirklich umschauen würden, offen und ohne Scheuklappen, ohne in Kästchen zu denken – dann wären wir alle melancholisch. Es bliebe uns gar nichts anderes übrig als die Melancholie. Und sie kann gut sein. Sie kann uns tragen. Sie macht uns empfänglich und empathisch. Sie lässt uns spüren, fühlen, weiterdenken.

Unsere Melancholie lässt sich nicht einteilen.
Darin liegt ihre Kraft.

© Wellcome Collection
© Wellcome Collection

Eine Wahnsinnige
„Eine Wahnsinnige“, Fortunato Bello, 1856 (Österreichische Galerie Belvedere)

Ich erkenne mich wieder. Ich erkenne den Blick. Ich kenne die Momente oder auch ganze Tage, an denen die Kleidung nur verrutscht und nachlässig an einer hängt. Weil es rundum zu vieles gibt, was dringlicher ist, als die Kleidung zu ordnen und den Blick zu schärfen. Weil eine allem rundum nur noch mit Melancholie und verrutschter Kleidung begegnen kann.

Nennt mich eine Wahnsinnige. Aber: Dies ist eine Einladung. Eine Einladung in den Narrenturm. Eine Einladung, sich auf die Melancholie einzulassen. Sich einmal nicht um das Outfit zu kümmern. Das Auftreten. Den Lidstrich. Die Ausstrahlung. Die Frisur. Den nächsten Termin. Die Haltung. Die offenen Rechnungen. Die Time­line. Das gesunde Mittagessen. Die ausreichende Bewegung. Die Richtlinien. Die sogenannte Work-Life-Balance (und mal ehrlich – wie soll es die denn je geben können?).

Dies ist eine Einladung zur expliziten, ganz persönlichen, eigenen Melancholie. Eine Einladung, diese zu suchen, diese zu erkennen. Ihr zuzuwinken. Sie hereinzulassen. Sie zu begrüßen, sie anzuerkennen und ihr den Raum zu geben, den sie braucht.

Ich glaube daran, dass die Melancholie uns stark machen kann. Weil sie sich eben nicht fassen lässt. Weil sie sich eben nicht beurteilen lässt. Weil sie nicht zu berechnen und zu kalkulieren ist. Weil wir ein Recht auf sie haben. Weil sie uns öffnet und weich und groß und warm werden lässt. Anstatt verschlossen und hart und klein und kalt.

© Foto Österreichische Galerie Belvedere
© Foto Österreichische Galerie Belvedere

© NÖ Landesausstellung Gerald Kührer Photography
© NÖ Landesausstellung Gerald Kührer Photography

Interview Niko Wahl

„Derselbe Zustand wurde verdammt und erhöht“


Niko Wahl, Co-Kurator der Niederösterreichischen Landesausstellung „Wenn die Welt Kopf steht – Mensch. Psyche. Gesundheit“, über seinen Zugang zum Thema Psychiatrie, die Landessammlungen Niederösterreich, partizipatives Kuratieren und den Umgang mit verdienstvollen, aber NS-belasteten Persönlichkeiten.

Die Landesausstellung „Wenn die Welt Kopf steht – Mensch. Psyche. Gesundheit“ muss man sich wohl als einigermaßen komplexes Unterfangen vorstellen. Am Gelände des Landesklinikums Mauer entsteht neben der Hauptausstellung im Haus 21, die den gesellschaftlichen Umgang mit psychiatrischen Erkrankungen beleuchtet, ein Lernort über die NS-Medizinverbrechen (siehe dazu den nächsten Beitrag) sowie ein kuratierter Rundweg. Der Historiker und Kurator Niko Wahl entwickelte gemeinsam mit Armin Laussegger, Leiter der Landessammlungen Niederösterreich, und mithilfe eines rund 30-köpfigen Fachbeirats das Konzept der Ausstellung. Vier Abschnitte, gegliedert in 21 Minikapitel – Wahl nennt sie „Sinneinheiten“ – strukturieren die Schau. Sie kombiniert Kunstwerke, Dokumente, Objekte von Betroffenen, historische Exponate aus dem Klinikalltag und vieles mehr mit Interviews, in denen auch Patientinnen und Patienten zu Wort kommen. Niko Wahl hat langjährige Erfahrung im Ausstellungsmachen zu historischen Themen und wählt dabei bisweilen unkonventionelle und damit umso spannendere Wege. Im Interview mit morgen erzählt er über seine Herangehensweisen und Erfahrungen, seinen Zugang zum Thema Psychiatrie, die Landessammlungen Niederösterreich, partizipatives Kuratieren und über den Umgang mit verdienstvollen, aber NS-belasteten Persönlichkeiten.

Eine frühe Erfahrung in Ihrer Arbeit waren Interviews mit Holocaust-Überlebenden in New York. Wie hat Sie das geprägt?

Niko Wahl

:

Ich kam von der Oral History, also einem Zugang, der stark auf Menschen bezogen ist. Bei dem Projekt in New York waren die sozialen Begegnungen ebenso wichtig wie die historische Dokumentation. Ich glaube, das beeinflusst mein Kuratieren bis heute. Es geht um Begegnungen mit Menschen im Raum.

Ein anderer Pol der kuratorischen Arbeit ist die Beschäftigung mit Sammlungen aller Art, unter anderem den Landessammlungen Niederösterreich. Wie sind diese einzuordnen?

Sie sind so groß, dass sie kaum zu überblicken sind. Das digitale Portal ist ein Leuchtturmprojekt. In der Sammlung findet man unglaubliche Bestände und Reichtümer. Aber die Ausstellung speist sich auch aus Objekten des Landesklinikums Mauer, die nun teilweise in den Besitz der Landessammlungen übergegangen sind.

Kuratoren und Kuratorinnen leiden oft darunter, dass sie die Anzahl der Exponate reduzieren müssen – was oft nicht nur aus Platzgründen nötig ist, sondern auch, um eine Erzählung besser darstellen zu können. Wie greifen Objekte und Narrativ in der Landesausstellung ineinander?

Beim Format Landesausstellung erwartet das Publikum, viel zu sehen – so viel Reduktion ist da gar nicht erwünscht. Bei der Auswahl der Exponate geht man zunächst inhaltlich vor und fragt: Was gibt es dazu? Manche Objekte sind so großartig, dass man sich fragt, wie sie hineinpassen könnten. Manche davon tragen selbst eine Geschichte in sich. Zum Beispiel eine Stellwand mit einem vergitterten Loch in der Mitte. Ich konnte sie zunächst nicht identifizieren, aber sie entpuppte sich als mobiler Beichtstuhl. Der Geistliche und der Beichtende sehen einander zwar vor der Beichte und danach, aber währenddessen eben nicht. Ein weiteres sehr tolles Objekt ist ein Bild von August Lancedelli, einem akademischen Maler, der auch Patient war. Es ist die Kopie eines Gemäldes von Tony Robert-Fleury, das die Veränderung der Situation für Insassinnen und Insassen der Pariser Salpêtrière um 1795 darstellt. Zuvor waren die Leute dort sehr schlimm untergebracht, sogar mit Ketten gefesselt. Auf dem Bild befreit sie Philippe Pinel, der Begründer der modernen Psychiatrie und damals leitender Arzt der Salpêtrière, davon. Das wurde als großer Fortschritt dargestellt und zog sich bis nach Mauer, wo man offenbar auch das Gemälde kannte, das als Stich verbreitet war.

Eine Landesausstellung ist ein Riesenprojekt, wie geht man grundsätzlich an so etwas heran?

Mein Glück war, dass ich mich knapp davor für die Neuaufstellung des Wiener Josephinums mit dem Thema beschäftigt hatte und schon zuvor im Kontext meiner Auseinandersetzung mit NS-Geschichte. Ich schlug zunächst ein Grobkonzept vor, bei dem der Beirat der Landesausstellung noch viel Input gab – was sehr meiner Arbeitsweise entspricht, ich bin kein Einzelkämpfer. Als medizinische Begleitung lud die Landesausstellung Christian Korbel, den ärztlichen Direktor in Mauer, und den Psychiater und Schriftsteller Paulus Hochgatterer ein. Mein Konzept war ihnen zunächst zu historisch. Daraufhin drehte ich es weiter, richtete es mehr in die Gegenwart, was dem Ganzen sehr guttat. Darüber hinaus leistete auch der Zeithistoriker Herwig Czech viel Beratungsarbeit.

Wie gelingt der Brückenschlag zwischen Vergangenheit und Gegenwart?

Die Landesausstellung besteht aus 21 Sinneinheiten. Diesen sind sehr kurze Interviews vorangestellt. Sie schauen aus der Gegenwart und dem Persönlichen in diese Themen hinein. Dann geht man in der Geschichte zurück. Gerade bei der Psychiatrie kann man zum Beispiel fragen: Wie ging man mit einer depressiven Stimmung vor 300 Jahren um im Gegensatz zu heute, wo es Medikation gibt? Das erste Viertel der Ausstellung befasst sich mit Einordnungen. Psychische Ausnahmezustände wurden geahndet, als Besessenheit betrachtet oder, bis heute, auch als Erleuchtung gesehen – in dem Sinn, dass sie von Personen, die als Genie gelten, fast schon erwartet werden. Derselbe Zustand wurde also einmal verdammt, dann wieder erhöht. Heute gibt es Medikation, und man weiß, dass Depressionen auch wieder vergehen können.

Ein Ansatz in Ihrer Arbeit ist das „partizipative Kuratieren“, also dass die Menschen, um die es geht, sehr stark beteiligt sind, beispielsweise in einem jüngeren Projekt zur NS-Zeit im Wiener Goethehof. In der Landesausstellung gibt es, wie erwähnt, Interviews mit Betroffenen, Angehörigen, Pflegenden. Ist das schon partizipatives Kuratieren?

Je kleiner die Projekte sind, desto tiefer kann eine Partizipation gehen – im Goethehof reichte das schon in die Co-Kreation. Dort arbeiten alle auf Augenhöhe, weiter geht es nicht mehr. Am anderen Ende der Skala kann man streiten, ob es überhaupt schon Partizipation ist – zum Beispiel das Drücken eines Knopfs. Alles hat seine Berechtigung. Bei großen Ausstellungen ist für mich nicht das Ziel, den äußersten Grad an Partizipation zu erreichen. Bei der Landesausstellung gibt es partizipative Elemente durch den Beirat und durch die Interviews, geführt von der Filmemacherin Teresa Distelberger.

Das ist ein Schritt in Richtung Entstigmatisierung.

Die Landesausstellung läuft im Landesklinikum neben dem regulären Betrieb. Was ist von dieser Parallelführung zu erwarten?

Das ist sehr spannend. Das Publikum betritt die Ausstellung zwar durch das Direktionsgebäude, aber ist dann zu einem Rundgang über das Gelände eingeladen. Es ist ein lebendiger Ort. Ich begegne Personen, von denen ich nicht weiß, ob sie Gäste der Ausstellung sind oder eine Therapie besuchen oder beides. Es stellt sich vielleicht auch die Frage: Was denken die anderen, die mir entgegenkommen, über meinen Grund, hier zu sein? Ist mir das egal? Das ist ein Schritt in Richtung Entstigmatisierung.

Der bereits erwähnte Zeithistoriker Herwig Czech forschte über Hans Asperger, dessen Dissertation aus dem Jahr 1943 ausgestellt wird. Wie ist das eingebettet?

Es gibt ja auch den Lernort, der die NS-Zeit vertieft. Doch es war wichtig, diese auch in der Ausstellung selbst zu thematisieren. Ein Teil davon befasst sich explizit und ausschließlich mit den NS-Mordvorgängen. Zudem gibt es überall in der Ausstellung Bezüge zur NS-Zeit, zum Beispiel das Foto einer Patientin, die eine widerständische Biografie hatte. Was Asperger betrifft, so ist Czechs Forschung enorm wichtig. Wie er zeigte, stellte Asperger Patientendiagnosen, die zur Vernichtung führten, und er war sich dessen bewusst – auch wenn er nicht wie Heinrich Gross aktiv Kinder ermordete. Das stellen wir in genau dieser Komplexität hin.

Was hat sich im Zugang zum Kuratieren in den vergangenen 25 Jahren verändert, im Diskurs, in der Herangehensweise?

Fast alles. Früher existierten keine Kuratorenausbildungen, das ist heute grundlegend anders. Ebenso positiv ist, dass es viel mehr Diskurs und dadurch mehr inhaltliche Freiheiten gibt. Aber auch mehr Erfolgsdruck. ● ○

© Privatbesitz Fuchs
© Privatbesitz Fuchs

Lernort

Drehscheibe im Vernichtungsprogramm


Im Nationalsozialismus war die Heil- und Pflegeanstalt Mauer-Öhling, wo die Niederösterreichische Landesausstellung stattfindet, alles andere als eine solche: Im Gegenteil, ermordeten Ärzte, Pflegekräfte und Verwaltungspersonal doch dort ebenjene, die Hilfe brauchten. Ein neuer Lernort gedenkt der Opfer.

Sie möge die Schuhe über die Mauer des Geländes schmeißen, schrieb Johann Mayerhofer, Patient in Mauer-Öhling in einem Brief an seine Schwester. Er hoffe, sich nach seiner Entlassung wieder um seine Familie kümmern zu können.

Citizen-Science-Projekt

Den Insassen und Insassinnen der psychiatrischen Klinik nahe Amstetten mangelte es in der NS-Zeit an der grundlegenden Versorgung. Mayerhofers Brief, ein Dokument von Not und Leiden, entdeckte die Historikerin Tanja Wünsche ebenso wie weitere, ähnlich verfasste persönliche Schriften, als sie sich in den vergangenen zwei Jahren in Krankenakten und Standesprotokollbücher des Landesklinikums Mauer aus der NS-Zeit vertiefte.

2017 startete das Institut für jüdische Geschichte in St. Pölten (Injoest) ein Citizen-Science-Projekt mit Schulklassen über die NS-Zeit in Mauer-Öhling. Als vor rund zwei Jahren die Recherchen zur NÖ Landesausstellung „Wenn die Welt Kopf steht – Mensch. Psyche. Gesundheit“ an dessen erste Ergebnisse zur Anstalt anschlossen, erfasste Tanja Wünsche, heute Mitarbeiterin der Landessammlungen Niederösterreich, mit ihrem Kollegen Philipp Mettauer vom Injoest alle Opfer in einer Datenbank. Viele wurden damals ermordet, unter ihnen auch der eingangs erwähnte Johann Mayer­hofer. „In der Ideologie der Nationalsozialisten galten Menschen mit psychischen Erkrankungen und Behinderungen als nicht lebenswert. Liest man aber die Biografien dieser Menschen, zeigt sich: Sie haben geliebt, hatten Wünsche und Träume“, erzählt Wünsche.

Brief von Johann Mayerhofer an seine Schwester

© M. Fuchs
© M. Fuchs

2.848 Todesopfer

Die Landesausstellung beleuchtet die Geschichte des gesellschaftlichen Umgangs mit psychischen Erkrankungen: wie sich dieser durch wissenschaftlichen Fortschritt, neue Denkschulen und Erfahrungswerte im Laufe der Zeit wandelte, wie die Jugendstil-Pavillons der Landesheil- und Pflegeanstalt Mauer-Öhling seit ihrer Erbauung um 1900 verschiedene Bedürfnisse und Vorstellungen von psychisch Erkrankten abbildeten. Ein zentraler Teil der Landesausstellung ist die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Landesklinikums in der NS-Zeit. Sie wird in der Hauptausstellung im Direktionsgebäude thematisiert und bekommt im Haus 18 des Klinikums einen eigenen, über die Laufzeit der Landesausstellung hinaus bestehenden „Lernort“. Dieser soll „die Geschichte des Landesklinikums als Teil der Vernichtungsmaschinerie im Zweiten Weltkrieg dokumentieren“, sagt Armin Laussegger, wissenschaftlicher Leiter der Landesausstellungen und der über sechs Millionen museale Objekte umfassenden Landessammlungen Niederösterreich.

Die Theorien der Eugenik, der „Rassenhygiene“ und die Idee eines „gesunden Volkskörpers“ im Dienst der Gesellschaft führten zu Zwangssterilisationen und der Ermordung von Insassen und Insassinnen psychiatrischer Anstalten. Im Klinikum Mauer-Öhling zählten Wünsche und Mettauer 2.848 Todesopfer. „Wir wissen durch das Forschungsprojekt jetzt genau, wie viele Patientinnen und Patienten, die in Verbindung mit dem Landesklinikum Mauer standen, im Zeitraum von März 1938 bis Mai 1945 zu Tode kamen und ermordet wurden“, so Laussegger; die wissenschaftlich erhobenen Zahlen ermöglichen es, den Standort Mauer in die Vernichtungspolitik der NS-Euthanasie einzuordnen. Wünsches Erkenntnis: „Mauer-Öhling fungierte als Drehscheibe im Vernichtungsprogramm der NS-Euthanasie.“

„Aktion T4“

Die Forschungen zu Mauer-­Öhling führten in die Dokumentationsstelle Hartheim, die Objekte und Dokumente von Opfern archiviert hat. Im Schloss Hartheim ermordeten Ärzte, Pflegekräfte und Verwaltungspersonal Patientinnen und Patienten aus Mauer-Öhling, wie Wünsche herausfand. 1940 startete die „Aktion T4“ im NS-Vernichtungsprogramm. In den folgenden Monaten wurden zwei Drittel der Anstaltsinsassen nach Hartheim deportiert und ermordet. Nach 1941 wurde die „Aktion T4“ eingestellt, wegen Unruhe in der Bevölkerung, wie Wünsche erklärt: „Ab dann kam es zur dezentralen Euthanasie, Verbrechen, die sich in den Krankenakten kaum feststellen lassen.“ Viele Personen wurden später auch anderswohin weiterverlegt – nach Gugging oder Wien-Steinhof, wo sie ebenfalls der Tod erwartete. Diese verdeckten, anstaltsinternen Morde durch Nahrungsmittelentzug oder systematische Vernachlässigung lassen sich an einer signifikant erhöhten Übersterblichkeitsrate ablesen.

Permanente Einrichtung

Wünsche arbeitete sich durch 6.000 Krankenakten und sämtliche Protokollbücher aus der NS-Zeit. Der Lernort zeigt die Abläufe und Strukturen der NS-Medizinverbrechen in Mauer-Öhling auf und nähert sich, um die Schicksale hinter den Zahlen spürbar zu machen, rund 50 Biografien an, mit persönlichen Gegenständen, Briefen, Zeichnungen, Bildern oder Erinnerungen von Verwandten. Die Spurensuche hält bis heute an. Die Biografien vermitteln einen Eindruck von Leid und Ausmaß der Verbrechen. Auch das Totenbuch, in dem die Namen der Opfer verzeichnet sind, liegt im Lernort auf. Neben dem Anstaltsfriedhof entsteht zudem demnächst ein künstlerisch gestalteter Gedenkort in Kooperation mit KOERNOE – Kunst im öffentlichen Raum Niederösterreich.

Der Lernort bleibt als permanente Einrichtung auch nach der Ausstellung bestehen. Er soll im laufenden Klinikbetrieb öffentlich zugänglich sein und sich an Schulen, etwa den Bildungscampus für Pflegeberufe Mostviertel, richten. Wie geht eine Gesellschaft mit psychischen Erkrankungen um? Und was lässt sich aus der entsetzlichen Vergangenheit von Anstalten wie Mauer-Öhling für die Zukunft lernen? Diese Frage stellt sich heute mit ungebrochener Brisanz. ● ○