Selten wird bedacht, dass die kreative Pause ein ebenso essenzieller Bestandteil des musikalischen Schaffensprozesses ist wie die erste notizenhafte Textzeile oder die letzte aufgenommene Note. Insofern scheint es nur richtig, dass sich auch die in Wien lebende Musikerin Rahel Kislinger gerade eine kleine Auszeit gegönnt hat. Verdientermaßen, denn ihr 2024 erschienenes Debütalbum „Miniano“ ist ordentlich eingeschlagen: Lobeshymnen von zahlreichen Medien, Dauerplatz in den FM4-Charts, diverse gefeierte Konzerte.
Mittlerweile steckt die 1995 geborene Künstlerin allerdings schon wieder mitten im Songwriting fürs nächste Album. Im altgewohnten Team: Obwohl das Musikprojekt unter ihrem Vornamen – also Rahel – firmiert, steht dahinter eigentlich ein Duo. Kislinger schreibt die Texte und singt, Kollege Raphael Krenn ergänzt Musik und Instrumente: „Er ist eine One-Man-Band und spielt alles außer den Drums selbst ein“, sagt Kislinger im Gespräch mit morgen. Eine Arbeitsteilung, die ihr nur recht zu sein scheint, denn so kann sie sich vollkommen auf den Text konzentrieren. Sie sei „sehr nerdy about words“ und notiere sich alles. „Ich habe an die 2.000 Notizen sowie eine Liste, auf der ich spannende Wörter sammle.“
Aus diesem Sammelsurium an Erfahrungen und Eindrücken baut Kislinger Welten voller Fantasie und Wortwitz. Ein „schöner Schaffner“ auf einer Sizilienreise wird so zum Ausgangspunkt für eine träumerische Zugfahrt ohne Ziel, während der alles möglich scheint und selbst Geschlechtergrenzen verschwimmen. Kislingers Texte zeigen Haltung. Doch statt gesellschaftliche Probleme nur anzuprangern, kreiert sie Welten, die nach einer hoffnungsvolleren Logik funktionieren, eine „gediegene Art, Missstände anzusprechen“.
Ihre ersten Lebensjahre in einer – ihrer Aussage zufolge – „hippiesken“ Bauernhof-WG in Etzelsreith im Waldviertel prägten wohl ihre bunten Welten: „Da wurden Stoffe gefärbt, es gab Tänze, Trommelkreise und Lagerfeuer.“ In der Schule habe sie diesen Unterschied schnell gemerkt. „Aber ich fand es okay, anders zu sein. Und anders zu sein ist immer ein Spektrum. Wo zieht man die Grenze? Im Grunde ist jede*r anders.“
Trotzdem zog es sie bald nach Wien und ans Theater: „Das war fast eine manische Phase, in der ich alles an Kunst aufgesaugt habe.“ Sie besuchte die Schauspielakademie bei Elfriede Ott und begann, Theater zu spielen. Doch vor allem die starre Hierarchie und das ständige Vorsprechen, das Akzeptiert-werden-Müssen habe sie dort als unangenehm empfunden. Dann kam die Musik: „Da habe ich gemerkt, dass ich selbst alle Fäden in der Hand haben kann.“ Das Girls Rock Camp, erste Auftrittserfahrungen als Straßenmusikerin sowie das Kennenlernen von Raphael Krenn führten rasch zu ersten Songs, ersten EPs, dem ersten Album und nun eben der verdienten kreativen Pause.
Was uns als Nächstes erwartet? „Das zweite Album wird anders werden als ‚Miniano‘, man wird die Ohren ein bisschen genauer spitzen müssen.“ Völlig durchgeplant habe sie allerdings noch nichts: „Während jeder Schaffensperiode ist man in einer bestimmten Lebensphase. Und die Sachen, die man dort erlebt, kann man dann bündeln.“ Auch das ist wohl ein guter Grund für Rahel Kislinger, mitunter Pausen einzulegen: um neue Erfahrungen zu machen, um Raum für Reflexion zu schaffen und um anschließend ihr Publikum auf eine Reise durch die daraus entstandenen Welten mitzunehmen.
Wir harren der Abfahrtszeit. ● ○
