© IMC Krems
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Musiktherapie

Pauken, Power, Prävention


Musiktherapie wirkt auch ohne Worte. Das ist ihre große Stärke. Wo kommt sie zum Einsatz? Und wie lässt sich ihr Erfolg überprüfen? morgen fragte dazu Profis, die in Krems, Graz und Wien arbeiten.

Im Linzer Kepler-Universitätsklinikum können Heilungsprozesse unterschiedliche Klänge annehmen. Auf der Intensivstation der Neonatologie erzeugen Monitore, Inkubatoren und Infusionen ein gedämpftes Zischen, Brummen und Piepsen. Doch bisweilen sind auch musikalischere Klänge zu hören – etwa von einer keltischen Harfe, einer Kalimba oder einer Gitarre. Dann nämlich, wenn Musiktherapeutin Anna Kriechbaum in Aktion tritt.

Sie kommt auf ärztliche Verordnung, wenn Eltern mit ihren Babys – zumeist Frühgeburten oder schwerkranke Neugeborene – kuscheln. Dann beobachtet Kriechbaum sie, passt einfache ruhige Harmonien an die Atemfrequenz an, manchmal singt sie auch. Gemeinsam können sie so den kick-start ins Leben verarbeiten und entspannen. Zudem führt Kriechbaum mit den Eltern therapeutische Gespräche, als Begleitung bei der Stabilisierung von Lebensprozessen, aber auch bei Krisen und Abschieden. Was diese nicht-medizinische Unterstützung bei Frühgeborenen bewirkt, beschrieb die Musiktherapeutin 2025 im Fachjournal Children: Sie hat positive Effekte auf Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung und Gehirnentwicklung. Die Eltern erlebten in diesem Krisenzustand die Musikbegleitung als stärkend.

Subtile Rückmeldungen

Wenn sprachliche Verständigung nicht möglich ist – bei Frühchen, Schlaganfallpatienten sowie Menschen mit fortgeschrittener Demenz, schweren Behinderungen oder im Wachkoma – kann rezeptive Musiktherapie greifen. Ob ihre Schwingungen ankommen, leiten die Experten und Expertinnen aus subtilen körperlichen Rückmeldungen ab. Anders in der aktiven Musiktherapie, wo es um Ausdruck, Resonanz und Interaktion geht.

Patrick Simon, der den Studiengang Musiktherapie an der IMC Hochschule für Angewandte Wissenschaften Krems leitet, erklärt: „Wir setzen musikalische Mittel in einer individuellen therapeutischen Beziehung ein. Musik dient als Medium für eine zwischenmenschliche Begegnung im Moment.“ Dieses Medium kann Unterschiedliches bewirken: Es kann Menschen aktivieren oder beruhigen, Beweglichkeit verbessern, ihnen helfen, Geschehenes zu verarbeiten oder Gemeinsamkeit zu erleben. Häufig erzählt schon die Wahl des Instruments von den Bedürfnissen und vom Erleben: Eine, die auf die Pauke haut oder sich an ein großes Klavier setzt, sucht und braucht anderes als jemand, der ein kleines, leises Instrument wählt. Emotionale Themen können so auf einer symbolischen Ebene bearbeitet werden. Erlebtes wird nachbesprochen, wenn es möglich ist.

Zwar ist das Berufsbild des Musiktherapeuten, der Musiktherapeutin in Österreich seit 2008 gesetzlich geregelt – drei Hochschulen bieten das Studium mit Bachelor und Master an –, doch die Anerkennung der therapeutischen Arbeit als Kassenleistung, also der pragmatische Ritterschlag im heimischen Gesundheitswesen, steht noch aus. Dabei war Österreich Vorreiter bei der akademischen Musiktherapieausbildung in Europa: 1959 brachte sie die Violinistin und Botschaftergattin Editha Koffer-Ullrich aus den USA an die heutige Universität für Musik und darstellende Kunst (MDW), gemeinsam mit deren damaligem Vorstand Hans Sittner. 1987 gründete die Psychotherapeutin Elena Fitzthum mit zwei Kolleginnen das Wiener Institut für Musiktherapie. In der Stadt Sigmund Freuds intensivierte dieses die Bande zur Psychotherapie und startete die Fachbuchreihe „Wiener Beiträge zur Musiktherapie“.

Allen Traditionen zum Trotz kämpft die Disziplin noch immer mit Vorurteilen. Zum Beispiel mit jenem, dass sich ihre Arbeit im Singen fröhlicher Lieder, im Trommeln und Tanzen erschöpfe, wie die Psycho- und Musiktherapeutin Monika Glawischnig-Goschnik schildert. Das ärgert die Professorin für Musiktherapie an der Kunstuniversität Graz: „Es ist ziemlich herablassend, die wissenschaftliche Datenlage nicht zur Kenntnis zu nehmen“, sagt sie. Als ausgebildete Ärztin setzt sie sich dafür ein, die sogenannte „Evidence-based Medicine“ um die „Resonance-based Medicine“ zu erweitern. Erstere setzt bei der Analyse der Wirksamkeit medizinischer Maßnahmen stark auf quantitative Methoden, zweitere nehme „intersubjektive Kommunikations-, Beziehungs- und Resonanzphänomene deutlicher in den Blick“. Dabei stehe der Mensch als Leibsubjekt im Mittelpunkt, so Glawischnig-Goschnik: „Hier kann Musiktherapie mit ihren Möglichkeiten im Nonverbalen besonders hilfreich sein.“

Gewaltprävention

Glawischnig-Goschnik ist eine von rund 540 Musiktherapeutinnen und Musiktherapeuten im Land, wobei der Löwenanteil im Nordosten arbeitet. Andernorts ist das Angebot dünn gesät. Die Verankerung in den Regionalen Strukturplänen Gesundheit, einer Vereinbarung zwischen Bund und Bundesländern zur Organisation und Finanzierung des Gesundheitswesens, könnte das verbessern. Glawischnig-Goschnik wünscht sich von den Verantwortlichen mehr Resonanz auf die vielfältigen Möglichkeiten von Musiktherapie. Bisher werde noch „zu wenig darüber nachgedacht, ob sich eine Investition in Prävention lohnen könnte“.

Ein Ausbau des Angebots könnte auch im Interesse von Bildungsinstitutionen sein. Schon jetzt arbeiten Kolleginnen und Kollegen von ihr an Schulen mit dem lautmalerischen Konzept „Trommel­power“ zu Gewaltprävention und sozialer Integration.

Doch wie lässt sich die Wirkung von Musiktherapie belegen? Elsa Campbell leitet das Wiener Zentrum für Musiktherapie-Forschung, wo EEG-Hauben zur Messung der Hirnströme ebenso zum Einsatz kommen wie Videoaufzeichnungen. Derzeit arbeitet die Forscherin mit Studierenden in einem Tageszentrum der Caritas Socialis an einem Konzert-Konzept. Das Team führt Interviews mit dementen Tagesgästen, deren Angehörigen und dem Pflegepersonal über persönliche Bezüge zu Musik. Auf dieser Basis stellt es ein Programm aus Lieblingsstücken zusammen. Angesichts des häufig bereits eingeschränkten Sprachvermögens der Tagesgäste, verifiziert man Wirkung und Wahl der bevorzugten Stücke auch physiologisch, mit Herzfrequenzmessungen. Bei der Aufführung erfolgen keine Ankündigungen, aber Angehörige und Pflegepersonal werden gebeten, die Reaktionen im Publikum zu notieren. Anschließend befragt das Team Tagesgäste sowie Betreuerinnen und Betreuer gemeinsam, ob sie die Lieder erkannt haben, welche Erinnerungen diese geweckt haben, ob die Musik ihnen gefallen habe. Der Vergleich erfolgt bei einem weiteren Konzert mit klassischer Musik. Ob sich die Wirkungen wohl unterscheiden? Das wird Campbells Forschung zeigen. Demnächst wird sie zudem erproben, wie Musiktherapie in Pflegeheimen Personal und Angehörige entlasten kann.

Essenzielle Funktion

Der argentinische Musiktherapeut Mario Lepera-Fuster hat zur Burnout-Prophylaxe im Gesundheitswesen geforscht. Den Beruf erlernte er erst in Österreich, um, wie er im Gespräch mit morgen erzählt, „etwas Menschliches für andere Menschen zu machen, das mit Kreativität zu tun hat“. Er unterrichtet im Studienlehrgang Musiktherapie am IMC Krems, arbeitet in freier Praxis mit Menschen im Wachkoma und in einem Autismuszentrum, wo er Kleinkinder und deren Eltern bei Kontaktanbahnung, Spielverhalten und Interaktion unterstützt. Auch er spielt mehrere Instrumente – Klavier, Gitarre, Perkussionsinstrumente – und singt. Zu Beginn des Studiums nahm er an, dass die musikalische Kultur seiner Heimat nicht hierherpassen würde. Schließlich bringt jeder Mensch seine eigene Kultur, musikalische Biografie und Vorlieben in die Therapie mit; dafür gilt es bei der Arbeit sensibel zu bleiben. Ihm ist der Canto con Caja, eine traditionelle Gesangsform aus den Anden, vertraut. Gruppen von Menschen, zumeist Frauen, singen dabei gemeinsam und begleiten einander mit kleinen Trommeln. Inzwischen hat er diese „essenzielle musikalische Form menschlicher Interaktion“, wie Lepera-Fuster es nennt, eingesetzt, mit Erfolg: Der Canto con Caja passte genau zu den Bedürfnissen einer seiner Patientinnen.

Bewegung, Klang, Intensität

In der unendlichen Vielfalt der Klänge findet sich eben für alle ein Ansatz. Musiktherapie ist kein Privileg der Begabten und Ausgebildeten. Monika Glawischnig-Goschnik umreißt es so: „Unser Musikbegriff ist sehr weit, alle Menschen sind erreichbar.“ Rhythmische Bewegung, Klang, Intensität, Dynamik würden Klientinnen und Klienten Ausdruck ermöglichen und ihren Therapeutinnen und Therapeuten die sinnliche Wahrnehmung ihrer Bedürfnisse. Damit könnten sie mit ihrer Welt „in Resonanz gehen, um etwas zu verbessern oder zu erleichtern“. Mario Lepera-Fuster betont den gemeinschaftlichen Charakter der Musik: „Studien belegten, dass Gemeinschaft entsteht, wenn sich zwei Personen im Rhythmus bewusst oder unbewusst synchronisieren.“

Höchste Zeit also, dass die Kulturnation Österreich Musiktherapie auf Krankenschein ermöglicht. Wie IMC-Studiengangsleiter Patrick Simon erzählt, richtete das Gesundheitsministerium 2025 einen Musiktherapiebeirat ein. Damit erhält die Hoffnung auf die Anerkennung der Disziplin als Kassenleistung neue Nahrung. ● ○