Im Linzer Kepler-Universitätsklinikum können Heilungsprozesse unterschiedliche Klänge annehmen. Auf der Intensivstation der Neonatologie erzeugen Monitore, Inkubatoren und Infusionen ein gedämpftes Zischen, Brummen und Piepsen. Doch bisweilen sind auch musikalischere Klänge zu hören – etwa von einer keltischen Harfe, einer Kalimba oder einer Gitarre. Dann nämlich, wenn Musiktherapeutin Anna Kriechbaum in Aktion tritt.
Sie kommt auf ärztliche Verordnung, wenn Eltern mit ihren Babys – zumeist Frühgeburten oder schwerkranke Neugeborene – kuscheln. Dann beobachtet Kriechbaum sie, passt einfache ruhige Harmonien an die Atemfrequenz an, manchmal singt sie auch. Gemeinsam können sie so den kick-start ins Leben verarbeiten und entspannen. Zudem führt Kriechbaum mit den Eltern therapeutische Gespräche, als Begleitung bei der Stabilisierung von Lebensprozessen, aber auch bei Krisen und Abschieden. Was diese nicht-medizinische Unterstützung bei Frühgeborenen bewirkt, beschrieb die Musiktherapeutin 2025 im Fachjournal Children: Sie hat positive Effekte auf Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung und Gehirnentwicklung. Die Eltern erlebten in diesem Krisenzustand die Musikbegleitung als stärkend.
Subtile Rückmeldungen
Wenn sprachliche Verständigung nicht möglich ist – bei Frühchen, Schlaganfallpatienten sowie Menschen mit fortgeschrittener Demenz, schweren Behinderungen oder im Wachkoma – kann rezeptive Musiktherapie greifen. Ob ihre Schwingungen ankommen, leiten die Experten und Expertinnen aus subtilen körperlichen Rückmeldungen ab. Anders in der aktiven Musiktherapie, wo es um Ausdruck, Resonanz und Interaktion geht.
Patrick Simon, der den Studiengang Musiktherapie an der IMC Hochschule für Angewandte Wissenschaften Krems leitet, erklärt: „Wir setzen musikalische Mittel in einer individuellen therapeutischen Beziehung ein. Musik dient als Medium für eine zwischenmenschliche Begegnung im Moment.“ Dieses Medium kann Unterschiedliches bewirken: Es kann Menschen aktivieren oder beruhigen, Beweglichkeit verbessern, ihnen helfen, Geschehenes zu verarbeiten oder Gemeinsamkeit zu erleben. Häufig erzählt schon die Wahl des Instruments von den Bedürfnissen und vom Erleben: Eine, die auf die Pauke haut oder sich an ein großes Klavier setzt, sucht und braucht anderes als jemand, der ein kleines, leises Instrument wählt. Emotionale Themen können so auf einer symbolischen Ebene bearbeitet werden. Erlebtes wird nachbesprochen, wenn es möglich ist.
Zwar ist das Berufsbild des Musiktherapeuten, der Musiktherapeutin in Österreich seit 2008 gesetzlich geregelt – drei Hochschulen bieten das Studium mit Bachelor und Master an –, doch die Anerkennung der therapeutischen Arbeit als Kassenleistung, also der pragmatische Ritterschlag im heimischen Gesundheitswesen, steht noch aus. Dabei war Österreich Vorreiter bei der akademischen Musiktherapieausbildung in Europa: 1959 brachte sie die Violinistin und Botschaftergattin Editha Koffer-Ullrich aus den USA an die heutige Universität für Musik und darstellende Kunst (MDW), gemeinsam mit deren damaligem Vorstand Hans Sittner. 1987 gründete die Psychotherapeutin Elena Fitzthum mit zwei Kolleginnen das Wiener Institut für Musiktherapie. In der Stadt Sigmund Freuds intensivierte dieses die Bande zur Psychotherapie und startete die Fachbuchreihe „Wiener Beiträge zur Musiktherapie“.

