© Privatbesitz Fuchs
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Lernort

Drehscheibe im Vernichtungsprogramm


Im Nationalsozialismus war die Heil- und Pflegeanstalt Mauer-Öhling, wo die Niederösterreichische Landesausstellung stattfindet, alles andere als eine solche: Im Gegenteil, ermordeten Ärzte, Pflegekräfte und Verwaltungspersonal doch dort ebenjene, die Hilfe brauchten. Ein neuer Lernort gedenkt der Opfer.

Sie möge die Schuhe über die Mauer des Geländes schmeißen, schrieb Johann Mayerhofer, Patient in Mauer-Öhling in einem Brief an seine Schwester. Er hoffe, sich nach seiner Entlassung wieder um seine Familie kümmern zu können.

Citizen-Science-Projekt

Den Insassen und Insassinnen der psychiatrischen Klinik nahe Amstetten mangelte es in der NS-Zeit an der grundlegenden Versorgung. Mayerhofers Brief, ein Dokument von Not und Leiden, entdeckte die Historikerin Tanja Wünsche ebenso wie weitere, ähnlich verfasste persönliche Schriften, als sie sich in den vergangenen zwei Jahren in Krankenakten und Standesprotokollbücher des Landesklinikums Mauer aus der NS-Zeit vertiefte.

2017 startete das Institut für jüdische Geschichte in St. Pölten (Injoest) ein Citizen-Science-Projekt mit Schulklassen über die NS-Zeit in Mauer-Öhling. Als vor rund zwei Jahren die Recherchen zur NÖ Landesausstellung „Wenn die Welt Kopf steht – Mensch. Psyche. Gesundheit“ an dessen erste Ergebnisse zur Anstalt anschlossen, erfasste Tanja Wünsche, heute Mitarbeiterin der Landessammlungen Niederösterreich, mit ihrem Kollegen Philipp Mettauer vom Injoest alle Opfer in einer Datenbank. Viele wurden damals ermordet, unter ihnen auch der eingangs erwähnte Johann Mayer­hofer. „In der Ideologie der Nationalsozialisten galten Menschen mit psychischen Erkrankungen und Behinderungen als nicht lebenswert. Liest man aber die Biografien dieser Menschen, zeigt sich: Sie haben geliebt, hatten Wünsche und Träume“, erzählt Wünsche.

Brief von Johann Mayerhofer an seine Schwester

© M. Fuchs
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2.848 Todesopfer

Die Landesausstellung beleuchtet die Geschichte des gesellschaftlichen Umgangs mit psychischen Erkrankungen: wie sich dieser durch wissenschaftlichen Fortschritt, neue Denkschulen und Erfahrungswerte im Laufe der Zeit wandelte, wie die Jugendstil-Pavillons der Landesheil- und Pflegeanstalt Mauer-Öhling seit ihrer Erbauung um 1900 verschiedene Bedürfnisse und Vorstellungen von psychisch Erkrankten abbildeten. Ein zentraler Teil der Landesausstellung ist die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Landesklinikums in der NS-Zeit. Sie wird in der Hauptausstellung im Direktionsgebäude thematisiert und bekommt im Haus 18 des Klinikums einen eigenen, über die Laufzeit der Landesausstellung hinaus bestehenden „Lernort“. Dieser soll „die Geschichte des Landesklinikums als Teil der Vernichtungsmaschinerie im Zweiten Weltkrieg dokumentieren“, sagt Armin Laussegger, wissenschaftlicher Leiter der Landesausstellungen und der über sechs Millionen museale Objekte umfassenden Landessammlungen Niederösterreich.

Die Theorien der Eugenik, der „Rassenhygiene“ und die Idee eines „gesunden Volkskörpers“ im Dienst der Gesellschaft führten zu Zwangssterilisationen und der Ermordung von Insassen und Insassinnen psychiatrischer Anstalten. Im Klinikum Mauer-Öhling zählten Wünsche und Mettauer 2.848 Todesopfer. „Wir wissen durch das Forschungsprojekt jetzt genau, wie viele Patientinnen und Patienten, die in Verbindung mit dem Landesklinikum Mauer standen, im Zeitraum von März 1938 bis Mai 1945 zu Tode kamen und ermordet wurden“, so Laussegger; die wissenschaftlich erhobenen Zahlen ermöglichen es, den Standort Mauer in die Vernichtungspolitik der NS-Euthanasie einzuordnen. Wünsches Erkenntnis: „Mauer-Öhling fungierte als Drehscheibe im Vernichtungsprogramm der NS-Euthanasie.“

„Aktion T4“

Die Forschungen zu Mauer-­Öhling führten in die Dokumentationsstelle Hartheim, die Objekte und Dokumente von Opfern archiviert hat. Im Schloss Hartheim ermordeten Ärzte, Pflegekräfte und Verwaltungspersonal Patientinnen und Patienten aus Mauer-Öhling, wie Wünsche herausfand. 1940 startete die „Aktion T4“ im NS-Vernichtungsprogramm. In den folgenden Monaten wurden zwei Drittel der Anstaltsinsassen nach Hartheim deportiert und ermordet. Nach 1941 wurde die „Aktion T4“ eingestellt, wegen Unruhe in der Bevölkerung, wie Wünsche erklärt: „Ab dann kam es zur dezentralen Euthanasie, Verbrechen, die sich in den Krankenakten kaum feststellen lassen.“ Viele Personen wurden später auch anderswohin weiterverlegt – nach Gugging oder Wien-Steinhof, wo sie ebenfalls der Tod erwartete. Diese verdeckten, anstaltsinternen Morde durch Nahrungsmittelentzug oder systematische Vernachlässigung lassen sich an einer signifikant erhöhten Übersterblichkeitsrate ablesen.

Permanente Einrichtung

Wünsche arbeitete sich durch 6.000 Krankenakten und sämtliche Protokollbücher aus der NS-Zeit. Der Lernort zeigt die Abläufe und Strukturen der NS-Medizinverbrechen in Mauer-Öhling auf und nähert sich, um die Schicksale hinter den Zahlen spürbar zu machen, rund 50 Biografien an, mit persönlichen Gegenständen, Briefen, Zeichnungen, Bildern oder Erinnerungen von Verwandten. Die Spurensuche hält bis heute an. Die Biografien vermitteln einen Eindruck von Leid und Ausmaß der Verbrechen. Auch das Totenbuch, in dem die Namen der Opfer verzeichnet sind, liegt im Lernort auf. Neben dem Anstaltsfriedhof entsteht zudem demnächst ein künstlerisch gestalteter Gedenkort in Kooperation mit KOERNOE – Kunst im öffentlichen Raum Niederösterreich.

Der Lernort bleibt als permanente Einrichtung auch nach der Ausstellung bestehen. Er soll im laufenden Klinikbetrieb öffentlich zugänglich sein und sich an Schulen, etwa den Bildungscampus für Pflegeberufe Mostviertel, richten. Wie geht eine Gesellschaft mit psychischen Erkrankungen um? Und was lässt sich aus der entsetzlichen Vergangenheit von Anstalten wie Mauer-Öhling für die Zukunft lernen? Diese Frage stellt sich heute mit ungebrochener Brisanz. ● ○