Sie möge die Schuhe über die Mauer des Geländes schmeißen, schrieb Johann Mayerhofer, Patient in Mauer-Öhling in einem Brief an seine Schwester. Er hoffe, sich nach seiner Entlassung wieder um seine Familie kümmern zu können.
Citizen-Science-Projekt
Den Insassen und Insassinnen der psychiatrischen Klinik nahe Amstetten mangelte es in der NS-Zeit an der grundlegenden Versorgung. Mayerhofers Brief, ein Dokument von Not und Leiden, entdeckte die Historikerin Tanja Wünsche ebenso wie weitere, ähnlich verfasste persönliche Schriften, als sie sich in den vergangenen zwei Jahren in Krankenakten und Standesprotokollbücher des Landesklinikums Mauer aus der NS-Zeit vertiefte.
2017 startete das Institut für jüdische Geschichte in St. Pölten (Injoest) ein Citizen-Science-Projekt mit Schulklassen über die NS-Zeit in Mauer-Öhling. Als vor rund zwei Jahren die Recherchen zur NÖ Landesausstellung „Wenn die Welt Kopf steht – Mensch. Psyche. Gesundheit“ an dessen erste Ergebnisse zur Anstalt anschlossen, erfasste Tanja Wünsche, heute Mitarbeiterin der Landessammlungen Niederösterreich, mit ihrem Kollegen Philipp Mettauer vom Injoest alle Opfer in einer Datenbank. Viele wurden damals ermordet, unter ihnen auch der eingangs erwähnte Johann Mayerhofer. „In der Ideologie der Nationalsozialisten galten Menschen mit psychischen Erkrankungen und Behinderungen als nicht lebenswert. Liest man aber die Biografien dieser Menschen, zeigt sich: Sie haben geliebt, hatten Wünsche und Träume“, erzählt Wünsche.

