© Pamela Rußmann
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Kultur • Round Table

„Das ist Weltkunst!"


Biennalen zeigen Werke von Künstlern aus Gugging, auf Messen sind Outsider Artists ebenso vertreten. Doch wie weit ist der Weg in den Kanon noch? Wieso sind Künstlerinnen unterrepräsentiert? Im Museum Gugging, das heuer seinen 20. Geburtstag feiert, diskutierten darüber dessen künstlerisch-wissenschaftliche Leiterin Nina Ansperger, die Kunstsammlerin Hannah Rieger sowie Angela Stief, Direktorin der Albertina Modern in Wien.
Interview: Sabine B. Vogel
Fotos: Pamela Rußmann

Mitte des 20. Jahrhunderts beginnt der französische Künstler Jean Dubuffet, Kunst zu sammeln – unter einem neuen, von ihm geprägten Begriff: Art brut. „Brut“ versteht er als roh, aber auch – als jahrelanger Weinhändler – als Anspielung auf die Bezeichnung für Schaumweine. Dubuffet suchte nicht-akademische Kunst, oft von Menschen mit psychopathologischen Biografien, lehnte aber psychiatrische Lesarten rigoros ab. Bald etablierte sich ein Nischenmarkt dafür. Wie in allen Kunstsparten rückt auch hier die Frage nach der Sichtbarkeit von Frauen und Minderheiten in den Fokus. Dabei waren Frauen von Beginn an im Kanon der Art brut vertreten. Das erklärt Daniel Baumann, ehemaliger Kurator der Adolf-Wölfli-Stiftung am Kunstmuseum Bern, gegenüber morgen. Als Beispiel führt er eine Publikation des Kunsthistorikers Roger Cardinal aus dem Jahr 1972 an. Baumann meint: „Die Frauen sprachen die Sprache der männlichen Mehrheit nicht, interessierten sich für andere Themen, zum Beispiel das Spirituelle.“ Ihre dadurch erfolgte Marginalisierung im Kunst­esta­blishment würde wiederum erklären, „warum in der Art brut oder Outsider Art der Frauenanteil von Beginn an höher war als in der männlich dominierten Kunstgeschichte“. Aber trifft das wirklich zu? Und wie steht die Art brut heute im internationalen Kunstgeschehen da? Ist ihr der Sprung von der Nische in die große Arena gelungen? Wir sprachen darüber mit der Kunstsammlerin Hannah Rieger, Angela Stief, Direktorin der Albertina Modern und Nina Ansperger, künstlerisch-wissenschaftliche Leiterin des Museums Gugging – wo das Gespräch auch stattfand.

Frau Rieger, Sie haben sich bereits 1991 in Ihrer Sammlung auf Art brut spezialisiert. Sehen Sie Künstlerinnen in dem Feld unterrepräsentiert?

Hannah Rieger

:

Auf jeden Fall! In Gugging etwa gibt es mit Laila Bachtiar nur eine Frau, historisch kennen wir drei Frauen. Anfang des 21. Jahrhunderts habe ich darum begonnen, international und vor allem Künstlerinnen in diesem Feld zu sammeln.

Art brut ist nach wie vor eine eigene Kategorie, die selten mit Mainstream-Kunst vermischt wird. Die rühmliche Ausnahme war die 2013 von Massimiliano Gioni kuratierte Schau der Biennale Venedig. 2022 kuratierten Sie, Angela Stief, die Ausstellung „Beauty of Diversity“ in der Albertina Modern, in der Sie ebenso Positionen abseits des Kanons zeigten. Warum haben Sie Art brut dazugemischt?

Angela Stief

:

In meiner kuratorischen Praxis wollte ich immer schon die Grenze zwischen Insidern und Outsidern aushebeln – ganz im Sinne der US-amerikanischen Kunstkritikerin Roberta Smith, die 2013 einen Text mit „Curator, Tear Down These Walls“ betitelte. Outsider Art erweitert und bereichert den Kunstkanon, und dafür ist es notwendig, die Grenzen des Etablierten und Normierten aufzubrechen und die Ränder zu inkludieren – der Gugging-Künstler August Walla etwa ist großartig, das ist Weltkunst!

Rieger

:

Seit Gionis Biennale Venedig hat sich das Feld der Art brut stark geändert. Die Kunst vom Rand rückt durch Globalisierung und Kommerzialisierung stärker ins Zentrum.

Wie absurd die Idee einer extra Messer!

Art brut oder Outsider Art, welcher Begriff ist richtig?

Rieger

:

Ich bleibe bei Art brut, weil ich den Begriff weniger diskriminierend finde als Outsider Art.

Braucht es diese Kategorisierung überhaupt noch?

Rieger

:

Solange es keine Gleichstellung mit der akademischen Kunst gibt, braucht es ein Label.

Als ein Kennzeichen dieser Kunst wird immer wieder die gesellschaftliche oder soziale Isolation der Kunstschaffenden genannt.

Nina Ansperger

:

Da muss ich sofort widersprechen! Dubuffet hat den Begriff definiert und nennt es rohe, ursprüngliche Kunst, die aus dem Inneren heraus entsteht und anti-akademisch ist.

Künstlerinnen sind preislich deutlich unterbewertet.

Rieger

:

Die Frauen in der Art brut hatten es anfangs sicher noch schwerer als in der kanonisierten Kunst. Denn das Feld war lange Zeit stigmatisiert, und in dieser Nische mussten sie sich noch einmal behaupten. In der Publikation zur Sammlung des Heidelberger Psychi­aters Hans Prinzhorn, „Bildnerei der Geisteskranken“, von 1922, fiel das Kapitel über Else Blankenhorn aus angeblich „budgetären Kürzungserfordnissen“ heraus. Das ist doch kein Zufall, dass es die talentierteste Künstlerin traf. 2004 gab es dann in der Sammlung Prinzhorn Autorinnen, die künstlerische Interventionen von Frauen in der Psychiatrie um 1900 unter dem Titel „Irre ist weiblich“ aufarbeiteten. Das war mein Vorbild für unsere Ausstellung „Flying High“ 2019 im Kunstforum Wien mit 93 Frauen der Art brut.
Wir waren erstaunt über die Anzahl der Künstlerinnen, die wir fanden, die wenig bekannt waren.

Ansperger

:

Ich habe mir das für unsere Ausstellung „Museum Gugging! 20 Jahre Kunst“ genau angesehen. In den Sammlungen Dubuffet und Prinzhorn sind rund 25 Prozent Künstlerinnen. In Gugging hat Leo Navratil eine reine Männerabteilung geleitet. Wenn man im Psychiatriekontext bleibt, was nicht der Intention von Dubuffet entspricht, dann beachteten Psychiater vor allem in der Frühzeit Kunst von Frauen nicht – der Beruf war fast ausschließlich männlich besetzt, unterstützt wurden Männer. Aber das hat sich inzwischen deutlich geändert. Bei uns sind mehr Frauen präsent als früher, auch wenn es noch immer ein Ungleichgewicht gibt.

Rieger

:

Dieses Ungleichgewicht unterstreicht auch der Kunstmarkt. Künstlerinnen sind preislich deutlich unterbewertet, selbst die bekanntesten wie Aloïse Corbaz oder Madge Gill.

Stief

:

Aber das ändert sich, Madge Gill wurde im Herbst auf der Kunstmesse Frieze Masters an zwei Ständen angeboten. Wenn man sich die Schicksale von Künstlerinnen im 20. Jahrhundert anschaut, sieht man – egal ob In- oder Outsider – eine Isolierung. Das ist eine Parallele, die ich interessant finde. Beide wurden stigmatisiert, kaum akzeptiert und vor allem übersehen – ich erinnere hier in Österreich etwa an die Puppen von Stefanie Erjautz oder an Andrea Freiberger, die zu Hause alle Flächen vollgeschrieben und -gezeichnet hat. Das trifft aber auch auf Männer zu, etwa auf Franz Gsellmann, einen Landwirt in der Steiermark, der bis zu seinem Tod 1981 in seiner Scheune seine „Weltmaschine“ baute.

Rieger

:

Das ist ein wichtiger Punkt: Art-brut-Kunst ist nur in ihrer radikalen Individualität zu begreifen, weil sie nicht durch Traditionen oder Mainstream verbildet ist.

Ansperger

:

Da liegt eine Mystifizierung des Begriffs vor. Oftmals werden damit obsessive Produktionsprozesse verbunden, die aber nicht immer so stattfinden. Oswald Tschirtner etwa hat überhaupt nicht obsessiv gearbeitet, er wurde aufgefordert zu zeichnen.

Wie wichtig ist die Biografie inklusive Leidensgeschichte für Art brut?

Ansperger

:

Das wurde früher immer dazu erzählt. Wir gehen einen anderen Weg, weil es oft auch nicht gewollt ist.

Rieger

:

Ich bin froh, dass Gugging seit 2007 aus der Klinik ausgegliedert ist und der Dubuffet’sche Begriff keine Krankheiten inkludiert. Trotzdem sind die Schatten der Leidensgeschichten immer da, in jedem Bild.

Lassen sich diese Leidensgeschichten in den Werken ablesen?

Rieger

:

Nein, aber bei „Flying High“ haben wir festgestellt, dass es genderspezifische Unterschiede in Themen und Materialitäten gibt.

Früher sah man Art brut in enger Verbindung mit einem Krankheitsbild.

Gibt es bei Künstlerinnen mehr spirituelle Themen?

Rieger

:

Ja, man spricht von den Mediumistinnen wie Madge Gill, die sich von einem Geist geführt wähnte.

Kann es sein, dass Weiblichkeit und spirituelle Themen im 20. Jahrhundert zwei starke Ausschlusskriterien waren?

Rieger

:

Ja, und dazu noch der sehr erschwerte Zugang zu Kunstuniversitäten. Da war es vielleicht ein Ausweg, wenn die Mediumistinnen sagten, es wäre nicht ihre Kunst. Sie gaben die Autorinnenschaft an einen Geist ab. Da gibt es sicher einen Zusammenhang.

Stief

:

Vielleicht war die Isolation aber auch ein Freiraum, um fern vom Mainstream ein eigenes Werk zu entwickeln.

Ansperger

:

Schaut man sich die US-amerikanischen Begriffe Outsider oder Self-taught Art an, dann gehört da sicher die Idee eines solchen Freiraums dazu. Dafür gibt es dort auch einen Markt und eine Messe, die das bedienen.

Stief

:

Wie absurd, die Idee einer extra Messe! Das muss doch vermischt werden, die Schwarzen, die Frauen, die Outsider, die Indi­genen.

Rieger

:

Ich bin ganz bei der Idee, die Wände einzureißen und eine Gleichstellung zu erreichen. Aber solange das nicht geschafft ist, braucht es die Kategorie.

Ist es nicht paradox, die Nische zu behaupten, um die Nische aufzulösen?

Rieger

:

Vielleicht, aber die Spezialisierung schafft Sichtbarkeit.

Stief

:

Solange keine Gleichstellung besteht, kann man Art brut als Kampfbegriff zur Positionierung verwenden. Und man braucht ihn auch für den Kunstmarkt.

Ansperger

:

Eine selbstverständliche Inklusion wäre auch unser Wunsch. Das von der Caritas unterhaltene Atelier 10 für Menschen mit Behinderungen in der Wiener Ankerbrotfabrik arbeitet grundsätzlich nicht mit Labels wie Art brut oder Outsider. Aber das sei oft schwer, hat mir der Leiter Florian Reese erzählt. Auch wenn er mit einigen Galerien ohne dieses Label zusammenarbeitet – es ist der steinigere Weg.

Gilt das auch für das Museum Gugging?

Ansperger

:

Wir kommen hier sicher nicht weg von dem Kontext der Klinik, und Art brut bleibt unser Hintergrund. Wenn jemand fragt, wo hier die „Irren“ sind, dann können wir den Begriff Art brut sehr gut nutzen, der ja diese Zuordnung ablehnt. Früher sah man diese Kunst in enger Verbindung mit einem Krankheitsbild. Navratil sprach von zustandsgebundener Kunst – was wir heute ablehnen. Wir verstehen uns als Kunstmuseum. Wir stellen Kunst aus. Punkt.

Sind Art-brut-Künstlerinnen heute noch immer unterrepräsentiert?

Rieger

:

Absolut! Das ist ein langer, historischer Prozess. Es ist eine Geschichte der Emanzipation wie in allen anderen gesellschaftlichen Feldern.

Stief

:

Es ist eine doppelte Stigmatisierung. Das braucht Zeit. Und im Kunstmarkt ganz besonders. Aber es ist auch interessant, denn in diesem Bereich können noch viele Entdeckungen gemacht werden. ● ○