
Literarische Miniaturen
Einladung zur Melancholie
Unsere Autorin blickt auf die bevorstehende Niederösterreichische Landesausstellung: Sie traf eine Auswahl aus Werken, die darin zu sehen sein werden, und ließ sich von ihnen zu einer literarischen Sneakpreview inspirieren. Darin sitzt sie im Narrenturm, macht sich gläsern, lässt ihr Gesicht zerfallen und lobt die Kraft des Sich-gehen-Lassens.
Im Narrenturm
Modell Narrenturm, 2. Hälfte
20. Jahrhundert (Landessammlungen Niederösterreich)
Ich bin es, die im Narrenturm sitzt. Freiwillig. In meinem ganz eigenen. Ich bin hier eingezogen, weil es mir angesichts der Lage der Welt der einzig noch richtige Ort scheint. Und: richtig – das kann ich eigentlich gar nicht mehr sagen. Nichts ist „richtig“. Alles ist uneins und verworren. Aber da die, welche buchstäblich Verrücktes tun, indem sie manipulieren und unterdrücken und morden und sich einzig der Erhaltung ihrer eigenen Machtposition widmen, da diese nicht darauf kommen, sich zu hinterfragen und eine Konsequenz zu ziehen, tue ich es jetzt. Da diese Mächtigen, die den wahren Wahnsinn anrichten, nicht nachdenken, nicht innehalten, den Rückzug aus freien Stücken wählen, tue ich es jetzt. Ich sitze im Narrenturm und schaue aus dem Fenster. Für eine kurze Weile werde ich mich selbst isolieren, um zu versuchen, etwas zu verstehen. Über mich. Über diese Welt. Über das, was als „normal“ gilt und das, was als „verrückt“ bezeichnet wird. Es ist ein ungeheurer Luxus, dieser freie Wille, aus dem heraus ich dies tun darf. Aus dem heraus ich mich hier umschauen kann, ganz ungestört. Ich sitze am Fenster. Ich öffne es weit. Ich winke.

Gläserne Frau
Gläserne Frau, 2000, Original:
Franz und Fritz Tschackert, 1935/36 (Stiftung Deutsches Hygiene-Museum Dresden)
Durchsichtig werden. Durchlässig. Alles offenlegen. Sich der eigenen Fragilität zuwenden. Den Feinheiten. Den Mut aufbringen, ins Innerste zu schauen. Bis auf den Grund. Sich dem widmen, was sonst verborgen ist. Unter Hautschichten. Zellgewebe. Gewebe generell. Verwobenem. Wie funktioniere ich, in meinem Innersten? Was funktioniert nicht? Und warum geht es eigentlich ums Funktionieren? Wo sind die Bruchstellen? Die Scherben? Mein Blutdruck lässt sich messen. Wie messe ich meine Melancholie?

Die Anatomie der Melancholie
„The Anatomy of Melancholy“, Robert Burton, 1638 (Österreichische Nationalbibliothek, Sammlung von Handschriften und alten Drucken)
Einer hat sich daran gemacht, die Melancholie zu sezieren. Sie einzuteilen in Typen, sie zu klassifizieren, zu strukturieren, zu erklären und nach Heilungsmöglichkeiten zu forschen. Gegen alles ist ein Kraut gewachsen. Oder nicht? Warum nur, frage ich mich, macht die Melancholie, die hier als Krankheit, als abzulegende Last verstanden wird, die lange als Laster galt – warum macht die Melancholie mir keine Angst? Ich bin ihr zugeneigt. Ich begrüße sie. Ich schaue ihr in die Augen. Ich will sie verstehen, ja. Aber komplett loswerden, das will ich sie, wenn ich ehrlich bin, nicht. Meine Melancholie gehört mir. Das behaupten zu können, ist ein großes Privileg.

Verloren im Schrecken
Jugendliche Geflüchtete aus der Ukraine (anonym): „Verloren im Schrecken“, 2025 (JEFIRA – Interkulturelles Psychotherapiezentrum NÖ – Diakonie Flüchtlingsdienst)
Meine Melancholie gehört mir. Das behaupten zu können, ist ein großes Privileg. Denn meine Melancholie kann ich selbst überschauen. Ich bin nicht verloren in ihr. Es ist ein abgesteckter Raum, in dem sich meine Melancholie ausbreiten darf. Kein unermessliches Dunkel. Niemand und nichts starrt mich aus der Finsternis an. Da sind auch keine Schlingpflanzen. Die Fragezeichen um mich kann ich zählen, und sie sind selten rot. Bis ins Tiefste aufgerissen sein, mitten durch den Brustkorb – das ist mir bisher erspart geblieben. Während Millionen anderen das angetan wurde, angetan wird. Wie viele sind verloren im Schrecken? Und wer hilft ihnen heraus? Kann ein aufgerissener Brustkorb je wieder ganz zuwachsen?

Stempel
Stempel aus dem Protokollbuch der Heil- und Pflegeanstalt Mauer-Öhling, Lernort zur Geschichte der NS-Medizinverbrechen Haus 18 (Niederösterreichisches Landesarchiv)
Meine Melancholie gehört mir. Das behaupten zu können, das ist nicht nur ein großes Privileg. Das behaupten zu können, bedeutet: Leben. Der Stempel bedeutet den Tod. Der Stempel vernichtet. Nein, nicht der Stempel. Die Menschen, die ihn benützen. Die, die ihre Stempel aufdrücken, achtlos, gewissenlos, gedankenlos. Oder auch im vollen Bewusstsein, was ihr Stempel bedeutet. Ich fürchte mich nicht vor denen, die auf irgendeine Art „anders“ sind. Ich fürchte mich vor denen, die stempeln. Mit denen sollten wir uns alle näher befassen. Und uns fragen: Wer gehört isoliert?

Dismember
„Dismember“, Bernhard Hosa, 2016 (Landessammlungen Niederösterreich)
Mein Gesicht zerfällt. Und es ist gut so.
Mich gruselt vor dem Glatten. Vor dem, was Ganzheit vortäuscht. Vor dem, was eindeutig sein möchte. Was keine Risse, keine Unebenheiten, keine Lücken kennt. Ich glaube vielmehr an das Zergliederte, das Zerstückelte, das Kleinteilige, das Vielschichtige, das Unebene, das Unterbrochene und neu Gedachte, das Widerrufene, das Zweifelnde, das Verworrene, den Wirrwarr aus vielen unterschiedlichen Blicken.

Schirme
„Schirme“, Heinrich Reisenbauer, 1995 (Landessammlungen Niederösterreich)
Ein Schirm ist ein Schirm ist ein Schirm ist ein Schirm ist ein Schirm ist ein Schirm usw. Pustekuchen. Den Schirm gibt es nicht. Ein Schirm ist kein Stempel. Es gibt nur: Schirme. Jeder anders. Und sie schützen uns bei Weitem nicht vor allem, wovor wir uns Schutz wünschen. Sie schirmen uns nicht von all dem ab. Schon gar nicht von der Melancholie. Ich finde das beruhigend. Ich kann mich nicht sattsehen an diesen Schirmen, von denen jeder auf seine eigene Weise unzulänglich ist.

Helene
Fotografie Helene von Druskowitz (Klassik Stiftung Weimar)
Ich hätte mich gern mit dir unterhalten, Helene. Ich hätte gerne erfahren, wie es dir wirklich ging. Mit der Liebe, mit dem Kampf. Mit dem, wofür du dich eingesetzt hast. Mit der Melancholie. Und damit, dich am Ende in psychiatrischen Anstalten wiederzufinden. Ich frage mich: Warum? Warum du? Und wäre es dir heutzutage anders ergangen? Heute, wo du hättest lieben können, wen du willst? Ich frage mich auch: Könntest du das heute wirklich? Sind wir tatsächlich alle so weit, dass dir die gleichgeschlechtliche Liebe heutzutage kein Verhängnis mehr wäre? Dass all das, wofür du dich eingesetzt hast (Frauenrechte!) – vollkommen und überall anerkannt ist?
Ich behaupte: Wir sind nicht so weit. Längst nicht überall auf der Welt.
Längst nicht.
Wie würdest du das sehen? Was hast du dir insgeheim gedacht, in all den Jahren in den Anstalten?
Ich finde: Dein Blick verrät, dass du innerlich sehr klar warst. Dass du dich nicht gescheut hast, etwas Großes zu sehen. Ich behalte mir deinen Blick in Erinnerung. Ich nehme ihn mit. Für düstere Tage.

Head divided
„A head divided into thirty seven compartments“, nach O. S. Fowler, um 1840 (Wellcome Collection)
Wir hätten es gerne einfach. Gerade in den düsteren Tagen. Und sind nicht alle Tage auf ihre Art düster, wenn wir uns umschauen auf der Welt?
Wir sehnen uns nach Stempeln. Nach klaren Einteilungen. Kästchen. Erklärungen. Eindeutigen Bildern. Am liebsten möchten wir in die Köpfe der anderen hineinschauen und sofort sehen, was los ist. Haken drunter. Verstanden. So schwierig kann es ja wohl nicht sein.
Es ist aber schwierig.
Es gibt keine eindeutigen Bilder.
Schon gar keine Erklärung.
Jeder Kopf ist auf seine eigene Art zerteilt. Kein Schädel ist seinem Inhalt gewachsen.
Wenn wir ehrlich wären, alle mit uns selbst, wenn wir uns wirklich umschauen würden, offen und ohne Scheuklappen, ohne in Kästchen zu denken – dann wären wir alle melancholisch. Es bliebe uns gar nichts anderes übrig als die Melancholie. Und sie kann gut sein. Sie kann uns tragen. Sie macht uns empfänglich und empathisch. Sie lässt uns spüren, fühlen, weiterdenken.
Unsere Melancholie lässt sich nicht einteilen.
Darin liegt ihre Kraft.

Eine Wahnsinnige
„Eine Wahnsinnige“, Fortunato Bello, 1856 (Österreichische Galerie Belvedere)
Ich erkenne mich wieder. Ich erkenne den Blick. Ich kenne die Momente oder auch ganze Tage, an denen die Kleidung nur verrutscht und nachlässig an einer hängt. Weil es rundum zu vieles gibt, was dringlicher ist, als die Kleidung zu ordnen und den Blick zu schärfen. Weil eine allem rundum nur noch mit Melancholie und verrutschter Kleidung begegnen kann.
Nennt mich eine Wahnsinnige. Aber: Dies ist eine Einladung. Eine Einladung in den Narrenturm. Eine Einladung, sich auf die Melancholie einzulassen. Sich einmal nicht um das Outfit zu kümmern. Das Auftreten. Den Lidstrich. Die Ausstrahlung. Die Frisur. Den nächsten Termin. Die Haltung. Die offenen Rechnungen. Die Timeline. Das gesunde Mittagessen. Die ausreichende Bewegung. Die Richtlinien. Die sogenannte Work-Life-Balance (und mal ehrlich – wie soll es die denn je geben können?).
Dies ist eine Einladung zur expliziten, ganz persönlichen, eigenen Melancholie. Eine Einladung, diese zu suchen, diese zu erkennen. Ihr zuzuwinken. Sie hereinzulassen. Sie zu begrüßen, sie anzuerkennen und ihr den Raum zu geben, den sie braucht.
Ich glaube daran, dass die Melancholie uns stark machen kann. Weil sie sich eben nicht fassen lässt. Weil sie sich eben nicht beurteilen lässt. Weil sie nicht zu berechnen und zu kalkulieren ist. Weil wir ein Recht auf sie haben. Weil sie uns öffnet und weich und groß und warm werden lässt. Anstatt verschlossen und hart und klein und kalt.
