Die Landesausstellung „Wenn die Welt Kopf steht – Mensch. Psyche. Gesundheit“ muss man sich wohl als einigermaßen komplexes Unterfangen vorstellen. Am Gelände des Landesklinikums Mauer entsteht neben der Hauptausstellung im Haus 21, die den gesellschaftlichen Umgang mit psychiatrischen Erkrankungen beleuchtet, ein Lernort über die NS-Medizinverbrechen (siehe dazu den nächsten Beitrag) sowie ein kuratierter Rundweg. Der Historiker und Kurator Niko Wahl entwickelte gemeinsam mit Armin Laussegger, Leiter der Landessammlungen Niederösterreich, und mithilfe eines rund 30-köpfigen Fachbeirats das Konzept der Ausstellung. Vier Abschnitte, gegliedert in 21 Minikapitel – Wahl nennt sie „Sinneinheiten“ – strukturieren die Schau. Sie kombiniert Kunstwerke, Dokumente, Objekte von Betroffenen, historische Exponate aus dem Klinikalltag und vieles mehr mit Interviews, in denen auch Patientinnen und Patienten zu Wort kommen. Niko Wahl hat langjährige Erfahrung im Ausstellungsmachen zu historischen Themen und wählt dabei bisweilen unkonventionelle und damit umso spannendere Wege. Im Interview mit morgen erzählt er über seine Herangehensweisen und Erfahrungen, seinen Zugang zum Thema Psychiatrie, die Landessammlungen Niederösterreich, partizipatives Kuratieren und über den Umgang mit verdienstvollen, aber NS-belasteten Persönlichkeiten.

Interview Niko Wahl
„Derselbe Zustand wurde verdammt und erhöht“
Niko Wahl, Co-Kurator der Niederösterreichischen Landesausstellung „Wenn die Welt Kopf steht – Mensch. Psyche. Gesundheit“, über seinen Zugang zum Thema Psychiatrie, die Landessammlungen Niederösterreich, partizipatives Kuratieren und den Umgang mit verdienstvollen, aber NS-belasteten Persönlichkeiten.
Eine frühe Erfahrung in Ihrer Arbeit waren Interviews mit Holocaust-Überlebenden in New York. Wie hat Sie das geprägt?
Niko Wahl
:Ich kam von der Oral History, also einem Zugang, der stark auf Menschen bezogen ist. Bei dem Projekt in New York waren die sozialen Begegnungen ebenso wichtig wie die historische Dokumentation. Ich glaube, das beeinflusst mein Kuratieren bis heute. Es geht um Begegnungen mit Menschen im Raum.
Ein anderer Pol der kuratorischen Arbeit ist die Beschäftigung mit Sammlungen aller Art, unter anderem den Landessammlungen Niederösterreich. Wie sind diese einzuordnen?
Sie sind so groß, dass sie kaum zu überblicken sind. Das digitale Portal ist ein Leuchtturmprojekt. In der Sammlung findet man unglaubliche Bestände und Reichtümer. Aber die Ausstellung speist sich auch aus Objekten des Landesklinikums Mauer, die nun teilweise in den Besitz der Landessammlungen übergegangen sind.
Kuratoren und Kuratorinnen leiden oft darunter, dass sie die Anzahl der Exponate reduzieren müssen – was oft nicht nur aus Platzgründen nötig ist, sondern auch, um eine Erzählung besser darstellen zu können. Wie greifen Objekte und Narrativ in der Landesausstellung ineinander?
Beim Format Landesausstellung erwartet das Publikum, viel zu sehen – so viel Reduktion ist da gar nicht erwünscht. Bei der Auswahl der Exponate geht man zunächst inhaltlich vor und fragt: Was gibt es dazu? Manche Objekte sind so großartig, dass man sich fragt, wie sie hineinpassen könnten. Manche davon tragen selbst eine Geschichte in sich. Zum Beispiel eine Stellwand mit einem vergitterten Loch in der Mitte. Ich konnte sie zunächst nicht identifizieren, aber sie entpuppte sich als mobiler Beichtstuhl. Der Geistliche und der Beichtende sehen einander zwar vor der Beichte und danach, aber währenddessen eben nicht. Ein weiteres sehr tolles Objekt ist ein Bild von August Lancedelli, einem akademischen Maler, der auch Patient war. Es ist die Kopie eines Gemäldes von Tony Robert-Fleury, das die Veränderung der Situation für Insassinnen und Insassen der Pariser Salpêtrière um 1795 darstellt. Zuvor waren die Leute dort sehr schlimm untergebracht, sogar mit Ketten gefesselt. Auf dem Bild befreit sie Philippe Pinel, der Begründer der modernen Psychiatrie und damals leitender Arzt der Salpêtrière, davon. Das wurde als großer Fortschritt dargestellt und zog sich bis nach Mauer, wo man offenbar auch das Gemälde kannte, das als Stich verbreitet war.
Eine Landesausstellung ist ein Riesenprojekt, wie geht man grundsätzlich an so etwas heran?
Mein Glück war, dass ich mich knapp davor für die Neuaufstellung des Wiener Josephinums mit dem Thema beschäftigt hatte und schon zuvor im Kontext meiner Auseinandersetzung mit NS-Geschichte. Ich schlug zunächst ein Grobkonzept vor, bei dem der Beirat der Landesausstellung noch viel Input gab – was sehr meiner Arbeitsweise entspricht, ich bin kein Einzelkämpfer. Als medizinische Begleitung lud die Landesausstellung Christian Korbel, den ärztlichen Direktor in Mauer, und den Psychiater und Schriftsteller Paulus Hochgatterer ein. Mein Konzept war ihnen zunächst zu historisch. Daraufhin drehte ich es weiter, richtete es mehr in die Gegenwart, was dem Ganzen sehr guttat. Darüber hinaus leistete auch der Zeithistoriker Herwig Czech viel Beratungsarbeit.
Wie gelingt der Brückenschlag zwischen Vergangenheit und Gegenwart?
Die Landesausstellung besteht aus 21 Sinneinheiten. Diesen sind sehr kurze Interviews vorangestellt. Sie schauen aus der Gegenwart und dem Persönlichen in diese Themen hinein. Dann geht man in der Geschichte zurück. Gerade bei der Psychiatrie kann man zum Beispiel fragen: Wie ging man mit einer depressiven Stimmung vor 300 Jahren um im Gegensatz zu heute, wo es Medikation gibt? Das erste Viertel der Ausstellung befasst sich mit Einordnungen. Psychische Ausnahmezustände wurden geahndet, als Besessenheit betrachtet oder, bis heute, auch als Erleuchtung gesehen – in dem Sinn, dass sie von Personen, die als Genie gelten, fast schon erwartet werden. Derselbe Zustand wurde also einmal verdammt, dann wieder erhöht. Heute gibt es Medikation, und man weiß, dass Depressionen auch wieder vergehen können.
Ein Ansatz in Ihrer Arbeit ist das „partizipative Kuratieren“, also dass die Menschen, um die es geht, sehr stark beteiligt sind, beispielsweise in einem jüngeren Projekt zur NS-Zeit im Wiener Goethehof. In der Landesausstellung gibt es, wie erwähnt, Interviews mit Betroffenen, Angehörigen, Pflegenden. Ist das schon partizipatives Kuratieren?
Je kleiner die Projekte sind, desto tiefer kann eine Partizipation gehen – im Goethehof reichte das schon in die Co-Kreation. Dort arbeiten alle auf Augenhöhe, weiter geht es nicht mehr. Am anderen Ende der Skala kann man streiten, ob es überhaupt schon Partizipation ist – zum Beispiel das Drücken eines Knopfs. Alles hat seine Berechtigung. Bei großen Ausstellungen ist für mich nicht das Ziel, den äußersten Grad an Partizipation zu erreichen. Bei der Landesausstellung gibt es partizipative Elemente durch den Beirat und durch die Interviews, geführt von der Filmemacherin Teresa Distelberger.
Das ist ein Schritt in Richtung Entstigmatisierung.
Die Landesausstellung läuft im Landesklinikum neben dem regulären Betrieb. Was ist von dieser Parallelführung zu erwarten?
Das ist sehr spannend. Das Publikum betritt die Ausstellung zwar durch das Direktionsgebäude, aber ist dann zu einem Rundgang über das Gelände eingeladen. Es ist ein lebendiger Ort. Ich begegne Personen, von denen ich nicht weiß, ob sie Gäste der Ausstellung sind oder eine Therapie besuchen oder beides. Es stellt sich vielleicht auch die Frage: Was denken die anderen, die mir entgegenkommen, über meinen Grund, hier zu sein? Ist mir das egal? Das ist ein Schritt in Richtung Entstigmatisierung.
Der bereits erwähnte Zeithistoriker Herwig Czech forschte über Hans Asperger, dessen Dissertation aus dem Jahr 1943 ausgestellt wird. Wie ist das eingebettet?
Es gibt ja auch den Lernort, der die NS-Zeit vertieft. Doch es war wichtig, diese auch in der Ausstellung selbst zu thematisieren. Ein Teil davon befasst sich explizit und ausschließlich mit den NS-Mordvorgängen. Zudem gibt es überall in der Ausstellung Bezüge zur NS-Zeit, zum Beispiel das Foto einer Patientin, die eine widerständische Biografie hatte. Was Asperger betrifft, so ist Czechs Forschung enorm wichtig. Wie er zeigte, stellte Asperger Patientendiagnosen, die zur Vernichtung führten, und er war sich dessen bewusst – auch wenn er nicht wie Heinrich Gross aktiv Kinder ermordete. Das stellen wir in genau dieser Komplexität hin.
Was hat sich im Zugang zum Kuratieren in den vergangenen 25 Jahren verändert, im Diskurs, in der Herangehensweise?
Fast alles. Früher existierten keine Kuratorenausbildungen, das ist heute grundlegend anders. Ebenso positiv ist, dass es viel mehr Diskurs und dadurch mehr inhaltliche Freiheiten gibt. Aber auch mehr Erfolgsdruck. ● ○