Landessammlungen NÖ – Sammlung Zambo, Deutschland © Arnulf Rainer
Landessammlungen NÖ – Sammlung Zambo, Deutschland © Arnulf Rainer

Arnulf Rainer & Art brut

„Die Tiefsee, wo auch der Wahnsinn haust“


Das Badener Arnulf-Rainer-Museum zeigt, wie Art brut den Künstler Arnulf Rainer beeinflusste. Unsere Autorin warf einen Blick in die Ausstellung und schildert hier ihre Eindrücke; wir zeigen auf den folgenden Seiten einige der Highlights daraus.
Rezension: Ramona Heinlein

Die Suche nach einem unverstellten Ausdruck des Selbst, verschüttet unter bürgerlichen Normen, scheint eine Triebfeder in Arnulf Rainers Kunst zu sein. Immer wieder versuchte er, das disziplinierte Bewusstsein auszuschalten, zum Beispiel durch Hyperventilation oder Drogen aller Art – Meskalin, Psilocybin, Alkohol, LSD. Ebenso verband er sich die Augen beim Zeichnen oder trug die Farben mit bloßen Händen auf anstatt mit dem vermittelnden Pinsel.

Unter dem Begriff „Selbstreproduktion“ versteht er einen Transmissionsakt im Zuge des schöpferischen Prozesses, bei dem er die eigene Tiefensubstanz unzensiert in die Welt trägt, indem er psychische Schichten durchdringt. Diese Unmittelbarkeit mag Rainer zufolge gerade jenen Künstlerinnen und Künstlern gelingen, die die Gesellschaft als „verrückt“ oder „abweichend“ stigmatisiert. Im Badener Arnulf-Rainer-Museum beleuchtet die aktuelle Ausstellung „Arnulf Rainer & Art brut“ (Kuratoren: Nikolaus Kratzer, Helmut Zambo) die Outsider Art als zentrale Inspiration seines Schaffens.

Konvulsive Schönheit

Der am 18. Dezember 2025 im Alter von 96 Jahren verstorbene Arnulf Rainer besaß eine große Sammlung der Art brut, die er ursprünglich über den Surrealismus kennenlernte. 1967 schrieb er über seine Faszination: „Noch mehr ist es, solange der Sauerstoff reicht, hinabzutauchen in jene Tiefsee, wo auch der Wahnsinn haust. Unendlicher Reichtum, konvulsive Schönheit, unglaubliche Wesen, Könige, Wälder, Gärten, Prinzessinnen, Architekturen, Edelsteine, Wolkenkinder, alles prächtiger als in eurer Kultur, habe ich dort gesehen.“

Eine besondere Verbindung besteht mit den Künstlern aus der psychiatrischen Einrichtung in Maria Gugging, wo schon in den 1950er-Jahren Zeichentests mit Patienten durchgeführt wurden. Rainer stand in regem Austausch mit dem dort tätigen Psychiater Leo Navratil, dessen Konvolut ebenso Teil der Ausstellung ist wie die Sammlung Helmut Zambos, den Rainer selbst auf die Gugginger aufmerksam machte.

Kollaborationen

Die Schau, die Rainers ikonische Übermalungen und seismografische Gesten im Dialog mit verschiedenen Art-brut-Künstlern und -Künstlerinnen zeigt, beginnt mit drei kollaborativ gestalteten Arbeiten: Zwei sind gemeinsam mit Fritz Koller, eine mit Johann Hauser entstanden. In Petersburger Hängung kommen die informellen Setzungen von Rainer mit denen Rudolf Liembergers zusammen. Seine berühmte Übermalung „Der Fliegenesser“ (1966) zeigt sich in­spi­riert von Johann Hauser. Diesem ist ein angrenzender Raum gewidmet, seine Druckgrafik „Elefant 1“ (1968) übermalte Rainer 1971 in der Arbeit „Elefant im Gestrüpp“. In der Ausstellung steht sie stellvertretend für insgesamt 27 Druckgrafiken von Gugginger Künstlern, die Rainer bearbeitete, wobei diese wiederum 31 von seinen Druckgrafiken übermalten. Dabei fällt auf, dass in der Schau zwar weibliche Körper zu sehen sind, darunter Hausers beunruhigende Frauendarstellungen mit grotesk überzeichneten Geschlechtsteilen, Künstlerinnen aber nur am Rande – mit wenigen Werken von Gertrude Honzatko-Mediz und Margarethe Held – vorkommen. In Gugging förderte Leo Navratil ausschließlich Herren, weil er die Männerabteilung leitete. Und erst in den vergangenen Jahren beginnt sich im Kunstbetrieb die Erkenntnis durchzusetzen, dass Frauen wichtige Art-brut-Werke geschaffen haben, etwa durch Ausstellungen wie „Flying High – Künstlerinnen der Art brut“ im Kunstforum Wien 2019.

Ungehemmte Innerlichkeit

Die Sehnsucht nach einer ungehemmten wie authentischen Innerlichkeit, die untrennbar an der anachronistischen Idee eines allein aus sich schöpfenden Genies hängt, wird im Kontext der Art brut häufig reproduziert. Auch die Ausstellung in Baden hält an diesem Vokabular fest. Einmal mehr wird deutlich, wie schwierig es ist, vermeintlich von Kultur und Kunstgeschichte unbeeinflusste Praktiken zu kontextualisieren, ohne diese unweigerlich zu romantisieren und exotisieren. Was als „roh“ gilt, wird außerdem durch akademische Filter entschieden, inklusive struktureller Machtverhältnisse in Prozessen der Kanonisierung und der Konstruktion des „Anderen“. Dabei stellt sich noch immer die Frage, ob der Dualismus zwischen Krankheit und Gesundheit überhaupt zur Kategorisierung von Kunst taugt. Rainer selbst argumentierte zumindest emphatisch dagegen. ● ○