© Katharina Fröschl-Roßboth
© Katharina Fröschl-Roßboth

Kultur • Hochgatterer

„Das Unbewusste untergräbt unser Ego“


Paulus Hochgatterer hat zwei Berufe: Er ist sowohl Autor als auch Psychiater. Der Schriftsteller Thomas Sautner befasste sich für seinen breit rezipierten Roman „Pavillon 44“ intensiv mit dem Leben in einer psychiatrischen Klinik und unterschiedlichen Geisteszuständen. Für morgen bat er Hochgatterer zu einem kollegialen und streckenweise überaus launigen Gespräch über das Sprechen mit Katzen, die Kunst des Sich-sinnvoll-Sorgen-Machens und sein Rendezvous mit der Schönheit der Sprache. Entgegen journalistischen Konventionen ist es in der Du-Form wiedergegeben.

Lieber Paulus, wie ich aus einem deiner Bücher weiß, sprichst du mit deinen Katzen. Das machen ja viele Katzenbesitzer, deine beiden aber sprechen nicht Katzisch, sondern freundlicherweise österreichisches Deutsch mit dir. Du hörst sie im Kopf also in deiner Sprache reden?

Paulus Hochgatterer

:

Hm, das klingt jetzt natürlich seltsam, und so habe ich das noch nicht durchgedacht, aber ja, sie sprechen natürlich in meinem Kopf, was ich mit meinen Worten hören will.

Das ist mir mit meinen Katzen nie gelungen. Ich habe immer nur interpretiert, was sie mir vormiauten.

Mio zum Beispiel, die jüngere, steht vor der Terrassentür, und wenn sie in einem bestimmten Ton was sagt, weiß ich, sie sagt: „Ich will jetzt rein.“

Das ist ja simpel, bewegen sich eure Gespräche auch auf qualifizierterem Terrain? Was lehren dich deine Katzen?

Sie lehren mich etwa, auf meine Bedürfnisse zu achten. Petzi, die ältere, beispielsweise sagt: „Geh jetzt mit, wir legen uns auf den blauen Teppich und du streichelst mich und das wird dich entspannen.“ Daraufhin geht Petzi vor mir her, und es passiert genau das, was sie mir zuvor gesagt hat.

Cool.

Und Katzen sind so schlau, dass sie einen glauben machen, dass wir mit dem Befriedigen ihrer Bedürfnisse auch unsere befriedigen.

Das haben sie mit uns Menschen gemeinsam.

Richtig.

Konsultierst du deine Katzen auch in beruflichen Angelegen-heiten?

Du meinst, wie komme ich über eine Schreibblockade hinweg?

Ja, zum Beispiel. Verfügst du in Wirklichkeit über zwei Katzen-Ghostwriter?

Leider nicht. Ich liege meistens einfach nur bei ihnen auf der Couch.

Und die Katzen therapieren dich

Genau

Eines der schönsten und spannendsten Stücke Robert Schumanns, die Sonate für Violine und Klavier Nr. 2 in D-Moll, Opus 121, wäre nicht an die Öffentlichkeit gelangt, wenn es nach den Ärzten des Komponisten und einem Teil seines Umfelds gegangen wäre. Schumanns Spätwerk, befanden sie, sei nicht seiner Genialität, sondern seiner psychischen Krankheit geschuldet. Erst später wurde erkannt, dass Schumann seiner Zeit voraus gewesen war, neue Horizonte erschlossen hatte. Gibt es große Kunst nur deshalb, weil wir Menschen lebensanfällige Wesen sind?

Vermutlich ist das so. Für Kunst ist nicht nur Können nötig. Genie ist vielleicht ein zu großes Wort, aber es beginnt mit einer Gabe, einer Veranlagung. Künstler – Robert Schumann ist ein gutes Beispiel – sind oft dünnhäutig, sie haben ein Sensorium für die Dinge; eine Wachheit und Sensibilität, über die andere nicht verfügen.

Woher kam bei dir die Lust an der Sprache?

Ich denke, Kinder sind von Natur aus wiss- und lernbegierig, besitzen von Geburt an ein Gefühl für Melodie, für Rhythmus. Zweijährige können tanzen, ohne dass sie es je gelernt haben. Insofern sind alle Kinder Künstler. Wir Erwachsenen treiben ihnen das nur leider manchmal aus. Mein Vater war Deutschlehrer, in seinem Bedürfnis nach sprachlicher Korrektheit ermöglichte er mir den Zugang zu Rechtschreibung, zu Beistrichregeln …

… was dich nicht verhindert hat als Schriftsteller.

Es hat sogar eine Wendung hin zur Freude an eleganter Formulierung gebracht. Er hat mich motiviert, so zu schreiben, dass der Text nicht nur nach den Konventionen stimmt, sondern darüber hinaus Spaß macht.

Als Kinderpsychiater hast du dich über Jahrzehnte mit Kinderseelen beschäftigt. Was ist deine wichtigste Lehre nach all den Erfahrungen?

Abgesehen von der Liebe, die Kinder brauchen: dass wir sie einfach mehr lassen sollten. Das eigene Kind lässt man ja meist deshalb nicht, weil man Angst hat, dass es versagt, schlechte Noten bekommt, später einmal womöglich nicht im Leben besteht. Tatsächlich aber könnten wir mutiger sein, weniger ängstlich, mehr Vertrauen in unsere Kinder haben.

Als Erwachsene reden wir ja nicht nur den Kindern drein, sondern auch uns gegenseitig. Die Idioten sind immer die anderen. Wie kommt es, dass wir uns selbst für ziemlich schlau halten, obwohl wir eine Sekunde danach solch überschießende Selbstzweifel haben?

Das würde mich als Psychiater nicht irritieren. Gefährlich wird’s, wenn sich Menschen für besonders schlau halten und das kein Ende nimmt.

Das gibt’s?

Das ist mitunter die Regel.

Ich dachte, jeder hat Selbstzweifel. Ich kenne niemanden ohne.

Oh nein, glaub mir, es gibt erstaunlich viele, die von Selbstzweifeln befreit sind. Überlege doch einmal, zum Beispiel welche Kollegen du so kennst.

Wir tun alle wahnsinnige Dinge.

Verrückte Künstler und Schriftsteller gelten nicht, jetzt machst du es dir zu einfach.

Wobei der zur Schau getragene Narzissmus in erster Linie meist der Abwehr von Minderwertigkeitsgefühlen und Ängsten dient. Narzissmus ist lediglich ein psychischer Überlebens- und Kompensationsmechanismus von vielen. Man darf die Attitüden von Narzissten im Umgang mit ihnen also in diesem Licht sehen, das nimmt dem Ganzen etwas an Schärfe.

Die Welt wird immer verrückter, sagen die Leute. Aber sagten die Leute das nicht immer schon? Warum erscheint uns die Welt immer verrückter, obwohl sie doch immer gleich verrückt ist?

Das hat, glaube ich, evolutionspsychologische Gründe. Um unseren Nachkommen – und Evolution heißt ja immer Sicherung der Nachkommenschaft – Sicherheit und gedeihliches Aufwachsen zu gewährleisten, braucht es immer unsere Sorge, Vorsorge, Wachsamkeit, kurzum die Angst, dass irgendwas schiefgehen könnte. Genauso gibt’s ja immer schon und in jeder Generation die Meinung, dass die Jugend verroht, ungebildet ist, frech, primitiv und jedenfalls untauglich für die Zukunft. Diese Meinung und diese Angst verstärken unsere Bemühungen, die Jungen zu fördern und zu behüten. Evolutionstypologisch ist die Sorge, dass die Welt immer verrückter und die Jugend immer untauglicher wird, also unrealistisch, aber zugleich hoch sinnvoll.

Der von dir gerne zitierte Philosoph Odo Marquard sagt: „Wir leben in einer Welt, in der immer schneller alles anders wird.“ Hält der Mensch mit der von ihm geschaffenen Entwicklung nicht mehr Schritt? Wirft er sich beim Überhol- und Überrundungsvorgang seiner selbst aus der Bahn?

Die Schleife finde ich interessant. Wir selbst sind es ja, die uns wahnsinnig machen, unser eigener Fortschritt ist es, unsere Hektik. Evolutionär ist es eine interessante Frage, wozu das gut ist. Odo Marquard sagt ja auch, dass wir alle Kompensationswesen sind. Wir tun wahnsinnige Dinge und sind zugleich damit beschäftigt, unseren Wahnsinn auszugleichen. Wir beschleunigen unsere Lebensart exponentiell, versuchen aber dagegenzuhalten, indem wir eine Kultur des Bewahrens etablieren.

Mitunter macht uns dieses Hin und Her schlaflos. Wobei im Schlaf, wie uns die Neurologie lehrt, das Allerwichtigste passiert: Das tagsüber neu Angelegte findet seine Position und stabilisiert sich. Entscheidet sich das Menschsein demnach im Schlaf?

Gefinkelte Frage. Gewiss ist, dass sich das Menschsein nicht nur im bewussten Zustand entscheidet. Und sicher ist auch, dass das Unbewusste im Schlaf unterschätzt wird. Es ist unabdingbar als Ergänzung zum Bewussten und zumindest genauso wichtig. Zumindest.

Ist der Schlaf die Katze des Menschen?

Ja! Das gefällt mir! Der Schlaf ist die Katze des Menschen!

Die weise Katze? Oder ist das ein Pleonasmus?

Ja, Mio und Petzi sehen das eindeutig als Pleonasmus.

Wir alle erlitten im Laufe unseres bisherigen Lebens psychische Verletzungen. Ist das der Grund für den Zustand der Welt? Der Kreislauf unserer Selbst- und Fremdbeschädigung?

Wir alle sind permanent damit beschäftigt, unsere kleineren und größeren psychischen Verletzungen so in unser Seelenleben zu integrieren, dass wir dennoch gut leben können. Meistens funktioniert das auch. Wenn nicht, nehmen wir Schaden und, ja, infolge auch oft die Gesellschaft um uns.

Täusche ich mich, oder gehen die Leute mit einem gebrochenen Finger in der Regel eher zum Arzt als mit einer gebrochenen Seele?

In der Regel wird das so sein.

Und das, obwohl wir uns doch dringender um die gebrochene Seele kümmern müssten, denn einen gebrochenen Finger geben wir nicht an unsere Kinder und unsere Umwelt weiter, die innere Verletzung sehr wohl.

Ja, das ist ein wichtiges Argument. Psychische Verletzungen geben wir weiter, wenn sie nicht rechtzeitig behandelt werden. Das wird nach wie vor unterschätzt, dessen sollten wir uns als Gesellschaft bewusster werden.

Warum scheint uns unsere Seele oft so fern?

Warum scheint uns unser Unbewusstes, unsere Seele oft so fern?

Weil wir merken, dass wir mit unserem Bewusstsein nicht autonom sind, nicht der ultimative Entscheider. Das ist – nach der kosmischen Kränkung, dass wir auf der Erde nicht der Mittelpunkt des Universums sind – die zweite große menschliche Kränkung. Das Unbewusste greift massiv in unsere Gedanken- und Gefühlswelt ein, im Unterschied zum Bewusstsein ist es von uns aber nicht kontrollierbar, darum erscheint es uns als fern, obwohl es doch im Zentrum unseres Selbst liegt. Es untergräbt unser Ego, deshalb lehnen wir es oft ab, verdrängen es. Dabei ist das Unbewusste das Einzige, auf das wir uns verlassen können, denn es ist unbestechlich, es lässt sich – anders als das Bewusstsein – kaum manipulieren und ist zugleich immer da für uns, als Wächter, Warner und Berater.

Rilke sagte: „Ich habe ein Inneres, von dem ich nicht wusste.“ Ist das Unbewusste für unsere Persönlichkeit das, was literarischen Texten ihre geheimnisvolle, kaum festzumachende Grundmelodie ist?

Durchaus. Das Wesentliche im Leben wie in der Literatur bleibt oft unbewusst, steht oft unsichtbar zwischen den Zeilen. Als Schreibende und Lesende kennen wir diese Erfahrung ja sehr gut und genießen sie: Der Zauber eines großen Texts, er entsteht dank der Balance aus Gesagtem und intuitiv Gefühltem. ● ○