Sedemdesiat sukien mala / a predsa sa nevydala / a ja nemám iba, iba jednu / pýtajú ma až za Viedňu.
Sie hatte siebzig Röcke / und dennoch fand sie keinen Mann. / Ich besitze nur einen einzigen / und bekomme Anträge von hier bis nach Wien.
Ein Volkslied, leicht geträllert und doch voller Gewicht. Es erzählt von Stoff und Sehnsucht, von Besitz und Begehren. Von der unausgesprochenen Rechnung, die man einst über das Leben eines Mädchens aufstellte: Je reicher die Aussteuer, umso größer die Hoffnung auf ein gutes Leben.
In Pata, dem Dorf, aus dem meine Familie stammt, war es bis in die 50er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts üblich, dass Mädchen etwa ab dem 15. Lebensjahr an ihrer Aussteuer arbeiteten. Bettzeug nähen, Vorhänge häkeln, Tischtücher säumen. Das Herzstück der textilen Handarbeiten war natürlich das Hochzeitsdirndl.
Am einfachsten war es, den Rock zu nähen. Für den Alltag aus Baumwolle, für Festtage aus teurer Merinowolle mit buntem Blumenmuster. In der Taille fein gerafft, am Saum mit Spitzen- oder Satinstreifen geschmückt. Ich erinnere mich an die Weichheit dieser Stoffe, die nach Ferne rochen. Verwandte aus Amerika hatten sie geschickt, die einst aufgebrochen waren, um Arbeit zu finden, und nie zurückkehrten. Was sie in die Pakete legten, war mehr als Stoff, es war ein leiser Versuch, die Distanz zu überwinden, vielleicht auch eine Prise Schuldgefühl, weil sie Vater und Mutter im Alter zurückgelassen hatten.
Die Winter gehörten den Stickereien. Stundenlang beugten sich die Frauen über Schürzen und Blusen und ließen darauf Blumenornamente entstehen. Die Vorlagen dafür gingen von Hand zu Hand und wurden wie kostbare Schätze gehütet, denn nur wenige waren imstande, neue zu erfinden. Meine Tante Petra war eine von ihnen. Sie dachte beim Zeichnen in grafischen Wiederholungen, lange bevor man dafür das Wort „Design“ erfand. Sie verstand, wie sich ein Ornament brechen musste, um sich zu vervielfachen, wie aus einem Motiv plötzlich ein ganzes Geflecht werden konnte.
Als Meisterstück der Tracht galt der Lajblík, der Leib. Ein knappes Gilet aus Brokat, geschmückt mit Glitzer, Spitzen und bunten Glasknöpfen, dessen Fertigung unzählige Stunden beanspruchte. Auch hier waren der Kreativität keine Grenzen gesetzt: einfärbig, mehrfärbig oder kunterbunt.
Ich selbst bin keine Dirndlträgerin. Ich war es weder in der Slowakei, noch bin ich es in Österreich. Traditionelle Kleidung betrachte ich eher als Kunsthandwerk – als angewandte Kunst, wenn man so will. Vierzig Jahre dauerte es, bis ich bereit war, zu einer Hochzeit ein österreichisches Trachtenkleid anzuziehen. An diesem Tag nannte mich mein Nachbar ein „fesches Dirndl“.
Vor nicht allzu langer Zeit führte mich mein Weg in das Dorf Čajkov. Gabika, eine junge, moderne Frau und Mutter zweier Kleinkinder, fragte mich, ob ich die Trachtensammlung ihrer Großmutter sehen wolle. Natürlich wollte ich.
Frau Terézia, Gabikas Großmutter, gebückt unter der Last ihrer 88 Jahre, wartete bereits im Hof auf uns. Auf einen Stock gestützt führte sie uns in ihr Zimmer, in dem ein Bett und drei große alte Schränke standen. Sie öffnete einen davon und zog einen gerafften Rock heraus, der aus zwei Teilen bestand. Schon der in tiefe Falten gelegte Brokatstoff war ein Blickfang, ein leuchtendes Stück Vergangenheit.
„Dieses Kleid habe ich bei meiner Hochzeit getragen“, sagte Frau Terézia und zeigte auf eine blühende Kombination aus Rock, Bluse und Leib. Nach und nach präsentierte sie weitere Stücke und breitete sie auf Tisch, Bett und Couch aus: farbenfrohe Ensembles zum Tanzen und Ausgehen, Trachten in ruhigeren Farben für den Kirchgang und ganz schwarze Kleider für Begräbnisse. Dann griff sie nach den Kartons, die oben auf den Kästen standen, und holte Kopfbedeckungen für verschiedene Anlässe hervor, Partas (Brautkronen und Brautkränze), Hauben, Hüte, dazu Schuhe und Handtaschen. Lauter Schätze, die eigentlich in ein Museum gehören.
Inzwischen weiß ich, dass die Trachten aus Čajkov und der Region Tekov zu den prachtvollsten der Slowakei zählen. Berühmt sind sie für ihre aufwendig verzierten Elemente: „blinkáče“ – glitzernde Dekorationen –, Perlenapplikationen und üppige Stickereien.
Dass die Röcke, besonders die Unterröcke („spodničky“), so perfekt stehen, verdanken sie dem verborgenen Gerüst aus Papier unter dem Stoff. Es hält die Form, hat aber auch einen Nachteil: Die Trägerin kann sich nicht auf einen Stuhl setzen, sondern nur auf einen Hocker, indem sie den Rock anhebt und nach hinten hängen lässt.
„Wir sind nur noch fünf Frauen, die jeden Sonntag in der Tracht in die Kirche gehen“, sagte Frau Terézia. „Allein schaffe ich das Anziehen nicht. Meine Tochter hilft mir dabei. Trotzdem dauert es eine Stunde, bis jedes Detail sitzt.“ Vielleicht ist es das, was bleibt: Die Zeit, die man braucht, um sich in etwas zu verwandeln, das einmal selbstverständlich war.
Die Dörfer der Slowakei tragen dieses Wissen noch in sich. Jede Region, jedes Dorf formte seine eigene Geschichte aus Stoff. Ähnlich ist es in Österreich. Auch hier spiegeln echte Trachten das Leben ihrer Region wider – Landschaft, Mentalität, sogar das Klima. In den Gebirgsregionen der Slowakei gehören Pelzwesten, Pelzmützen und Wollstolas dazu, während man in jenen Österreichs Wollkniestrümpfe, Fellstiefel und robuste Lederhosen findet.
Ein Vergleich mit den österreichischen Trachten, insbesondere dem Dirndl, zeigt sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede. Das Dirndl – mit Bluse, Kleid und Schürze – erinnert in seiner Grundstruktur stark an die slowakischen Frauentrachten: Schichtungen, bestickte Textilien, Kopfbedeckungen und die Bedeutung der Farbe. Allerdings ist das Dirndl heute stärker standardisiert und modisch angepasst, während die slowakischen Trachten ursprünglich geblieben sind.
Die Trachten wurzeln in der bäuerlichen Alltags- und Festkultur Mitteleuropas, die Schönheit, Ordnung und Gemeinschaft in textile Formen übersetzt hat. Doch jede Region setzt ihre eigenen Akzente: Čajkov farbenfroh und glanzliebend, Pata zurückhaltender und klarer, Österreich mit dem Dirndl als moderner Weiterführung einer jahrhundertealten Tradition.
Als ich vor langer Zeit einen Österreicher heiratete und nach Wien übersiedelte, nahm ich als Andenken an meine alte Heimat ein traditionelles, vierteiliges Trachtenkleid mit. Die Schürze und die Bluse gehörten früher meiner Babka (Großmutter), der Rock meiner Tante Petra – und den Leib trug meine Mutter bei ihrer eigenen Hochzeit.
Und wie war das nun mit den siebzig Röcken am Anfang? ● ○