© Agnes Denes / John McGrail Courtesy Leslie Tonkonow  / Artworks + Projects, New York
© Agnes Denes / John McGrail Courtesy Leslie Tonkonow  / Artworks + Projects, New York

Kunst und Ökologie

Weizenfelder zwischen Wolkenkratzern


Von Joseph Beuys’ Kasseler „Stadtverwaldung“ über Lois Weinbergers „Garten“ im St. Pöltener Regierungsviertel bis zu Siggi Hofers neuem Projekt „Inventar 3“ entlang der Donau: Spätestens seit den 1980er-Jahren wecken Künstlerinnen und Künstler Bewusstsein für ökologische Prozesse mit Kunstwerken im öffentlichen Raum. Mit der Dringlichkeit des Anliegens hat sich auch die Wahrnehmung dieser Werke verändert – hin zu mehr Akzeptanz.

Mitten in Manhattan konnte man 1982 ein großes Weizenfeld bewundern. Zwischen den Wolkenkratzern ragten, auf dem Aushub für die Fundamente des World Trade Centers, stolze Garben kühn in die Höhe. Sie wogten im Wind und hoben sich in leuchtend goldenem Farbton von der sterilen Urbanität des Umfelds ab. „Wheatfield – A Confrontation: Battery Park Landfill, Downtown Manhattan“, eine Installation der Künstlerin Agnes Denes, verwies auf Misswirtschaft, Verschwendung, Welthunger und ökologische Probleme – gleich einem paradoxen Schauspiel pflanzte es sich vor der Silhouette von Manhattan als utopisch wirkendes Gegenüber auf, wie jüngst auf einem ikonischen Foto der Arbeit in der Ausstellung „Science/Fiction – A Non-History of Plants“ im Foto Arsenal Wien zu sehen war.

Subjekt Baum

Ebenfalls 1982 startete Joseph Beuys auf der Documenta 7 in Kassel, einem der bedeutendsten internationalen Kunstfestivals, mit der Verwirklichung seines Projekts „7.000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“. Nachdem über Jahre zuvor durch Straßenerweiterungen in Kassel bestehende Bäume den modernisierten Verkehrsbedingungen geopfert worden waren, sollten nun wieder 7.000 frisch gepflanzte Bäume die Straßen der Stadt säumen. Beuys betrachtete die Bäume als wesenhafte Subjekte, deren Rechte er wiederherstellen wollte. Seine Soziale Plastik, wie er es nannte, sollte als künstlerische und ökologische Intervention den urbanen Lebensraum nachhaltig verändern. Damit löste er in der Bevölkerung – aus heutiger Sicht kaum verständliche – Proteste aus, doch die Aktion war die größte und vielleicht richtungsweisendste in seiner Karriere.

In Lois Weinbergers Arbeiten entfaltet sich die Schönheit des Nebensächlichen.

Elfenbeindisteln

Agnes Denes’ Weizenfeld und Joseph Beuys’ Eichen können durchaus als Pionierarbeiten ökologischer Kunst im öffentlichen Raum gelten. In den vergangenen Jahrzehnten hat diese Tendenz an Bedeutung gewonnen: Klimakatastrophe, der Rückgang der Biodiversität, Bodenversiegelung und viele andere ökologische Problemfelder beschäftigen Künstlerinnen und Künstler zunehmend, stellen sich die Fragen danach doch mit immer größerer Dringlichkeit. Längst hat die Auseinandersetzung mit ökologischen Themen verstärkt Eingang in den Kunstbetrieb gefunden, zuletzt etwa bei der Klima Biennale Wien.

Einer, der am konsequentesten zum Verhältnis zwischen Natur- und Zivilisationsraum arbeitete, war Lois Weinberger, dessen Installation „Das über Pflanzen ist eins mit ihnen“ 1997 auf der Documenta X weltweit Anerkennung fand. An einem stillgelegten Bahngleis siedelte er Neophyten aus Süd- und Südosteuropa an, die er im Weiteren sich selbst überließ: Illyrische Distel vom Balkan, Ruthenische Distel aus der Ukraine, Lilien- und Elfenbeindistel aus Griechenland, Pontischen Wermut aus Spanien, Syrische Distel und Ähnliches. Die Arbeit, ein poetisch-politisches Sinnbild für die zeitgenössischen Migrationsprozesse, veranschaulicht das sich wandelnde Naturschauspiel besonders deutlich: Hauptprotagonisten sind die missachteten Ruderalpflanzen, das sogenannte Unkraut, die Pflanzen abseits der kultivierten Gärten. In Weinbergers Arbeiten entfalten sich die Kraft und die Schönheit des Nebensächlichen, des Verbannten oder an den Rand Gedrängten. Sein Naturbegriff ist von künstlicher Ästhetisierung befreit, im Mittelpunkt stehen das Wachstum, das Wandern und der Wandel von natürlichem Bewuchs, deren Bedeutung und Potenzial. Schon 1991 entwarf Weinberger einen „Wild Cube“, einen Käfig aus Stahl, der später an verschiedenen Orten umgesetzt wurde, etwa 1998/99 an der Universität Innsbruck, in der Länge von vierzig, einer Breite von vier und einer Höhe von 3,7 Metern: ein geschützter Raum, in dem angeflogene Samen ohne menschliches Zutun keimen und wachsen können. Die Skulptur ist die Pflanzengemeinschaft im Inneren des Ruderal­käfigs.

Schlichte Prägnanz: Ingeborg Strobl, „Mahnmal für verlorengegangene Artenvielfalt“, Paasdorf, 1999

© Margherita Spiluttini
© Margherita Spiluttini

Brüchige Splitter

Für Kunst im öffentlichen Raum Niederösterreich entwickelte Lois Weinberger 2002 den „Garten“, der seither auf den Betonplatten zwischen den neu errichteten Gebäuden des Regierungsviertels gedeiht und einen wunderbaren, geradezu erholsamen Kontrast zur kargen rationalen Architektur darstellt. Dicht an dicht platzierte Weinberger dafür unzählige, mit Erde befüllte, Plastikkübel. Die Bepflanzung erfolgte durch die Samen, die sich bereits zufällig in der Erde befanden, durch den Wind und durch Vögel. Der „Garten“ bleibt, wie die Kasseler Arbeit und der Ruderalkäfig, sich selbst überlassen. Das Lebendige sollte sich über das Prinzip der Ordnung legen, die Kübel sollten sich über die Jahre nur mehr als brüchige farblose Splitter zwischen dem Gewächs zeigen und er selbst, der Künstler, als Autor der Arbeit verschwinden.

Natur in den urbanen Raum zu tragen, ist eine der Strategien von Kunst im öffentlichen Raum, die sich der Ökologie verpflichtet fühlt. Eine andere ist es, im ländlichen Umfeld die Wahrnehmung von Natur und ihrem Potenzial zu stärken. So setzte die Künstlerin Ingeborg Strobl 1999 das weithin sichtbare „Mahnmal für verlorengegangene Artenvielfalt“ mitten in eine Wiese bei Paasdorf im Weinviertel. Sie gedenkt darin in schlichter Prägnanz und Eleganz dem Verlust von lokaler Eigenständigkeit und Sortenvielfalt am Beispiel der Rinderhaltung: Ein Quader aus glatt poliertem hellem Kalkstein ragt in dem landwirtschaftlich genutzten Umfeld als Monolith in puristischer Ästhetik in die Höhe. In großen vergoldeten Lettern, trägt er die Namen von Rinderarten, die in Niederösterreich zu verschiedenen Zeiten gehalten wurden: Waren es 1880 noch 14, so ist ihre Zahl 1997 auf drei geschrumpft.

Überwuchert: Lois Weinbergers „Garten“, St. Pölten, 2002

© Simon Veres
© Simon Veres

Walk on the Wild Side

Auf die lebende Vielfalt von Biodiversität dagegen lenkt Johanna Finckh die Aufmerksamkeit in ihrem Projekt „Take a Walk on the Wild Side“ im Rahmen des Viertelfestivals 2026. Sie lädt zu ihrer Ausstellung über Wildpflanzen und deren Bewohner in ihr Atelier im Zentrum von Stockerau. Am Fußweg vom Bahnhof dorthin soll ihr Publikum die Pflanzen und das kleine Getier am Wegesrand beobachten und dies auf einem angebotenen Erhebungsbogen notieren. Das neue Augenmerk auf die unmittelbare lebendige Umwelt soll, so die Intention, einen behutsameren Umgang mit ihr bewirken.

Einen abstrakteren Zugang wählt Siggi Hofer mit seinem jüngsten Projekt „Inventar 3“ entlang des Donauradwegs quer durch Niederösterreich. Auf 28 ausgedienten Schildern steht eine suggestive Wortgruppe, in der stets zwei Sub­stantive das Wort „ohne“ rahmen, etwa: „Baum ohne Krone“, „Tier ohne Scheu“, „Land ohne Mensch“. Die von Weitem lesbaren Satzfragmente begleiten den Radweg, wecken Erinnerungen und Assoziationen und bringen so mehrere Bedeutungen ins Schwingen.

Kunst im öffent­lichen Raum vermag <impulse für die ökologische Zukunft zu geben.

Denkmalgeschützt

Auch wenn die Wirkung der künstlerischen Interventionen im öffentlichen Raum kaum dokumentiert ist, ein Wandel in der Wahrnehmung und im Bewusstsein der Öffentlichkeit lässt sich feststellen: Hatte sich die Bevölkerung von Kassel zunächst strikt gegen die Eichen von Beuys gewehrt, schätzt sie diese längst ungemein – mittlerweile stehen sie sogar unter Denkmalschutz, das Stadtbild haben sie nachhaltig geprägt. Weinbergers Beitrag auf der Documenta wurde 2015 restauriert und soll weiterhin in Kassel verbleiben. Sein „Wild Cube“ stieß an seinem ersten Standort in Innsbruck zunächst auf vehementes Unverständnis, nun haben ihn Passantinnen und Passanten liebgewonnen; das überquellende Dickicht des Gestrüpps wurde sogar zum Forschungsobjekt der Universität. So vermag Kunst im öffentlichen Raum die Vorbeikommenden zu Gedanken und Gesprächen anzuregen und Impulse für unsere ökologische Zukunft zu geben. Im Rückblick auf visionäre Ideen wie jene von Beuys oder Weinberger erweist sich Kunst im Kontext ökologischer Fragen oft als pionierhaft, nimmt Zukünftiges vorweg. In den scheinbar nebensächlichen Pflanzen von Lois Weinberger, in den Rinderarten-Monolithen von Ingeborg Strobl, in Agnes Denes’ Weizenfeld kann sie eine Wirkung entfalten, die über ihre Ästhetik hinausgeht. ● ○