© Nicole Six & Paul Petritsch
© Nicole Six & Paul Petritsch

Nicole Six und Paul Petritsch

Vom Atlantik nach Klein-Meiseldorf


Nicole Six und Paul Petritsch affichierten Wandzeitungen auf Almhütten, installierten ein farbenfrohes Gerüst vor dem Dr.-Karl-Lueger-Denkmal in Wien und pflanzten Infotafeln in die Felder bei Großmugl. Mit ihren ortsspezifischen Arbeiten stellen sie auch konsequent die Frage: Kunst im öffentlichen Raum, was ist das eigentlich?

Preisfrage: Wenn ein Zettel in einer Flasche durch den Ozean treibt, an einem Strand landet, ihr Finder oder ihre Finderin dazu aufgefordert wird, diesen ausgefüllt an eine bestimmte Adresse zu schicken und er dann im Museum ausgestellt wird – handelt es sich dann um Kunst im öffentlichen Raum? Reicht es, wenn eine einzige Person ein Kunstwerk in der Öffentlichkeit rezipiert? Andererseits, vielleicht sahen mehrere Leute die Flaschenpost, die Nicole Six und Paul Petritsch als Teil ihres Projekts „Longitude/Latitude“ alle zwölf Stunden während einer Atlantiküberfahrt aus einem Schiff geworfen haben? Aber haben diese die gestrandeten Flaschen überhaupt als Kunst wahrgenommen? Ab wie vielen Personen wird Kunst im öffentlichen Raum zu solcher? Und was, um alles in der Welt, ist der öffentliche Raum überhaupt? Gehört da schon ein Tourismusbüro dazu? Oder ist das doch ein privater Ort?


Definitionsgrenzen

Wer mit dem Künstlerduo Nicole Six und Paul Petritsch über den Schwerpunkt dieses morgen zu sprechen versucht, stößt schon bei der ersten Frage an die Grenzen der eigenen Definitionen. Oder, um es mit Paul Petritsch zu sagen: „Wir denken nicht in solchen Schubladen.“ Und Six wirft die Frage auf: „Ist Kunst im öffentlichen Raum etwas mit Personenkontakt?“

Nun, vielleicht. Die Vorstellung, dass sich Kunst im öffentlichen Raum aus Skulpturen rekrutiert, die in der Landschaft herumstehen, oder Reliefs, Mosaiken und Plastiken, die fix an ein Gebäude angetackert sind, die ist zwar ohnehin schon lange veraltet. Aber wie breit das Feld tatsächlich ist, davon gibt das so konsequent gedachte wie facettenreiche Werk von Six und Petritsch, die seit 1997 zusammenarbeiten, einen Eindruck. Ihre Expertise in diesem Bereich geben sie auf unterschiedlichen Kanälen weiter: Während Six lange Zeit im Beirat für die BIG Art saß, leitet Paul Petritsch die Klasse für Ortsbezogene Kunst an der Wiener Universität für angewandte Kunst.

Eines ihrer jüngsten Projekte führten die beiden im Skiort Flachau durch, als Teil der Minus-20-Degree-Biennale. Dort markierten sie an einem Haus die Schneefallmengen diverser Jahre. „Es ist wie ein Schneearchiv“, sagt Petritsch, und er erinnert sich: „Als wir die Markierungen auftrugen, hatten wir sofort Kontakt mit Leuten, die vorbeigingen.“ Nicht nur die Kunst ist in vielen Fällen öffentlich, auch die Künstlerinnen und Künstler sind es. Das Kernstück der Arbeit war ein anderes, luden die beiden doch die Einheimischen ein, ihre Pokale für eine Ausstellung im Tourismusbüro als Leihgabe zur Verfügung zu stellen. Die großteils skifahrende Bevölkerung des Ortes, der auf seinen großen Sohn Hermann Maier stolz ist, trug mit Begeisterung ihre Trophäen aus lokalen Skirennen zusammen. „Das hat den ganzen Ort abgebildet“, so Six. „Die Leute holten ihre Pokale aus den Kellern, sogar aus den Ställen.“ Das Tourismusbüro war erfüllt vom Glanz der kleinen Triumphe, dicht an dicht drängten sich die Pokale, insgesamt 1.500 Stück. Die Eröffnung war, Fotos nach zu urteilen, wie eine Feier all jener Siege, die es nicht ins Fernsehen schaffen. Und das Schöne daran? „Es war von den Anwohnern getragen, nicht von Institutionen, sondern von den Leuten, die dort leben“, so Six.

Vermittlungsformat Inventour

Wie Kunst Menschen involvieren kann, das zeigen Six und Petritsch schon seit Jahren. Auch in Klein-Meiseldorf im Weinviertel punkteten sie mit einer Arbeit, die ihr Publikum einlädt: Mit der Gestaltung des Dorfplatzes 2020 gingen sie eng auf die Bedürfnisse und Gegebenheiten des Ortes ein, der wie viele andere mit Leerstand kämpfte. Im Dorfkern war ein Gemeindezentrum mit einem kleinen Laden entstanden. Für die Gestaltung um dieses herum wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben – Six und Petritsch konnten diesen für sich entscheiden. Von oben betrachtet, wirken die einzelnen Elemente der Gestaltung wie verstreut, doch im Gesamten ergeben sie ein ausgeklügeltes Zusammenspiel: eine Wasserstelle, für die sie sich von Schweizer Dorfbrunnen inspirieren ließen. Eine Feuerstelle, nach der das Werk benannt ist. Gesteinsbrocken aus umliegenden Steinbrüchen. Holzbalken, die variabel einsetzbar sind. „Es gibt auch eine Handyladestation – das ist wichtig heute – und eine Leinwand, die man für Sommerkino aufspannen kann“, sagt Paul Petritsch. Aus den Holzbalken kann eine Bar entstehen, wenn das Dorf feiert. „Wichtig ist, dass die Leute selbst damit umgehen können, dass sie selbst gestalten können“, findet er – und verweist auch auf die Kunstvermittlung, die „Inventour“. „Das war sehr gut eingebettet.“ So bodenständig die „Feuerstelle“ auf den ersten Blick wirken mag, sie arbeitet doch mit feinen künstlerischen Mitteln: Gesteinsbrocken erinnern an die Urzeit und das nahe Eggenburger Meer; Kreise und Linien am Boden verweisen auf den Sonnenverlauf, die Datumsgrenze, die Erde selbst sowie andere Planetensysteme.

Ist Kunst im öffentlichen Raum etwas mit Personenkontakt?

Noch weiter ins Land hinein gingen Six und Petritsch bei zwei Arbeiten, die teils mitten in den Feldern und im Wald stehen: ihre „Fußnoten in der Landschaft“ in Großmugl sowie „Aus allen Gräben … / Iz vseh grap …“ bei Bad Eisenkappel / Železna Kapla in Kärnten. Erstere Arbeit besteht aus Emailtafeln mit Zitaten von Archäologinnen, Wissenschaftlern, Ortsbewohnern, Astronominnen und anderen Personen. Sie führen zu einem Tumulus, rund 2.500 Jahre alt, 16 Meter hoch, völlig intakt und unberührt von Grabungen; sie sollen auch verhindern, dass Gäste diesen besteigen und so potenziell beschädigen. In Kärnten, bei Bad Eisenkappel / Železna Kapla, dagegen installierte das Duo eine – in Kooperation mit dem Medientheoretiker Reinhard Braun entstandene – Wandzeitung mit Texten auf Deutsch, Englisch und Slowenisch auf Wartehäuschen, Stadeln und Almhütten – eine poetische Intervention, die der Zweisprachigkeit Kärntens Rechnung trägt.

Diskussion forcieren

Während diese Arbeit nur wenige Personen pro Tag sehen, und das auch nur bei Schönwetter, passierten Zigtausende ihre 2022 entstandene Installation „LuegerTemporär“: ein Gerüst aus Sperrholz am Dr.-Karl-Lueger-Platz direkt in der Wiener Innenstadt. Dieses zeichnete sämtliche Wiener Denkmäler, die zu Ehren des einstigen Bürgermeisters bis heute existieren, als Grundrisse im Maßstab eins zu eins nach. Luegers antisemitische Haltung macht ihn untauglich für Verehrung; aus dem Grund befasste sich die Stelle für Kunst im öffentlichen Raum in Wien bereits seit Längerem mit dem bronzenen, ihm gewidmeten Monument aus dem Jahr 1926 an diesem Ort. Die Arbeit von Nicole Six und Paul Petritsch war von vornherein als vorübergehend gedacht. „Temporäre Arbeiten können eine Diskussion forcieren“, so Petritsch. „‚LuegerTemporär‘ ist kein Denkmal“, schrieb Thomas Trummer, Leiter Kunsthaus Bregenz. „Gegen den Ewigkeitsanspruch setzten Nicole Six und Paul Petritsch eine zeitliche Befristung.“ Ein bisschen versprühte die Installation den Charme von improvisierten Manifestationen und zivilgesellschaftlichen Initiativen. „Das Gerüst reizt zur unvorhersehbaren Intervention“, so Trummer. „Gut vorstellbar, dass Passant*innen hier taggen oder plakatieren, es beschreiben und für eigene Botschaften nutzen.“ Ausgerechnet das blieb letztlich weitgehend aus. Das Künstlerduo jedoch erfuhr Zuspruch wie Kritik bis hin zur Beschimpfung. „Es ist ein bisschen wie im Standard-Forum zugegangen“, erinnert sich Petritsch. Wer im öffentlichen Raum arbeitet, muss zuweilen einiges aushalten.

Will benutzt werden: „Feuerstelle“, Klein-Meiseldorf, 2020

© Lisa Rastl
© Lisa Rastl

Lerneffekte

Freilich müssen es nicht zwingend zeithistorisch-politisch aufgeladene Themen im urbanen Raum sein, die künstlerische Statements zum Streitobjekt machen können. Dass es auch in einem Dorf, und zwar aus ganz anderen Gründen, zu Aufruhr kommen kann, zeigte sich just in jenem Großmugl, in dem heute die „Fußnoten in der Landschaft“ die Gäste des Ortes begrüßen. Ursprünglich sahen Six und Petritsch dort nämlich die Gestaltung des zentralen Platzes vor, von dem aus ein Weg zum Tumulus führen sollte. Doch daraus wurde nichts, denn eine Initiative hatte dagegen mobil gemacht: Man stieß sich daran, dass ein Blutahorn gefällt und durch eine Linde ersetzt werden sollte. Der Gegenwind, Petritschs Beobachtung zufolge aus lokalpolitischen Stellvertreterkämpfen herrührend, war so stark, dass das Projekt neu aufgesetzt wurde. Für das Künstlerduo war das ein mühevoller Prozess – mit großem Lerneffekt.

In der Publikation „Kunst Raum Stadt“ schrieben die beiden 2025: „Unsere Praxis und Lehre versuchen wir in Nachbarschaft und auch gegenüber den klassischen Disziplinen zu etablieren. Public Art, Environmental Art, Land Art, In situ und auch Institutionskritik werden bei Kunst im öffentlichen Raum laufend zur Diskussion gestellt. Eine zentrale Erkenntnis der Diskurse sowie der Kunst im öffentlichen Raum und der damit verbundenen Entwicklungen in der Kunst ist, dass zeitgenössische Kunst nicht mehr ohne Orts- und Kontextbezug gedacht und rezipiert wird.“

Egal, ob dieser Ort der Atlantik, ein Feld in Großmugl oder ein innerstädtischer Platz ist. ● ○