Schlosspark Grafenegg

Verzaubernd


Der Schlosspark Grafenegg ist an sich schon ein Gesamtkunstwerk – als Gartenanlage und mit seinen Gebäuden, etwa der historischen Reitschule, in der demnächst der Rudolf-Buchbinder-Saal eröffnet. Doch wieso in der Vergangenheit verharren? Seit 2007 entstehen im Auftrag von Kunst im öffentlichen Raum Niederösterreich neue Installationen und Skulpturen in dem be- und verzaubernden Ensemble; den Anfang machte Mark Dions „Buchsdom Tower“, es folgten Werke wie Flaka Halitis „Manufactured for the Purpose of Fainting (after Screaming)“,

das am Foto auf dieser Seite zu sehen ist. Zuletzt installierte Folke Köbberling ihr „Wolldach“, eine Skulptur aus Wolle der im Schlosspark weidenden Schafe. Für unser Special fragten wir nach, was es damit auf sich hat, luden Magdalena Schrefel, Trägerin des Nestroy-Autor:innenpreises 2024, zu einer literarischen Annäherung an den Park und seine Kunstwerke ein und flanierten mit dem Gärtner Alexander Malik durch das prachtvolle Areal.

© eSel.at
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Folke Köbberling

Die Tonstudio­qualität des Zackelschafs


Brennt nicht, isoliert und filtert akustisch: Schafwolle ist die reinste Zauberfaser. Die Kasseler Künstlerin Folke Köbberling baute nun eine Skulptur daraus – die gleichzeitig wissenschaftliches Experiment ist.

Einen Blick auf ihr Fell, mehr braucht es nicht. Schon wissen wir, dass Schafe uns Menschen meilenweit überlegen sind – was die Isolierung betrifft. Kein Wunder also, dass diese Tiere so schnell nichts aus der Ruhe bringt, weder Kälte, Sturm noch Nässe. Schafwolle ist wie gemacht für widrige Zeiten, in denen die Ressourcen knapp werden. Sogar dem Feuer trotzt Schafwolle, will sie doch gar nicht brennen, sondern sie verkohlt – allerdings erst bei ungefähr 550 Grad. Zum Vergleich: Stahl knickt ab etwa 500 bis 550 Grad. Dennoch hat Schafwolle in den vergangenen Jahren massiv an Wert verloren. Kunstfasern dominieren den Textilmarkt. In ganz Europa lagert unverkaufte Rohwolle, weil die notwendige Infrastruktur zur textilen Verarbeitung aus Europa nahezu verschwunden ist. Auch die Preise sind im Keller: Für einen Kilo Rohwolle werden zwischen zehn Cent und einem Euro bezahlt, ein unrentables Geschäft für Schäfer und Schäferinnen. Und das, obwohl Schafwolle isoliert, akustisch filtert und nicht entflammbar ist – und damit ideal für architektonische Zwecke geeignet.

Genau an diesem Punkt setzt Folke Köbberling an. Seit 2018 befasst sich die deutsche Konzeptkünstlerin und Leiterin des Instituts für Architekturbezogene Kunst an der TU Braunschweig, die auf Ausstellungstätigkeit in Deutschland, Rom, Mexiko, New York, Warschau, Wien und an vielen anderen Orten verweisen kann, mit dem Werkstoff. Genauer gesagt mit ungewaschener, ungekämmter Rohwolle von Schafen: Sie trägt noch all die Witterungs- und Schmutzpartikel in sich, die im Laufe eines Jahres hängen bleiben.


Pionierarbeiten mit Rohwolle

Eine von Köbberlings ersten Arbeiten mit Rohwolle im öffentlichen Raum war das Projekt „Muro di lana“ („Wollmauer“), realisiert 2023 im Park der Villa Massimo in Rom. Ursprünglich als temporäre Skulptur konzipiert, wurde sie mittlerweile verstetigt, weil sie trotz Wetterkapriolen keinen Schaden nahm. Im Gegenteil: Die Rohwolle setzte an ihrer Oberfläche eine schützende Patina an, auch Pflanzen wachsen langsam in die Skulptur hinein, nutzen die modulare Akustikwand als Spalier. Insekten haben sie als Habitat entdeckt.

Klang- und Schutzraum

Nun geht die 1969 in Kassel geborene Künstlerin einen Schritt weiter: Erstmals soll Schafwolle ein Dach decken, eine begehbare Skulptur im Schlosspark Grafenegg, die zu Redaktionsschluss noch im Entstehen war. Ein künstlerischer Klang- und Schutzraum, wie Folke Köbberling im Gespräch mit morgen erläutert, ein stiller Kontrapunkt zum Wolkenturm aus Beton, zur Reiterhalle aus Ziegel, zu temporären Partyzelten sowie dem imposanten Schloss mit seinen spitzen Erkern im Tudorstil.

Der 4,5 mal drei Meter breite Aushub für Köbberlings „Wolldach“ hat schon stattgefunden. Die daraus gewonnene, lehmhaltige Erde ist planiert und wird statt eines Estrichs für den Fußboden genutzt. Wie überhaupt so gut wie alles aus vor Ort vorhandenen Materialien gefertigt ist: Die Holzbalken für den vier Meter hohen Dachstuhl sind Überbleibsel der kürzlich renovierten Reiterhalle, ebenso die für die Unterkonstruktion notwendigen Klinkersteine. Der Hauptakteur, die Rohwolle, stammt zum Großteil von den im Schlosspark grasenden Olde-English-Babydoll-Southdown-Schafen sowie von den zotteligen ungarischen Zackelschafen – zwei Rassen mit unterschiedlicher Fellstruktur. Die fünf bis zehn Zentimeter langen Fasern der Zackelschafwolle nutzt Köbberling für die Außenhaut der Dachdeckung; seit Herbst 2025 webt sie in monatelanger Handarbeit die langen Rohwollfasern in verzinkte Gittermatten ein, um eine stabile Unterkonstruktion zu schaffen. Die Wolle der Southdown-Schafe dagegen dämmt den Raum von innen. Betreten die Besucherinnen und Besucher die zeltähnliche Skulptur, deren steil abfallende Dachflächen sich bis zum Boden erstrecken, soll ihnen das Gefühl vermittelt werden, in ein Firmament aus unterschiedlich gefärbten Wollpunkten zu blicken.

„Wolldach“ im Schlosspark Grafen­egg
eröffnet am 31. Mai 2026.

Folke Köbberlings Arbeit „Maaaaash!“,
ist bis 31. Juli 2027 installiert im
Rosa-Mayreder-Park neben
der Kunsthalle Wien Karlsplatz (koer.or.at).

Die Skulptur „Alice in Wonderland“ errichtete
Folke Köbberling 2011 gemeinsam
mit Martin Kaltwasser am Bildungscampus
Leobendorf (koernoe.at).

© eSel.at
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1,5 bis zwei Tonnen Rohwolle

Im Herbst 2025 konnten Interessierte im Rahmen eines Workshops selbst aktiv bei der Umsetzung der Installation helfen. Gemeinsam mit der Künstlerin verwoben sie im Schlosspark Gittermatten mit Rohwolle – freilich ein Tropfen auf den heißen Stein, zumal die gesamte Skulptur rund 1,5 bis zwei Tonnen Rohwolle verlangt. Eine Geduldsarbeit, zugleich ein spannendes Forschungsprojekt. Denn das „Wolldach“ soll zehn Jahre den Grafenegger Skulpturengarten bereichern. Noch nie stand eine Arbeit aus Rohwolle so lange im öffentlichen Raum. Doch ihre Forschungstätigkeit stimmt Köbberling zuversichtlich: „Selbst von Regen durchnässte Schafwolle verliert kaum an ihrer guten Isolier- und Dämmwirkung“, sagt sie. „In Zukunft sollte sie verstärkt als nachwachsender und vielseitig einsetzbarer Baustoff ins Bewusstsein rücken.“

Wer die akustischen Qualitäten der Arbeit austesten möchte, kann ein Musikinstrument mitnehmen oder einfach mit der Stimme lautmalerisch experimentieren. Die Klangqualität in diesem Resonanzraum dürfte vergleichbar mit der in einem Tonstudio sein. In diesem Fall handelt es sich um ein Musterbeispiel an Ressourcenschonung, die sich wie ein roter Faden durch Köbberlings künstlerisches Schaffen zieht: Seit mittlerweile dreißig Jahren recycelt sie Materialien, oft auch Abfallprodukte, zu Kunstwerken, manchmal auch zu solchen mit alltagstauglichem Gebrauchswert. So transformierte sie etwa 2008 mit ihrem langjährigen Partner Martin Kaltwasser einen schrottreifen Peugeot in zwei voll funktionierende Fahrräder am Grazer Andreas-Hofer-Platz.

Warum Köbberling den öffentlichen Raum als Bühne bevorzugt? Weil die Reaktionen der Menschen viel unmittelbarer erfolgten, meint sie. „Von Zuspruch bis Vandalismus sind sie ein ungefilterter Spiegel der Gesellschaft.“ Einige ihrer Werke werden auch in Museen ausgestellt. Dann, so die Künstlerin, dürfe sich – aus konservatorischen Gründen – kein noch so kleines Insekt in ihrer Arbeit verstecken.

Ein museologisches Erfordernis, das eigentlich dem primären Interesse Folke Köbberlings wider­spricht: nämlich der Frage, was passiert, wenn sich die Natur auch in der Kunst ein Stück sichtbare Präsenz zurückerobert. ● ○

Die unmittelbaren Reaktionen sind ein ungefilterter Spiegel der Gesellschaft.

© Christian Wachter
© Christian Wachter

Kunstwerke Grafenegg

Wenn Kunst über Orte nachdenkt


Drei Kleiderständer, eine Telefonzelle auf einem Pyramidenstumpf, eine Tür, die einem Hingerichteten gewidmet ist, und ein verwesendes Reh in einer Turmruine: Wie Kunst im öffentlichen Raum einen historischen Ort neu vermisst.

Wie die Pflanzen im Schlosspark Grafenegg wuchs auch der Bestand an Kunstwerken, realisiert von Kunst im öffentlichen Raum Niederösterreich (KOERNOE) in Zusammenarbeit mit der Grafenegg Kulturbetriebsgesellschaft. Seit 2007 entstehen hier kontinuierlich Kunstwerke, insgesamt bisher 16, sieben davon permanent, neun temporär.

Mit Skulpturenparks herkömmlichen Zuschnitts hat diese Anlage kaum etwas gemein. Die hier eingebetteten Werke wollen auf ihre eigene Art entdeckt werden: Besucherinnen und Besucher des Parks müssen schon genau schauen, um Bethan Huws’ Installation aus Kleiderständern („Perroquets“) zwischen den Bäumen zu entdecken. Sie erschließen sich die hier situierten Werke am besten im gemächlichen Schlendern zwischen Schloss, Bäumen, Kleinarchitekturen und Gewässern. Wer den Park erstmals betritt, weiß nie genau, was im nächsten Moment auftaucht.

Die Werke beziehen sich dabei direkt auf den Schlosspark und verstehen diesen nicht als neutrale Fläche, sondern als historisch, sozial und ökologisch aufgeladenen Raum. So geht etwa die ikonische Arbeit „Balance Capsule“ des ungarischen Künstlerduos Little Warsaw – die Kombination aus Telefonzelle und Pyramidenstumpf ist das Covermotiv dieses Heftes – von einer kritischen Untersuchung der gestalteten Parklandschaft aus. Mark Dions „Buchsdom Tower“ dagegen bricht die romantische Parkästhetik. In einer Turmruine, die aus einem Buchsbaum ragt, liegt ein verwesendes Reh – ein radikaler Eingriff, der Natur als Prozess sichtbar macht und das Publikum mit der Materialität des Lebendigen konfrontiert. Maider López’ von 2013 bis 2019 installierter „Mountain“ wiederum verschob die Wahrnehmung des Parks durch eine temporäre topografische Intervention, während Marjetica Potrčs Installation „Drinking Water“ (2009 bis 2016) Fragen der Ressourcennutzung und globalen Infrastruktur verhandelte. Performative, installative und diskursive Formate („Counterpoints“) schrieben gesellschaftliche Spannungsfelder – von Ökologie über Ökonomie bis Körperpolitik – in den Landschaftsraum ein.

Erinnerung an einen Delinquenten: Manfred Pernice, „tür+tor“, 2010

© NiS
© NiS

Handlungsfeld

Die Liste der hier erfolgreich umgesetzten Arbeiten erweist sich als ebenso dicht wie heterogen. Kunst im öffentlichen Raum ist hier ein kritisches, ortsspezifisches und gesellschaftlich relevantes Handlungsfeld. Die Vielzahl der Projekte in Grafenegg spannt ein komprimiertes Panorama jener künstlerischen Strategien auf, die KOERNOE seit dreißig Jahren auszeichnen, nämlich Prozesse sichtbar zu machen, Narrative zu hinterfragen, einen genauen und oft unerwarteten Blick auf die gebaute und natürliche Umgebung zu werfen, neue Perspektiven zu eröffnen und den Diskurs über Kunst kontinuierlich zu erweitern. Die strukturellen Bedingungen dafür sind langfristige Fördermodelle, internationale künstlerische Engagements und die konsequente Verankerung in regionalen und historischen Kontexten.

Schwungvoll: Werner Feiersinger, ohne Titel, 2008

© Werner Feiersinger
© Werner Feiersinger

Die demokra­tisierte Situation findet eine Form des Ein­gedenkens.

Schwarzes Tor

Signifikant für Letzteres ist auch die Installation „tür+tor“ von Manfred Pernice. Der Künstler baute in das sogenannte „Schwarze Tor“ an der Schlossmauer eine Ziegelwand mit einer Tür, einem kreisrunden Guckloch sowie zwei Epitaphen – eines für die Schlosshunde, eines für den letzten Delinquenten. Dieser betrat einst über dieses Tor die Hinrichtungsstätte, zum Tode verurteilt durch die Gerichtshoheit Grafeneggs. Der theatralischen Architektur des historischen Bestands, errichtet in einer vordemokratischen Epoche, setzte Pernice eine nüchterne Mauer entgegen. „Die jetzt demokratisierte Situation des Schlosses und des Parks findet in der Skulptur noch einmal eine zeitgenössische Form des Eingedenkens“, schrieb der Kurator Axel Jablonski darüber.

Das erinnert daran, dass im Schlosspark Grafenegg Kunst im öffentlichen Raum auch als demokratisches Medium sichtbar wird und dass Kunst nicht nur Orte verändert, sondern auch die Art, wie wir darüber denken – und damit über Natur, Geschichte und Gesellschaft. ● ○

Magdalena Schrefel

Und vorwärts, rückwärts, seitwärts, stopp


Unsere Autorin machte einen Ausflug in den Schlosspark Grafenegg. Das Areal und seine Kunstwerke, die auf den vorhergehenden Seiten sowie am Cover dieses Hefts abgebildet sind, waren Ausgangspunkt für einen literarischen Text.

„Willkommen zurück in der Heimat“, sagt jemand.

Und ich sage: „Nachhausekommen, was soll das sein?“

Ich sage es, als wäre es eine Frage.

Ich sage es, und es ist eine Feststellung.

Was ich meine: Ist Zuhause da, wo dein Bett steht?

Wo jemand über deine Witze lacht?

Oder ist es ein Nachhall, ein Umraum, die Aura?

Etwas, das du nicht abschütteln kannst, egal, wo du bist.

„Was du immer fragst“, sagt eine Frau neben mir.

Sie meint ihren Mann.

Der Mann hat sich eben erkundigt, wann wir endlich losgehen.

Immerhin ist es schon fünf nach.

Es ist nicht warm und nicht kalt.

„Ja, da sind wir also“, sagt jemand verhalten.

Aber da: Was meint das?

In diesem Zusammenhang: Hier.

Also genau hier: Wo wir jetzt sind.

Auf dieser Wiese, in diesem Park, vor diesem Schloss.

–„Spricht die Kunst zu dir?“

–„Noch nicht, aber ich kann

etwas anderes hier hören, nämlich die Zeit.“

–„Und wie klingt die?“

–„Sie knackt.“

Dann gehen wir los.

Sofort passiert das, was immer passiert, wenn eine Gruppe sich bewegt.

Es gibt die, die schnell gehen, die, die langsam gehen, und die dazwischen.

Was ich meine: Ich gehe allein.

Moosiger Boden, ein Bogen in Weiß.

„Wenn man sich nah an das Metall schmiegt–“, sagt eine Frau.

Und jemand anderes unterbricht sie entrüstet: „Darf man denn das?!“

Ich mache es trotzdem und sage: „Wenn man sich nah an das Metall schmiegt, sieht man das Leben vorbeiziehen – Pflöcke, Streben, Verbindungen.“

Was ich nicht sage: Du kannst vorwärts und rückwärts gehen, aber jeder Weg hat sein Ende.

„Ich habe den Eindruck, dass man hier die Form und den Rahmen ernster nimmt als an dem Ort, wo ich mich zuletzt aufgehalten habe“, sage ich.

Mit zuletzt meine ich: die letzten vierzehn Jahre.

Mit zuletzt meine ich also: mehr als ein Viertel meines Lebens.

Ich sage: „Das macht etwas mit mir, mit meinem Hiersein auch.“

Hier ist der allermeiste Raum ein Parkplatz.

Der allermeiste Parkraum ist gerade leer.

Da stehen ein Audi und ein BMW, ein paar Motorräder.

Eine Amsel läuft emsig unter den Hochbeeten durch.

Die Amsel weiß: Es wird Frühling.

Die Bäume wissen: Es wird Frühling.

Und ich weiß es auch.

„Ich komme jetzt auch schon in dieses Alter“, sagt eine Frau, „in dem ich mich damit anfreunden muss, dass ich älter werde.“

„Und trotzdem“, sagt sie, „bin ich jedes Jahr aufs Neue überrascht, als wäre es der erste Frühling.“

„Aber“, sagt sie, „ich weiß auch: Dass auf jeden Sommer wieder ein Winter folgt.“

Und dann: „Ich kann mich manchmal gar nicht mehr darüber freuen.“

„Jedes neue Medium verändert auch die vorhergehenden“, sagt jemand.

„Man sagt das über den Buchdruck und die Literatur, man sagt das über die Fotografie und die Malerei, und auch über die Kunst im Verhältnis zur Natur.“

Und dann noch hinterher:

„Und man könnte das auch über die Zeit sagen.“

Die Zeit ist jetzt.

Jetzt sehe ich: ein Schloss. Einen Wolkenturm. Ein Wolldach.

„15. Jahrhundert“, sagt ein Mann.

„Wirtschaftshof, Ringmauer, Wassergraben, wenn man es genau nimmt.“

Und wenn man es noch genauer nimmt: „Nach mehrmaligem Wechsel der Besitzer ließen Johann Baptist Verda von Verdenberg, Kanzler und Vertrauter von Kaiser Ferdinand II. sowie dessen Sohnes Ferdinand III., die Anlage zwischen 1622 und 1633 zu einem befestigten Schloss umbauen.“1

Ich frage mich:

Wie viele Männer waren an dem Umbau beteiligt?

Haben sie sich auch schon Maurer und Tischler und Glaser genannt?

Was waren ihre Werkzeuge?

Woher kamen der Stein, das Holz, das Glas?

Und wie viele Frauen haben diese Männer versorgt?

Wo haben sie ihre Waschtröge gehabt, und ihre Küchenstellen?

Was war in ihren Töpfen?

Woher kamen die Rüben, der Kukuruz, die Erdäpfel?

Und haben diese Männer und Frauen den Ort auch ihr Zuhause genannt?

Wir gehen weiter. Wir schreiten. Wir schlendern. Wir schauen.

Mitten im Park stehen jetzt drei Kleiderständer.

Sie sind aus Bronze.

Sie sind so unscheinbar, dass man sie übersehen kann.

Aber als ich sie sehe, muss ich lachen.

„Laden Sie jemanden ein“, sagt jemand.

„Seien Sie höflich, bieten Sie an, ihr oder ihm die Jacke abzunehmen.“

Und ich frage mich: Wie kommt man dazu, so etwas zu sagen?

Aber ich sage nicht: Wie kommen Sie dazu, uns solche Vorschläge zu machen?

Trotzdem: Wem gehören diese Dinge?

Ich meine nicht die Besitzverhältnisse.

Ich meine eine Anwartschaft, die durch Gebrauch entsteht.

Der Gebrauch etabliert Beziehungen zwischen Menschen und Dingen.

Da, wo ich jetzt wohne, liegen morgens Gaben im Treppenhaus.

Bücher: Bescherelle poche, Leben mit Epilepsie, ein Kochbuch.

Eine Hose, ein Schirm, ein einzelner Handschuh.

Ich habe ihn hierher mitgenommen.

Ein Handschuh ist Schutz und Ornament gleichermaßen.

Beides kann man immer gebrauchen.

Jeden Morgen sind es exakt drei Stück, die ausliegen.

Und jeden Abend sind sie wieder weg.

Ich stelle mir vor, dass das ein Kommunikationsweg ist.

Ich stelle mir vor, dass hier jemand Zuwendung ausdrückt.

Ich wende mich vom Park ab.

Ich wende mich der Mauer zu.

Mitten in der Mauer ist eine Tür.

Ein Tor?

Eine Tür, die ein Tor ist.

Eine Tür, die ein Tor ist, das verschlossen bleibt.

Man kann es betrachten, aber nicht hindurchgehen.

Wir gehen weiter.

Wir schreiten.

Wir schlendern.

Wir schauen.

Wir sehen: Kiefern, Föhren, Föhrchen, einen Setzling.

Wir sehen: Einen Teich, einen zweiten Teich, eine Pfütze, eine Lache.

Wir hören: Eine Ente, einen Erpel.

Wir hören: Vögel im Baum.

Manufactured for the Purpose of Fainting (after Screaming).

Das Objekt hat sechs Finger, es ist glatt und weich.

Sich wie eine offene Hand als Schale anbieten, damit sich darin etwas sammelt.

Sich wie eine Handvoll Liebe um den Körper schmiegen, damit wir nicht fallen.

Und dann klingelt plötzlich mein Telefon.

–„Wollen wir Montag ins Kino gehen?“

Während ich spreche, blicke ich auf eine Telefonzelle.

–„Ich bin nicht da.“

Während ich spreche, denke ich: Diese Telefonzelle ist doch nicht von hier.

–„Wo bist du?“

Die ist doch von da, wo ich sonst bin, wenn ich nicht hier bin.

–„In einem Park.“

Jemand erzählt mir Folgendes:

Als Kind habe sie eine Grube ausgehoben.

Und in die Grube dann Schätze getan, so weit, so bekannt.

Statt die Schätze aber zu vergraben, habe sie eine Glasplatte darüber gelegt.

„Das war dann mein Kino“, sagt sie.

Ich liebe das Kino.

Ich liebe die Bilder.

Und ich vermisse die Freundin, mit der ich montags immer ins Kino gehe.

Was ich meine: Ich vermisse hier manchmal mein Dort.

Jemand erzählt mir Folgendes: Da, wo früher gegerbt und gefärbt wurde, rann das Färbewasser in die Gosse.

Die Zeit vor unserer, die wir uns graubraun vorstellen, war eigentlich voller Farbe.

Nur die Donau ist in der Vorstellung immer schon blauer, als sie fließt.

Und immer ist sie in der Vorstellung freier, als sie in in der Gegenwart eingefasst, also reguliert ist.

Jemand fragt: „In welchen Farben träumst du?“

Und ich sage: „Gerade träume ich gar nicht.“

Und es stimmt: Tief schlafe ich, ohne Nachtflimmern der Tage.

Dornröschen schlief recht lange Zeit, haben wir als Kinder gern gesungen.

„Dann hat ein Prinz um sie gefreit“, ging es weiter.

Im Turm, der aus einem Buchsbaum wächst, verbirgt sich das Eigentliche des Lebens.

Das Eigentliche: Ein Reh, das hundert Jahre schläft, wird nicht mehr auferstehen.

„Was du für Sachen sagst“, sagt jemand.

Und immer, wenn ich den Mund aufmache, klingt es, als käme ich nicht von hier.

Ich kompensiere das mit sehr viel sehr devoter Höflichkeit.

Mein hier geschultes Hochstaplersyndrom sagt mir ständig: Sicher bist du am falschen Fleck.

„Diese prächtige Platane ist 33 Meter hoch und hat eine Krone von 35 Metern Durchmesser.“

Eine Platane braucht fünfzig bis siebzig Jahre, um diese Größe zu erreichen.

Platanen sind langlebige Bäume.

Sie sind die einzige Gattung in ihrer Familie.

Und nur einmal habe ich von jemand anderem gehört, der auch unseren Namen trägt.

Und ich frage meinen Vater:

„Ist der verwandt mit uns?“

Und mein Vater sagt: „Sicher nicht.“

Später lese ich, in Paris sind vierzig Prozent aller Bäume Platanen.

Ich lese: Die Platane des Sokrates steht auf Kos.

Ich lese: Die jungen Zweige sind mit Sternhaaren bedeckt.

Meine Haare sind im letzten Jahr grau geworden.

Die Zeit: Sie ist mein neues Hobby.

Die Zeit: Ich will ihr auf die Schliche kommen.

Gehst du durch mich hindurch?

Oder gleitest du an mir vorbei?

Die Borke der Platane wächst nicht mit dem Baum.

Hörbar fällt sie jeden Sommer aufs Neue geräuschvoll ab.

„Da, ein Knacken!“

Und dann ist die Zeit wieder still.

Der nächstgelegene Bahnhof ist ein Bahnhof meiner Kindheit.

Unsere Großmutter weckt uns, setzt uns auf die Rückbank, fährt unseren Opa zum Bahnhof.

Unser Opa geht in der Stadt ins Büro.

Die Zeit: circa 6 Uhr 10.

Auf dem Weg zurück zählen wir Fasane, zum Frühstück gibt es Apfel im Schlafrock.

Als Kinder singen wir:

Es war eine Mutter, die hatte

vier Kinder.

Den Frühling, den Sommer,

den Herbst und den Winter.

Der Frühling bringt Blumen,

der Sommer bringt Klee.

Der Herbst, der bringt Trauben, der Winter bringt Schnee.

–„Da wären wir also wieder am Anfang.“

–„Ich hoffe, Sie hatten hier eine gute Zeit.“

–„Kommen Sie wieder, zu jeder Jahreszeit.“

Auf dem Weg zurück, der Blick aus dem Fenster auf die landwirtschaftliche Landschaft.

Im Feld: zwei Hasen.

Im nächsten Feld: vier Rehe.

Alles geht genau so: vorwärts, rückwärts, seitwärts, stopp. ● ○

  1. Das Zitat zur Erbauung des Schlosses stammt aus der deutschsprachigen Wikipedia, „Schloss Grafenenegg“, Stand: 22. April 2026.
© Niederösterreich Werbung / Daniel Gollner
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Alexander Malik

„Neugierig werden“


Seit mehr als zwanzig Jahren pflegt Alexander Malik den Schlosspark Grafenegg als Chefgärtner. Wir sprachen mit ihm über kletternde Besucherinnen und Besucher, begrabene Rehe und den stillen Alltag von Kunstinstallationen.

Sie sind täglich im Park unterwegs. Wie erleben Sie die Begegnungszone zwischen Menschen und Kunstinstallationen?

Alexander Malik

:

Von den Begegnungen bekommen wir meist nur die Spuren mit. Die Installation von Werner Feiersinger aus weiß lackierten Edelstahlstangen wird gerne von den Besucherinnen und Besuchern beklettert und hat dementsprechend Abnutzungserscheinungen. Dann hat auf einem Kleiderständer von Bethan Huws einmal jemand einen Mantel hängen lassen, der zwei Jahre dort hängen blieb. Das fand ich eine gute Ergänzung.

Gab es eine Situation, die Sie besonders überrascht hat?

Ja, die Sache mit dem Reh. Im „Buchsdom Tower“ von Mark Dion gibt es in der künstlichen Turmruine einen Schaukasten mit einem ausgestopften Reh, das tot auf einem Waldboden liegt. Wir haben relativ weite Kontrollintervalle. Beim ersten Hinschauen ist mir damals nichts aufgefallen. Erst später habe ich gesehen, dass das Reh unter einem Erdhügel begraben und mit einem kleinen „Rest in Peace“-Schild versehen worden war. Natürlich wurde alles in den Ursprungszustand versetzt.

Wie sind Sie in den Prozess der Standortauswahl eingebunden?

Ursprünglich haben wir um 2006 herum feste Positionen für Kunstinstallationen ausgewiesen. Das stellte sich aber als zu starr heraus. Manchmal verschieben wir eine Position um nur wenige Zentimeter, damit wir mit dem Rasenmäher vorbeikommen. Das klingt banal, entscheidet aber darüber, ob ein Kunstwerk langfristig gut gepflegt werden kann.

Wie setzt man eine Kunst­installation im Park gut in Szene?

Es gibt eine Leitlinie: Es soll nur einen Punkt geben, von dem man ein Objekt ganz sehen kann. Wenn ich aus der Ferne irgendwo einen Farbtupfer oder einen Umriss sehe, soll ich neugierig werden und hingehen und nicht schon alles von Weitem überblicken.

Was ist die größte Herausforderung in der Pflege der Kunstwerke?

Hauptsächlich geht es um Sauberkeit. Die Pyramide der Arbeit „Balance Capsule“ von Little Warsaw ist aus einem Kunststoff, der nicht leicht zu reinigen ist. Ein Restaurator schlug vor, die Pyramide schonend mit Dampf zu reinigen – aber das Gerät dafür wäre viel zu teuer, und die Zeit hätten wir auch nicht. Seit Jahren reinigen wir sie daher mit dem bewährten Hochdruckreiniger. ● ○