Standpunkte
Kunst im öffentlichen Raum –Zankapfel oder Identifikationsmerkmal?
In jeder Ausgabe stellt morgen drei Menschen, die sich auskennen, eine Frage. Diesmal:
Kunst darf polarisieren
Gabriela Galeta
Wir haben am Pflege- und Betreuungszentrum Hainfeld zwei Kunstwerke, die im Zuge von Kunst im öffentlichen Raum entstanden sind: Eines polarisierte anfänglich sehr, das andere nahmen alle Bewohnerinnen und Bewohner, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Angehörigen positiv auf. Das eine ist eine Holzskulptur von Karin Frank: eine überdimensional große Katze kurz vor dem Absprung von einem roten Ball. Manche Leute fanden die Katze furchterregend, anderen hat sie gefallen.
„Herzlich willkommen“, das zweite Kunstwerk, besteht aus Vogelhäuschen, die den ehemaligen Häusern von Bewohnern nachempfunden sind. Die Künstlerin Kateřina Šedá machte mit Bewohnern eine Biografieerhebung, ließ sich ihre Wohnsituation beschreiben und ihre Häuser zeigen. Auf dieser Basis baute sie die Vogelhäuschen mit sehr viel Liebe wahrheitsgetreu nach – mit Details wie Emailplaketten mit Hausnummern, Stiegen und sogar einem Geweih. In der Mitte der Installation steht eine Kopie der Kirche von Hainfeld. Das Kunstwerk ist eine Bereicherung für unser Haus und den Garten – viele vergleichen es mit Minimundus.
Jeder hat eine eigene Meinung zu den Kunstwerken – Geschmäcker sind unterschiedlich, und das ist okay. Kunst soll ja zur Diskussion anregen und darf auch polarisieren. Aber ich finde gut, dass wir ein Mitspracherecht hatten und aus verschiedenen Projekten auswählen konnten. So ist die Akzeptanz für die Kunst sicher größer.
Gabriela Galeta ist kaufmännische Direktorin des Pflege- und Betreuungszentrums Hainfeld. Sie absolvierte eine Heimleiterausbildung an der Akademie für Sozialmanagement sowie den Universitätslehrgang Top-Leadership an der Universität für Weiterbildung Krems.

Kunstwerke müssen nicht gefallen
Katharina Blaas-Pratscher
Unser Team für Kunst im öffentlichen Raum Niederösterreich legte immer viel Wert darauf, Menschen nicht einfach Kunstwerke vorzusetzen, sondern vor Ort für Akzeptanz zu sorgen – und dieses Ziel ist auch meiner Nachfolgerin Katrina Petter wichtig. Kunst im öffentlichen Raum soll beides sein: sowohl Identifikationsmerkmal als auch Diskurs. Ich halte öffentliche Diskussionen darüber für besonders wichtig: Sie dienen der Kunst durch die Auseinandersetzung.
Ich habe öfter erlebt, dass ein ursprünglich abgelehntes Projekt später zum Identifikationsmerkmal eines Ortes wurde. Mir fällt zum Beispiel die Performance der Künstlerin Barbara Kraus als Nacktschnecke in Reinsberg ein, die ein Skandal in diesem Ort war. Doch einige Monate später haben sich mehrere Damen zum Faschingsfest in der Gemeinde als Nacktschnecken verkleidet.
Manchmal kann die Vermittlung von KünstlerInnen und KuratorInnen heftigem Widerstand entgegenwirken und so einen Gemeinderat von der Umsetzung eines Projekts überzeugen. Kunstwerke müssen nicht gefallen. Das Überzeugende an Kunst im öffentlichen Raum ist, dass sie sichtbar bleibt und sich die Menschen, die dort leben, damit auseinandersetzen. Deshalb ist mir wichtig, dass nicht am falschen Platz gespart wird: damit Kunstwerke nicht aus dem öffentlichen Raum verschwinden.
Katharina Blaas-Pratscher baute ab 1989 Kunst im öffentlichen Raum Niederösterreich, die zur Abteilung für Kunst und Kultur des Landes Niederösterreich gehört, auf und machte sie zum internationalen Vorzeigemodell. Sie leitete die Stelle bis 2019.

Ich will Reibung erreichen
Katharina Cibulka
Die feministischen Sätze, die wir für das Kunstprojekt „Solange“ auf riesengroße Netze sticken und an Baugerüsten installieren, haben enorme Kraft. Zum Beispiel löste der Satz „Solange Gott einen Bart hat, bin ich Feminist“ am Innsbrucker Dom alle Arten von Reaktionen aus – von Begeisterung über Blasphemievorwürfe bis hin zu regen Diskussionen über Feminismus und Katholizismus, die ein Opa mit seiner Enkelin geführt hat. Austausch, Sensibilisierung, Reibung: Das will ich erreichen.
Bei der Rabat-Biennale in Marokko 2019/20 hatten wir eine tolle Location für zwei „Solange“-Netze direkt gegenüber dem Königspalast. Mit Feministinnen aus Marokko texteten wir gemeinsam vier Monate lang, bis wir endlich den Satz hatten: „As long as following our rules is more important than following our hearts, I will be a feminist.“ Unser erstes Netz in arabischer Schrift war ein großes Wagnis, weil diese kalligrafische Schrift im öffentlichen Raum in dieser Größe ungewöhnlich ist. Meine Angst, die Netze könnten nach der Montage verboten und deinstalliert werden, bestätigte sich nicht. Wir erhielten viel positives Feedback.
Viele fühlen sich durch die weithin sichtbaren Installationen irritiert. Also sind diese auch Zankapfel. In Ljubljana wurde eine Arbeit an einem Museum zerstört. Zugleich identifizieren sich viele mit den Aussagen auf den Netzen. Ich höre oft von Frauen, dass sie dadurch erst entdeckt haben, dass sie Feministinnen sind. Das finde ich wunderschön.
Die Innsbruckerin Katharina Cibulka ist Künstlerin, Filmemacherin, Fotografin und Bühnenbildnerin. Für „Solange“ installierte sie bisher 33 Netze mit feministischen Sätzen in neun Ländern. Eines davon realisierte sie beim Viertelfestival; das Netz hängt aktuell am Silo in Raasdorf (Weinviertel).
