Magdalena Schrefel

Und vorwärts, rückwärts, seitwärts, stopp


Unsere Autorin machte einen Ausflug in den Schlosspark Grafenegg. Das Areal und seine Kunstwerke, die auf den vorhergehenden Seiten sowie am Cover dieses Hefts abgebildet sind, waren Ausgangspunkt für einen literarischen Text.

„Willkommen zurück in der Heimat“, sagt jemand.

Und ich sage: „Nachhausekommen, was soll das sein?“

Ich sage es, als wäre es eine Frage.

Ich sage es, und es ist eine Feststellung.

Was ich meine: Ist Zuhause da, wo dein Bett steht?

Wo jemand über deine Witze lacht?

Oder ist es ein Nachhall, ein Umraum, die Aura?

Etwas, das du nicht abschütteln kannst, egal, wo du bist.

„Was du immer fragst“, sagt eine Frau neben mir.

Sie meint ihren Mann.

Der Mann hat sich eben erkundigt, wann wir endlich losgehen.

Immerhin ist es schon fünf nach.

Es ist nicht warm und nicht kalt.

„Ja, da sind wir also“, sagt jemand verhalten.

Aber da: Was meint das?

In diesem Zusammenhang: Hier.

Also genau hier: Wo wir jetzt sind.

Auf dieser Wiese, in diesem Park, vor diesem Schloss.

–„Spricht die Kunst zu dir?“

–„Noch nicht, aber ich kann

etwas anderes hier hören, nämlich die Zeit.“

–„Und wie klingt die?“

–„Sie knackt.“

Dann gehen wir los.

Sofort passiert das, was immer passiert, wenn eine Gruppe sich bewegt.

Es gibt die, die schnell gehen, die, die langsam gehen, und die dazwischen.

Was ich meine: Ich gehe allein.

Moosiger Boden, ein Bogen in Weiß.

„Wenn man sich nah an das Metall schmiegt–“, sagt eine Frau.

Und jemand anderes unterbricht sie entrüstet: „Darf man denn das?!“

Ich mache es trotzdem und sage: „Wenn man sich nah an das Metall schmiegt, sieht man das Leben vorbeiziehen – Pflöcke, Streben, Verbindungen.“

Was ich nicht sage: Du kannst vorwärts und rückwärts gehen, aber jeder Weg hat sein Ende.

„Ich habe den Eindruck, dass man hier die Form und den Rahmen ernster nimmt als an dem Ort, wo ich mich zuletzt aufgehalten habe“, sage ich.

Mit zuletzt meine ich: die letzten vierzehn Jahre.

Mit zuletzt meine ich also: mehr als ein Viertel meines Lebens.

Ich sage: „Das macht etwas mit mir, mit meinem Hiersein auch.“

Hier ist der allermeiste Raum ein Parkplatz.

Der allermeiste Parkraum ist gerade leer.

Da stehen ein Audi und ein BMW, ein paar Motorräder.

Eine Amsel läuft emsig unter den Hochbeeten durch.

Die Amsel weiß: Es wird Frühling.

Die Bäume wissen: Es wird Frühling.

Und ich weiß es auch.

„Ich komme jetzt auch schon in dieses Alter“, sagt eine Frau, „in dem ich mich damit anfreunden muss, dass ich älter werde.“

„Und trotzdem“, sagt sie, „bin ich jedes Jahr aufs Neue überrascht, als wäre es der erste Frühling.“

„Aber“, sagt sie, „ich weiß auch: Dass auf jeden Sommer wieder ein Winter folgt.“

Und dann: „Ich kann mich manchmal gar nicht mehr darüber freuen.“

„Jedes neue Medium verändert auch die vorhergehenden“, sagt jemand.

„Man sagt das über den Buchdruck und die Literatur, man sagt das über die Fotografie und die Malerei, und auch über die Kunst im Verhältnis zur Natur.“

Und dann noch hinterher:

„Und man könnte das auch über die Zeit sagen.“

Die Zeit ist jetzt.

Jetzt sehe ich: ein Schloss. Einen Wolkenturm. Ein Wolldach.

„15. Jahrhundert“, sagt ein Mann.

„Wirtschaftshof, Ringmauer, Wassergraben, wenn man es genau nimmt.“

Und wenn man es noch genauer nimmt: „Nach mehrmaligem Wechsel der Besitzer ließen Johann Baptist Verda von Verdenberg, Kanzler und Vertrauter von Kaiser Ferdinand II. sowie dessen Sohnes Ferdinand III., die Anlage zwischen 1622 und 1633 zu einem befestigten Schloss umbauen.“1

Ich frage mich:

Wie viele Männer waren an dem Umbau beteiligt?

Haben sie sich auch schon Maurer und Tischler und Glaser genannt?

Was waren ihre Werkzeuge?

Woher kamen der Stein, das Holz, das Glas?

Und wie viele Frauen haben diese Männer versorgt?

Wo haben sie ihre Waschtröge gehabt, und ihre Küchenstellen?

Was war in ihren Töpfen?

Woher kamen die Rüben, der Kukuruz, die Erdäpfel?

Und haben diese Männer und Frauen den Ort auch ihr Zuhause genannt?

Wir gehen weiter. Wir schreiten. Wir schlendern. Wir schauen.

Mitten im Park stehen jetzt drei Kleiderständer.

Sie sind aus Bronze.

Sie sind so unscheinbar, dass man sie übersehen kann.

Aber als ich sie sehe, muss ich lachen.

„Laden Sie jemanden ein“, sagt jemand.

„Seien Sie höflich, bieten Sie an, ihr oder ihm die Jacke abzunehmen.“

Und ich frage mich: Wie kommt man dazu, so etwas zu sagen?

Aber ich sage nicht: Wie kommen Sie dazu, uns solche Vorschläge zu machen?

Trotzdem: Wem gehören diese Dinge?

Ich meine nicht die Besitzverhältnisse.

Ich meine eine Anwartschaft, die durch Gebrauch entsteht.

Der Gebrauch etabliert Beziehungen zwischen Menschen und Dingen.

Da, wo ich jetzt wohne, liegen morgens Gaben im Treppenhaus.

Bücher: Bescherelle poche, Leben mit Epilepsie, ein Kochbuch.

Eine Hose, ein Schirm, ein einzelner Handschuh.

Ich habe ihn hierher mitgenommen.

Ein Handschuh ist Schutz und Ornament gleichermaßen.

Beides kann man immer gebrauchen.

Jeden Morgen sind es exakt drei Stück, die ausliegen.

Und jeden Abend sind sie wieder weg.

Ich stelle mir vor, dass das ein Kommunikationsweg ist.

Ich stelle mir vor, dass hier jemand Zuwendung ausdrückt.

Ich wende mich vom Park ab.

Ich wende mich der Mauer zu.

Mitten in der Mauer ist eine Tür.

Ein Tor?

Eine Tür, die ein Tor ist.

Eine Tür, die ein Tor ist, das verschlossen bleibt.

Man kann es betrachten, aber nicht hindurchgehen.

Wir gehen weiter.

Wir schreiten.

Wir schlendern.

Wir schauen.

Wir sehen: Kiefern, Föhren, Föhrchen, einen Setzling.

Wir sehen: Einen Teich, einen zweiten Teich, eine Pfütze, eine Lache.

Wir hören: Eine Ente, einen Erpel.

Wir hören: Vögel im Baum.

Manufactured for the Purpose of Fainting (after Screaming).

Das Objekt hat sechs Finger, es ist glatt und weich.

Sich wie eine offene Hand als Schale anbieten, damit sich darin etwas sammelt.

Sich wie eine Handvoll Liebe um den Körper schmiegen, damit wir nicht fallen.

Und dann klingelt plötzlich mein Telefon.

–„Wollen wir Montag ins Kino gehen?“

Während ich spreche, blicke ich auf eine Telefonzelle.

–„Ich bin nicht da.“

Während ich spreche, denke ich: Diese Telefonzelle ist doch nicht von hier.

–„Wo bist du?“

Die ist doch von da, wo ich sonst bin, wenn ich nicht hier bin.

–„In einem Park.“

Jemand erzählt mir Folgendes:

Als Kind habe sie eine Grube ausgehoben.

Und in die Grube dann Schätze getan, so weit, so bekannt.

Statt die Schätze aber zu vergraben, habe sie eine Glasplatte darüber gelegt.

„Das war dann mein Kino“, sagt sie.

Ich liebe das Kino.

Ich liebe die Bilder.

Und ich vermisse die Freundin, mit der ich montags immer ins Kino gehe.

Was ich meine: Ich vermisse hier manchmal mein Dort.

Jemand erzählt mir Folgendes: Da, wo früher gegerbt und gefärbt wurde, rann das Färbewasser in die Gosse.

Die Zeit vor unserer, die wir uns graubraun vorstellen, war eigentlich voller Farbe.

Nur die Donau ist in der Vorstellung immer schon blauer, als sie fließt.

Und immer ist sie in der Vorstellung freier, als sie in in der Gegenwart eingefasst, also reguliert ist.

Jemand fragt: „In welchen Farben träumst du?“

Und ich sage: „Gerade träume ich gar nicht.“

Und es stimmt: Tief schlafe ich, ohne Nachtflimmern der Tage.

Dornröschen schlief recht lange Zeit, haben wir als Kinder gern gesungen.

„Dann hat ein Prinz um sie gefreit“, ging es weiter.

Im Turm, der aus einem Buchsbaum wächst, verbirgt sich das Eigentliche des Lebens.

Das Eigentliche: Ein Reh, das hundert Jahre schläft, wird nicht mehr auferstehen.

„Was du für Sachen sagst“, sagt jemand.

Und immer, wenn ich den Mund aufmache, klingt es, als käme ich nicht von hier.

Ich kompensiere das mit sehr viel sehr devoter Höflichkeit.

Mein hier geschultes Hochstaplersyndrom sagt mir ständig: Sicher bist du am falschen Fleck.

„Diese prächtige Platane ist 33 Meter hoch und hat eine Krone von 35 Metern Durchmesser.“

Eine Platane braucht fünfzig bis siebzig Jahre, um diese Größe zu erreichen.

Platanen sind langlebige Bäume.

Sie sind die einzige Gattung in ihrer Familie.

Und nur einmal habe ich von jemand anderem gehört, der auch unseren Namen trägt.

Und ich frage meinen Vater:

„Ist der verwandt mit uns?“

Und mein Vater sagt: „Sicher nicht.“

Später lese ich, in Paris sind vierzig Prozent aller Bäume Platanen.

Ich lese: Die Platane des Sokrates steht auf Kos.

Ich lese: Die jungen Zweige sind mit Sternhaaren bedeckt.

Meine Haare sind im letzten Jahr grau geworden.

Die Zeit: Sie ist mein neues Hobby.

Die Zeit: Ich will ihr auf die Schliche kommen.

Gehst du durch mich hindurch?

Oder gleitest du an mir vorbei?

Die Borke der Platane wächst nicht mit dem Baum.

Hörbar fällt sie jeden Sommer aufs Neue geräuschvoll ab.

„Da, ein Knacken!“

Und dann ist die Zeit wieder still.

Der nächstgelegene Bahnhof ist ein Bahnhof meiner Kindheit.

Unsere Großmutter weckt uns, setzt uns auf die Rückbank, fährt unseren Opa zum Bahnhof.

Unser Opa geht in der Stadt ins Büro.

Die Zeit: circa 6 Uhr 10.

Auf dem Weg zurück zählen wir Fasane, zum Frühstück gibt es Apfel im Schlafrock.

Als Kinder singen wir:

Es war eine Mutter, die hatte

vier Kinder.

Den Frühling, den Sommer,

den Herbst und den Winter.

Der Frühling bringt Blumen,

der Sommer bringt Klee.

Der Herbst, der bringt Trauben, der Winter bringt Schnee.

–„Da wären wir also wieder am Anfang.“

–„Ich hoffe, Sie hatten hier eine gute Zeit.“

–„Kommen Sie wieder, zu jeder Jahreszeit.“

Auf dem Weg zurück, der Blick aus dem Fenster auf die landwirtschaftliche Landschaft.

Im Feld: zwei Hasen.

Im nächsten Feld: vier Rehe.

Alles geht genau so: vorwärts, rückwärts, seitwärts, stopp. ● ○

  1. Das Zitat zur Erbauung des Schlosses stammt aus der deutschsprachigen Wikipedia, „Schloss Grafenenegg“, Stand: 22. April 2026.