„Willkommen zurück in der Heimat“, sagt jemand.
Und ich sage: „Nachhausekommen, was soll das sein?“
Ich sage es, als wäre es eine Frage.
Ich sage es, und es ist eine Feststellung.
Was ich meine: Ist Zuhause da, wo dein Bett steht?
Wo jemand über deine Witze lacht?
Oder ist es ein Nachhall, ein Umraum, die Aura?
Etwas, das du nicht abschütteln kannst, egal, wo du bist.
„Was du immer fragst“, sagt eine Frau neben mir.
Sie meint ihren Mann.
Der Mann hat sich eben erkundigt, wann wir endlich losgehen.
Immerhin ist es schon fünf nach.
Es ist nicht warm und nicht kalt.
„Ja, da sind wir also“, sagt jemand verhalten.
Aber da: Was meint das?
In diesem Zusammenhang: Hier.
Also genau hier: Wo wir jetzt sind.
Auf dieser Wiese, in diesem Park, vor diesem Schloss.
–„Spricht die Kunst zu dir?“
–„Noch nicht, aber ich kann
etwas anderes hier hören, nämlich die Zeit.“
–„Und wie klingt die?“
–„Sie knackt.“
Dann gehen wir los.
Sofort passiert das, was immer passiert, wenn eine Gruppe sich bewegt.
Es gibt die, die schnell gehen, die, die langsam gehen, und die dazwischen.
Was ich meine: Ich gehe allein.
Moosiger Boden, ein Bogen in Weiß.
„Wenn man sich nah an das Metall schmiegt–“, sagt eine Frau.
Und jemand anderes unterbricht sie entrüstet: „Darf man denn das?!“
Ich mache es trotzdem und sage: „Wenn man sich nah an das Metall schmiegt, sieht man das Leben vorbeiziehen – Pflöcke, Streben, Verbindungen.“
Was ich nicht sage: Du kannst vorwärts und rückwärts gehen, aber jeder Weg hat sein Ende.
„Ich habe den Eindruck, dass man hier die Form und den Rahmen ernster nimmt als an dem Ort, wo ich mich zuletzt aufgehalten habe“, sage ich.
Mit zuletzt meine ich: die letzten vierzehn Jahre.
Mit zuletzt meine ich also: mehr als ein Viertel meines Lebens.
Ich sage: „Das macht etwas mit mir, mit meinem Hiersein auch.“
Hier ist der allermeiste Raum ein Parkplatz.
Der allermeiste Parkraum ist gerade leer.
Da stehen ein Audi und ein BMW, ein paar Motorräder.
Eine Amsel läuft emsig unter den Hochbeeten durch.
Die Amsel weiß: Es wird Frühling.
Die Bäume wissen: Es wird Frühling.
Und ich weiß es auch.
„Ich komme jetzt auch schon in dieses Alter“, sagt eine Frau, „in dem ich mich damit anfreunden muss, dass ich älter werde.“
„Und trotzdem“, sagt sie, „bin ich jedes Jahr aufs Neue überrascht, als wäre es der erste Frühling.“
„Aber“, sagt sie, „ich weiß auch: Dass auf jeden Sommer wieder ein Winter folgt.“
Und dann: „Ich kann mich manchmal gar nicht mehr darüber freuen.“
„Jedes neue Medium verändert auch die vorhergehenden“, sagt jemand.
„Man sagt das über den Buchdruck und die Literatur, man sagt das über die Fotografie und die Malerei, und auch über die Kunst im Verhältnis zur Natur.“
Und dann noch hinterher:
„Und man könnte das auch über die Zeit sagen.“
Die Zeit ist jetzt.
Jetzt sehe ich: ein Schloss. Einen Wolkenturm. Ein Wolldach.
„15. Jahrhundert“, sagt ein Mann.
„Wirtschaftshof, Ringmauer, Wassergraben, wenn man es genau nimmt.“
Und wenn man es noch genauer nimmt: „Nach mehrmaligem Wechsel der Besitzer ließen Johann Baptist Verda von Verdenberg, Kanzler und Vertrauter von Kaiser Ferdinand II. sowie dessen Sohnes Ferdinand III., die Anlage zwischen 1622 und 1633 zu einem befestigten Schloss umbauen.“1
Ich frage mich:
Wie viele Männer waren an dem Umbau beteiligt?
Haben sie sich auch schon Maurer und Tischler und Glaser genannt?
Was waren ihre Werkzeuge?
Woher kamen der Stein, das Holz, das Glas?
Und wie viele Frauen haben diese Männer versorgt?
Wo haben sie ihre Waschtröge gehabt, und ihre Küchenstellen?
Was war in ihren Töpfen?
Woher kamen die Rüben, der Kukuruz, die Erdäpfel?
Und haben diese Männer und Frauen den Ort auch ihr Zuhause genannt?