© Christian Wachter
© Christian Wachter

Kunstwerke Grafenegg

Wenn Kunst über Orte nachdenkt


Drei Kleiderständer, eine Telefonzelle auf einem Pyramidenstumpf, eine Tür, die einem Hingerichteten gewidmet ist, und ein verwesendes Reh in einer Turmruine: Wie Kunst im öffentlichen Raum einen historischen Ort neu vermisst.

Erkundung:
Susanne Wolfram,
Nina Schedlmayer

Wie die Pflanzen im Schlosspark Grafenegg wuchs auch der Bestand an Kunstwerken, realisiert von Kunst im öffentlichen Raum Niederösterreich (KOERNOE) in Zusammenarbeit mit der Grafenegg Kulturbetriebsgesellschaft. Seit 2007 entstehen hier kontinuierlich Kunstwerke, insgesamt bisher 16, sieben davon permanent, neun temporär.

Mit Skulpturenparks herkömmlichen Zuschnitts hat diese Anlage kaum etwas gemein. Die hier eingebetteten Werke wollen auf ihre eigene Art entdeckt werden: Besucherinnen und Besucher des Parks müssen schon genau schauen, um Bethan Huws’ Installation aus Kleiderständern („Perroquets“) zwischen den Bäumen zu entdecken. Sie erschließen sich die hier situierten Werke am besten im gemächlichen Schlendern zwischen Schloss, Bäumen, Kleinarchitekturen und Gewässern. Wer den Park erstmals betritt, weiß nie genau, was im nächsten Moment auftaucht.

Die Werke beziehen sich dabei direkt auf den Schlosspark und verstehen diesen nicht als neutrale Fläche, sondern als historisch, sozial und ökologisch aufgeladenen Raum. So geht etwa die ikonische Arbeit „Balance Capsule“ des ungarischen Künstlerduos Little Warsaw – die Kombination aus Telefonzelle und Pyramidenstumpf ist das Covermotiv dieses Heftes – von einer kritischen Untersuchung der gestalteten Parklandschaft aus. Mark Dions „Buchsdom Tower“ dagegen bricht die romantische Parkästhetik. In einer Turmruine, die aus einem Buchsbaum ragt, liegt ein verwesendes Reh – ein radikaler Eingriff, der Natur als Prozess sichtbar macht und das Publikum mit der Materialität des Lebendigen konfrontiert. Maider López’ von 2013 bis 2019 installierter „Mountain“ wiederum verschob die Wahrnehmung des Parks durch eine temporäre topografische Intervention, während Marjetica Potrčs Installation „Drinking Water“ (2009 bis 2016) Fragen der Ressourcennutzung und globalen Infrastruktur verhandelte. Performative, installative und diskursive Formate („Counterpoints“) schrieben gesellschaftliche Spannungsfelder – von Ökologie über Ökonomie bis Körperpolitik – in den Landschaftsraum ein.

Erinnerung an einen Delinquenten: Manfred Pernice, „tür+tor“, 2010

© NiS
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Handlungsfeld

Die Liste der hier erfolgreich umgesetzten Arbeiten erweist sich als ebenso dicht wie heterogen. Kunst im öffentlichen Raum ist hier ein kritisches, ortsspezifisches und gesellschaftlich relevantes Handlungsfeld. Die Vielzahl der Projekte in Grafenegg spannt ein komprimiertes Panorama jener künstlerischen Strategien auf, die KOERNOE seit dreißig Jahren auszeichnen, nämlich Prozesse sichtbar zu machen, Narrative zu hinterfragen, einen genauen und oft unerwarteten Blick auf die gebaute und natürliche Umgebung zu werfen, neue Perspektiven zu eröffnen und den Diskurs über Kunst kontinuierlich zu erweitern. Die strukturellen Bedingungen dafür sind langfristige Fördermodelle, internationale künstlerische Engagements und die konsequente Verankerung in regionalen und historischen Kontexten.

Schwungvoll: Werner Feiersinger, ohne Titel, 2008

© Werner Feiersinger
© Werner Feiersinger

Die demokra­tisierte Situation findet eine Form des Ein­gedenkens.

Schwarzes Tor

Signifikant für Letzteres ist auch die Installation „tür+tor“ von Manfred Pernice. Der Künstler baute in das sogenannte „Schwarze Tor“ an der Schlossmauer eine Ziegelwand mit einer Tür, einem kreisrunden Guckloch sowie zwei Epitaphen – eines für die Schlosshunde, eines für den letzten Delinquenten. Dieser betrat einst über dieses Tor die Hinrichtungsstätte, zum Tode verurteilt durch die Gerichtshoheit Grafeneggs. Der theatralischen Architektur des historischen Bestands, errichtet in einer vordemokratischen Epoche, setzte Pernice eine nüchterne Mauer entgegen. „Die jetzt demokratisierte Situation des Schlosses und des Parks findet in der Skulptur noch einmal eine zeitgenössische Form des Eingedenkens“, schrieb der Kurator Axel Jablonski darüber.

Das erinnert daran, dass im Schlosspark Grafenegg Kunst im öffentlichen Raum auch als demokratisches Medium sichtbar wird und dass Kunst nicht nur Orte verändert, sondern auch die Art, wie wir darüber denken – und damit über Natur, Geschichte und Gesellschaft. ● ○