Sieben Uhr Früh, Mai 2021. Der Frühverkehr in Weikendorf, einer 2000-Seelen-Gemeinde im Weinviertel, nimmt Fahrt auf. Alles wie üblich – außer, dass ein Mann im Bademantel auf der Kreisverkehrsinsel steht und eine Stunde lang den vorbeifahrenden Pendlerinnen und Pendlern winkt. Einige winken zurück, manche bekommen Lachanfälle, andere beschimpfen den ungewöhnlichen Gast als „Depp“. Zweimal kommt die Polizei und erkundigt sich nach seinem Gesundheitszustand. Als klar wird, dass es sich um Kunst handelt, genauer gesagt um eine Intervention des Kärntner Künstlers und Landschaftsarchitekten Hannes Gröblacher, fahren die Beamten wieder ab.
Wer in Weikendorf lebt, ahnt schon, dass hinter solchen Szenen womöglich ein Kunstprojekt stecken könnte. Immerhin befindet sich in dem Ort seit fast zwanzig Jahren ein Raum für zeitgenössische Kunst. Im Jahr 2007 verwandelte der Künstler und Bildhauer Michael Kienzer ein leerstehendes Feuerwehrhaus in einen Ausstellungsraum. Eigentlich sollte er im Zuge der Neugestaltung des Hauptplatzes eine Skulptur entwerfen. Damals wurde gerade das alte Rathaus saniert und der Gemeindesaal neu errichtet. Als der oberösterreichische, in Wien lebende Künstler den Ort besichtigte, entdeckte er mitten am Hauptplatz einen leerstehenden Raum: das ehemalige Zeughaus der Feuerwehr, prominent platziert zwischen Kriegerdenkmal und einer Johannes-Nepomuk-Figur aus dem Jahr 1726. Also entschied sich Kienzer, einen Raum zu schaffen, der selbst zur Skulptur wird – und gleichzeitig ein Fenster in die Gegenwartskunst öffnet.
Rattenfänger von Weikendorf
Architektonisch waren nur wenige Eingriffe nötig: Die rostroten Feuerwehrtore wurden geschlossen, ein großes Schaufenster eingebaut. Heute ist der Kunstraum mit seiner Vitrine, die abends beleuchtet ist, ein Blickfang. Was drinnen passiert, ist zu jeder Zeit von außen sichtbar. Niemand muss den Raum betreten, um ihm zu begegnen; die Kunst tritt ins Dorf hinaus.
Zweimal im Jahr bespielen Künstlerinnen und Künstler den Raum. Welches Format sie dafür wählen, bleibt ihnen überlassen. Diese Freiheit spiegelt sich in der Vielfalt der bisherigen Ausstellungen und Interventionen. Die meisten entscheiden sich jedoch bewusst dazu, in ihrer Kunst auf den Ort und auf die Menschen, die ihn bewohnen, einzugehen.
Einer von ihnen ist Hannes Gröblacher, der Mann im Bademantel. 2021 zog er für eine Woche in den Kunstraum ein, erklärte ihn zu seinem Wohnraum und übernachtete dort; ein Pappkarton als Sichtschutz vor dem Bett war die einzige Privatsphäre, die er sich gönnte. Auch in seinen täglichen Ritualen verschob er, mitten in der Pandemie, die Grenze zwischen privat und öffentlich: Nachdem er im Kreisverkehr die Autofahrerinnen und Autofahrer verabschiedet hatte, ließ er den Wind Riesenseifenblasen über ein Feld treiben. Nachmittags stellte er einen Tisch mit zwei Stühlen auf die Straße und lud zum Fünf-Uhr-Tee. Abends dribbelte er auf der Hauptstraße einen großen roten Gymnastikball vor sich her. Jedes Mal, wenn das Plastik den Beton berührte, schallte ein peitschender Knall durch das Dorf. Damit trommelte er, wie eine Art Rattenfänger von Weikendorf, eine immer größer werdende Gefolgschaft von Menschen mit Gymnastikbällen zusammen.


