© Robert Hanel
© Robert Hanel

Kunstraum Weikendorf

Die Kunst tritt ins Dorf hinaus


Sieben Uhr Früh, Mai 2021. Der Frühverkehr in Weikendorf, einer 2000-Seelen-Gemeinde im Weinviertel, nimmt Fahrt auf. Alles wie üblich – außer, dass ein Mann im Bademantel auf der Kreisverkehrsinsel steht und eine Stunde lang den vorbeifahrenden Pendlerinnen und Pendlern winkt. Einige winken zurück, manche bekommen Lachanfälle, andere beschimpfen den ungewöhnlichen Gast als „Depp“. Zweimal kommt die Polizei und erkundigt sich nach seinem Gesundheitszustand. Als klar wird, dass es sich um Kunst handelt, genauer gesagt um eine Intervention des Kärntner Künstlers und Landschaftsarchitekten Hannes Gröblacher, fahren die Beamten wieder ab.

Wer in Weikendorf lebt, ahnt schon, dass hinter solchen Szenen womöglich ein Kunstprojekt stecken könnte. Immerhin befindet sich in dem Ort seit fast zwanzig Jahren ein Raum für zeitgenössische Kunst. Im Jahr 2007 verwandelte der Künstler und Bildhauer Michael Kienzer ein leerstehendes Feuerwehrhaus in einen Ausstellungsraum. Eigentlich sollte er im Zuge der Neugestaltung des Hauptplatzes eine Skulptur entwerfen. Damals wurde gerade das alte Rathaus saniert und der Gemeindesaal neu errichtet. Als der oberösterreichische, in Wien lebende Künstler den Ort besichtigte, entdeckte er mitten am Hauptplatz einen leerstehenden Raum: das ehemalige Zeughaus der Feuerwehr, prominent platziert zwischen Kriegerdenkmal und einer Johannes-Nepomuk-Figur aus dem Jahr 1726. Also entschied sich Kienzer, einen Raum zu schaffen, der selbst zur Skulptur wird – und gleichzeitig ein Fenster in die Gegenwartskunst öffnet.

Rattenfänger von Weikendorf

Architektonisch waren nur wenige Eingriffe nötig: Die rostroten Feuerwehrtore wurden geschlossen, ein großes Schaufenster eingebaut. Heute ist der Kunstraum mit seiner Vitrine, die abends beleuchtet ist, ein Blickfang. Was drinnen passiert, ist zu jeder Zeit von außen sichtbar. Niemand muss den Raum betreten, um ihm zu begegnen; die Kunst tritt ins Dorf hinaus.

Zweimal im Jahr bespielen Künstlerinnen und Künstler den Raum. Welches Format sie dafür wählen, bleibt ihnen überlassen. Diese Freiheit spiegelt sich in der Vielfalt der bisherigen Ausstellungen und Interventionen. Die meisten entscheiden sich jedoch bewusst dazu, in ihrer Kunst auf den Ort und auf die Menschen, die ihn bewohnen, einzugehen.

Einer von ihnen ist Hannes Gröblacher, der Mann im Bademantel. 2021 zog er für eine Woche in den Kunstraum ein, erklärte ihn zu seinem Wohnraum und übernachtete dort; ein Pappkarton als Sichtschutz vor dem Bett war die einzige Privatsphäre, die er sich gönnte. Auch in seinen täglichen Ritualen verschob er, mitten in der Pandemie, die Grenze zwischen privat und öffentlich: Nachdem er im Kreisverkehr die Autofahrerinnen und Autofahrer verabschiedet hatte, ließ er den Wind Riesenseifenblasen über ein Feld treiben. Nachmittags stellte er einen Tisch mit zwei Stühlen auf die Straße und lud zum Fünf-Uhr-Tee. Abends dribbelte er auf der Hauptstraße einen großen roten Gymnastikball vor sich her. Jedes Mal, wenn das Plastik den Beton berührte, schallte ein peitschender Knall durch das Dorf. Damit trommelte er, wie eine Art Rattenfänger von Weikendorf, eine immer größer werdende Gefolgschaft von Menschen mit Gymnastikbällen zusammen.

Kunst im einstigen Feuerwehrhaus:

Eröffnung der Ausstellung „gegenwärtig, da“

© Joanna Pianka
© Joanna Pianka

Laubhaufen

Diese Rituale dienten der Rückeroberung des öffentlichen Raums und dazu, Routinen zu irritieren. Indem er frühmorgens von der Mitte des Kreisverkehrs grüßte, interpretierte er die Verkehrsinsel als sozialen Raum. Seine Aktionen meldet der Künstler bewusst nicht an: „Würde ich um Erlaubnis fragen, bliebe der Überraschungseffekt aus.“ Sein Interesse gilt der Unvorhersehbarkeit und den Reaktionen der Menschen. Wer fühlt sich gestört, wer angesprochen, wer zuständig?

Diese Fragen sind in Weikendorf, einem bäuerlich geprägten Ort im Marchfeld, nicht neu. Die zeitgenössische Kunst löst hier seit den Anfängen im Jahr 2007 gespaltene Reaktionen aus. Manche im Ort erinnern sich bis heute mit Missfallen daran, wie der Künstler Hans Schabus 2015 den Kunstraum meterhoch mit Laub füllte, das er zuvor in Wien gesammelt hatte. Für viele, die Herbst für Herbst ihre Einfahrten mit großer Mühsal vom Laub befreien, wirkte der Haufen aus der Hauptstadt wie ein Affront.

„Oft herrschte eine Aufregung, als wäre es eine persönliche Beleidigung, wenn die Kunst nicht sofort verstanden wird“, sagt Michael Kienzer. Die Skepsis gegenüber dem Kunstraum sei von Anfang an spürbar gewesen – und bis zu einem gewissen Grad könne er das auch verstehen.

Wer definiert, was im öffentlichen Raum stattfinden darf? Und für wen ist Kunst gemacht? Diese Fragen, und die oftmals fehlende Akzeptanz für Kunst – insbesondere für Kunst im öffentlichen Raum – griff die deutsche Künstlerin Mona Hahn bereits im Eröffnungsjahr 2007 auf, indem sie ein Karl-Marx-Zitat ins Zentrum ihrer Installation stellte. „Wenn Du die Kunst genießen willst, musst Du ein künstlerisch gebildeter Mensch sein“, prangte auf dem Holzschnitt eines Arbeiterkünstlers aus der DDR von 1965. Mit diesem Werk polarisierte sie – dabei wollte sie damit verdeutlichen, dass es nicht um Verständnis geht, sondern um die Frage, wem Kunst überhaupt zugänglich ist.

Vermittelnde Jury

Ein wichtiger Schlüssel zur vermehrten Akzeptanz des Kunstraums lag darin, die Bevölkerung stärker einzubeziehen. Seit 2013 ist eine ehrenamtliche Jury aus dem Dorf an der Auswahl der Künstlerinnen und Künstler beteiligt. Nach Vorlage einer Longlist durch das Gremium von Kunst im öffentlichen Raum trifft diese die finale Auswahl.

„Ich fühle mich als wichtiger Teil dieses Projekts“, sagt Jurymitglied Katharina Neuner. Die Elementarpädagogin erzählt, wie sehr der Kunstraum den Ort belebt hat: „Hier komme ich mit Leuten in Kontakt, die ich sonst vielleicht nie getroffen hätte.“ Die anfängliche Kritik an dem Kunstraum sei weitgehend abgeklungen, erklärt die junge Frau – ebenso wie die Diskussion darüber, wie viel das alles koste. Apropos Kosten: Für die Ausstellungsproduktionen kommt die Abteilung Kunst im öffentlichen Raum des Landes Niederösterreich auf. Die Gemeinde trägt die Energie- und Instandhaltungskosten.

Die Jury vermittelt auch zwischen Kunst und Alltag. Ein zentraler Akteur ist dabei Robert Hanel. Der pensionierte Architekt und Dorfarchivar hat den Umbau des alten Feuerwehrhauses architektonisch begleitet, kümmert sich um den Kunstraum und unterstützt die Künstlerinnen und Künstler vor Ort. „Er ist eine Schlüsselfigur“, sagt der Designer Martin Färber, der gemeinsam mit der Urbanistin Christina Schraml 2024 die partizipative Intervention „Dorfkorres­pondenz“ entwickelte. Dafür befragten sie die Bevölkerung, was sie sich für den Raum wünschen und recherchierten zur Geschichte Weikendorfs. So stellten sie fest: Früher war der Ortskern belebt; es gab einen Bäcker und eine Postfiliale. Nun heißt es, das letzte bestehende Wirtshaus werde seine Pforten bald für immer schließen. „Heute kann man hier leben, ohne je ins Zen­trum zu fahren“, sagt Schraml.

Um den Ortskern wieder zu beleben, installierten Schraml und Färber „Grasmöbel“ vor dem Kunstraum; vergängliche Sitzgelegenheiten in Form von Hand, Auge, Ohr und Mund. Sie sollten Gespräche anstoßen: über das, was da ist – und über das, was fehlt. „Zugezogene Menschen, insbesondere jene mit Migrationshintergrund, haben es hier oft schwer, Anschluss zu finden“, sagt Schraml. Davon zeugt auch ein Fall, der 2019 viel mediale Aufmerksamkeit erhielt. Damals wollte eine palästinensische Großfamilie in Weikendorf ein Haus kaufen. In einer von hundert Menschen unterzeichneten Petition machten einige Anrainerinnen und Anrainer gegen den Hauskauf mobil, auch der Bürgermeister sprach sich gegen den Zuzug der Familie aus – eine Auseinandersetzung, die wiederholt Thema der Kunst hier wurde. „Aber auch Jugendliche, die keinen Raum haben, oder Frauen, die sich in bestehenden Vereinsstrukturen wie dem Fußballverein oder der Freiwilligen Feuerwehr weniger wohlfühlen, haben es schwer, ihren Platz im Dorf zu finden“, meint Färber. Das Ziel von Färber und Schraml war, dass ihre künstlerische Arbeit im Ort weiterwirkt. Daher überreichten sie der Gemeinde die im Projekt erarbeiteten Wünsche und Vorschläge feierlich in Form eines Wimpels.

Ich fühle mich als wichtiger Teil des Projekts.

Ländliche Ästhetik

Einen partizipativen Ansatz verfolgt auch die aktuelle Ausstellung. Im Frühjahr verteilte die Schweizer Künstlerin und Bildhauerin Regula Dettwiler rund hundert Stück Dahlienzwiebeln. Die Besucherinnen und Besucher sollen diese in ihre eigenen Gärten einpflanzen und ein Foto der Blüte an die Künstlerin schicken. Im Herbst soll dann im Kunstraum ein „gemeinsamer Garten“ zu sehen sein, möglicherweise als Collage. So möchte Dettwiler den Blick in die Gärten zum verbindenden Element machen, als Gegenbewegung zu Phänomenen wie Vereinzelung und sozialem Rückzug. Das Projekt spielt mit der Fragilität von Partizipationsprozessen; Wühlmäuse und Schnecken können dieses ebenso gefährden wie mangelnde Beteiligung.

Dass ihre Wahl ausgerechnet auf Dahlien fiel, hat persönliche, aber auch gesellschaftspolitische Beweggründe, erzählt die Künstlerin. Dahlienblüten erinnern sie an den Garten ihrer Großmutter; für die Künstlerin stehen diese Blumen für eine verlorengehende Form ländlicher Ästhetik: „Heute sind die meisten Vorgärten komplett öd“, sagt Dettwiler, deren Atelier sich ebenfalls im Weinviertel befindet. Im Kontrast dazu beheimatet die Weikendorfer Remise, das älteste Naturschutzgebiet Österreichs, seltene Pflanzenarten wie die Gelbe Strohblume, das Federgras oder das Flaum-Steinröslein.

Scharfe Beobachtung. Christina Schraml

und Martin Färber, „Dorfkorrespondenz“, 2024, Ausstellungsansicht

© Joanna Pianka
© Joanna Pianka

Was Dettwiler an dem künstlerischen Schaffen in Weikendorf schätzt, ist die künstlerische Freiheit: Der Kunstraum agiere autonom, sei aber zugleich eng mit dem Dorf verwoben. Sie betont, Kunst im öffentlichen Raum gehe für sie mit einer großen Verantwortung einher: „Wie kann ich die Kunst in die Umgebung integrieren? Darüber muss ich hier mehr nachdenken, als wenn ich in einer Galerie ausstelle.“ Sich einzufügen, ohne sich anzupassen, und Impulse zu setzen, ohne zu überformen, bleibt also ein Spannungsfeld.

Wie der Kunstraum die Gemeinde Weikendorf verändert hat, lässt sich schwer in Worte fassen oder in Besucherzahlen messen. Vielmehr sind es kleine Verschiebungen, die den Ort geprägt haben: Momente, in denen Menschen stehen bleiben, irritiert sind, lachen, ins Gespräch kommen, miteinander diskutieren. Wenn der Kreisverkehr für einen Augenblick lang mehr ist als eine Verkehrsfläche und zur Bühne wird. Das Projekt hat bewiesen, dass auch in einem kleinen Ort künstlerische Auseinandersetzung stattfinden kann – und dass die Fragen, was Öffentlichkeit ausmacht und wer in ihr Platz hat, längst nicht ausverhandelt sind. ● ○

Wie kann ich Kunst in die Umgebung integrieren?