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Folke Köbberling

Die Tonstudio­qualität des Zackelschafs


Brennt nicht, isoliert und filtert akustisch: Schafwolle ist die reinste Zauberfaser. Die Kasseler Künstlerin Folke Köbberling baute nun eine Skulptur daraus – die gleichzeitig wissenschaftliches Experiment ist.

Einen Blick auf ihr Fell, mehr braucht es nicht. Schon wissen wir, dass Schafe uns Menschen meilenweit überlegen sind – was die Isolierung betrifft. Kein Wunder also, dass diese Tiere so schnell nichts aus der Ruhe bringt, weder Kälte, Sturm noch Nässe. Schafwolle ist wie gemacht für widrige Zeiten, in denen die Ressourcen knapp werden. Sogar dem Feuer trotzt Schafwolle, will sie doch gar nicht brennen, sondern sie verkohlt – allerdings erst bei ungefähr 550 Grad. Zum Vergleich: Stahl knickt ab etwa 500 bis 550 Grad. Dennoch hat Schafwolle in den vergangenen Jahren massiv an Wert verloren. Kunstfasern dominieren den Textilmarkt. In ganz Europa lagert unverkaufte Rohwolle, weil die notwendige Infrastruktur zur textilen Verarbeitung aus Europa nahezu verschwunden ist. Auch die Preise sind im Keller: Für einen Kilo Rohwolle werden zwischen zehn Cent und einem Euro bezahlt, ein unrentables Geschäft für Schäfer und Schäferinnen. Und das, obwohl Schafwolle isoliert, akustisch filtert und nicht entflammbar ist – und damit ideal für architektonische Zwecke geeignet.

Genau an diesem Punkt setzt Folke Köbberling an. Seit 2018 befasst sich die deutsche Konzeptkünstlerin und Leiterin des Instituts für Architekturbezogene Kunst an der TU Braunschweig, die auf Ausstellungstätigkeit in Deutschland, Rom, Mexiko, New York, Warschau, Wien und an vielen anderen Orten verweisen kann, mit dem Werkstoff. Genauer gesagt mit ungewaschener, ungekämmter Rohwolle von Schafen: Sie trägt noch all die Witterungs- und Schmutzpartikel in sich, die im Laufe eines Jahres hängen bleiben.


Pionierarbeiten mit Rohwolle

Eine von Köbberlings ersten Arbeiten mit Rohwolle im öffentlichen Raum war das Projekt „Muro di lana“ („Wollmauer“), realisiert 2023 im Park der Villa Massimo in Rom. Ursprünglich als temporäre Skulptur konzipiert, wurde sie mittlerweile verstetigt, weil sie trotz Wetterkapriolen keinen Schaden nahm. Im Gegenteil: Die Rohwolle setzte an ihrer Oberfläche eine schützende Patina an, auch Pflanzen wachsen langsam in die Skulptur hinein, nutzen die modulare Akustikwand als Spalier. Insekten haben sie als Habitat entdeckt.

Klang- und Schutzraum

Nun geht die 1969 in Kassel geborene Künstlerin einen Schritt weiter: Erstmals soll Schafwolle ein Dach decken, eine begehbare Skulptur im Schlosspark Grafenegg, die zu Redaktionsschluss noch im Entstehen war. Ein künstlerischer Klang- und Schutzraum, wie Folke Köbberling im Gespräch mit morgen erläutert, ein stiller Kontrapunkt zum Wolkenturm aus Beton, zur Reiterhalle aus Ziegel, zu temporären Partyzelten sowie dem imposanten Schloss mit seinen spitzen Erkern im Tudorstil.

Der 4,5 mal drei Meter breite Aushub für Köbberlings „Wolldach“ hat schon stattgefunden. Die daraus gewonnene, lehmhaltige Erde ist planiert und wird statt eines Estrichs für den Fußboden genutzt. Wie überhaupt so gut wie alles aus vor Ort vorhandenen Materialien gefertigt ist: Die Holzbalken für den vier Meter hohen Dachstuhl sind Überbleibsel der kürzlich renovierten Reiterhalle, ebenso die für die Unterkonstruktion notwendigen Klinkersteine. Der Hauptakteur, die Rohwolle, stammt zum Großteil von den im Schlosspark grasenden Olde-English-Babydoll-Southdown-Schafen sowie von den zotteligen ungarischen Zackelschafen – zwei Rassen mit unterschiedlicher Fellstruktur. Die fünf bis zehn Zentimeter langen Fasern der Zackelschafwolle nutzt Köbberling für die Außenhaut der Dachdeckung; seit Herbst 2025 webt sie in monatelanger Handarbeit die langen Rohwollfasern in verzinkte Gittermatten ein, um eine stabile Unterkonstruktion zu schaffen. Die Wolle der Southdown-Schafe dagegen dämmt den Raum von innen. Betreten die Besucherinnen und Besucher die zeltähnliche Skulptur, deren steil abfallende Dachflächen sich bis zum Boden erstrecken, soll ihnen das Gefühl vermittelt werden, in ein Firmament aus unterschiedlich gefärbten Wollpunkten zu blicken.

„Wolldach“ im Schlosspark Grafen­egg
eröffnet am 31. Mai 2026.

Folke Köbberlings Arbeit „Maaaaash!“,
ist bis 31. Juli 2027 installiert im
Rosa-Mayreder-Park neben
der Kunsthalle Wien Karlsplatz (koer.or.at).

Die Skulptur „Alice in Wonderland“ errichtete
Folke Köbberling 2011 gemeinsam
mit Martin Kaltwasser am Bildungscampus
Leobendorf (koernoe.at).

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1,5 bis zwei Tonnen Rohwolle

Im Herbst 2025 konnten Interessierte im Rahmen eines Workshops selbst aktiv bei der Umsetzung der Installation helfen. Gemeinsam mit der Künstlerin verwoben sie im Schlosspark Gittermatten mit Rohwolle – freilich ein Tropfen auf den heißen Stein, zumal die gesamte Skulptur rund 1,5 bis zwei Tonnen Rohwolle verlangt. Eine Geduldsarbeit, zugleich ein spannendes Forschungsprojekt. Denn das „Wolldach“ soll zehn Jahre den Grafenegger Skulpturengarten bereichern. Noch nie stand eine Arbeit aus Rohwolle so lange im öffentlichen Raum. Doch ihre Forschungstätigkeit stimmt Köbberling zuversichtlich: „Selbst von Regen durchnässte Schafwolle verliert kaum an ihrer guten Isolier- und Dämmwirkung“, sagt sie. „In Zukunft sollte sie verstärkt als nachwachsender und vielseitig einsetzbarer Baustoff ins Bewusstsein rücken.“

Wer die akustischen Qualitäten der Arbeit austesten möchte, kann ein Musikinstrument mitnehmen oder einfach mit der Stimme lautmalerisch experimentieren. Die Klangqualität in diesem Resonanzraum dürfte vergleichbar mit der in einem Tonstudio sein. In diesem Fall handelt es sich um ein Musterbeispiel an Ressourcenschonung, die sich wie ein roter Faden durch Köbberlings künstlerisches Schaffen zieht: Seit mittlerweile dreißig Jahren recycelt sie Materialien, oft auch Abfallprodukte, zu Kunstwerken, manchmal auch zu solchen mit alltagstauglichem Gebrauchswert. So transformierte sie etwa 2008 mit ihrem langjährigen Partner Martin Kaltwasser einen schrottreifen Peugeot in zwei voll funktionierende Fahrräder am Grazer Andreas-Hofer-Platz.

Warum Köbberling den öffentlichen Raum als Bühne bevorzugt? Weil die Reaktionen der Menschen viel unmittelbarer erfolgten, meint sie. „Von Zuspruch bis Vandalismus sind sie ein ungefilterter Spiegel der Gesellschaft.“ Einige ihrer Werke werden auch in Museen ausgestellt. Dann, so die Künstlerin, dürfe sich – aus konservatorischen Gründen – kein noch so kleines Insekt in ihrer Arbeit verstecken.

Ein museologisches Erfordernis, das eigentlich dem primären Interesse Folke Köbberlings wider­spricht: nämlich der Frage, was passiert, wenn sich die Natur auch in der Kunst ein Stück sichtbare Präsenz zurückerobert. ● ○

Die unmittelbaren Reaktionen sind ein ungefilterter Spiegel der Gesellschaft.