
Kultur • Round Table
„Das Spannende ist die Unvorhersehbarkeit“
Was zeichnet Kunst aus, die uns täglich an Häusern oder auf Plätzen begegnet? Wie reagieren Künstlerinnen und Künstler auf die Menschen und Orte, für die sie ihre Gestaltungsideen entwickeln? Darüber diskutierte morgen mit der Künstlerin Iris Andraschek, Cornelia Offergeld von Kunst im öffentlichen Raum Wien sowie Katrina Petter, Leiterin von Kunst im öffentlichen Raum Niederösterreich, in Andrascheks Wiener Atelier.
Interview geführt von Nicole Scheyerer
Fotos von Karolina Frank
Katrina Petter, die Pandemie hat die Beziehung zum öffentlichen Raum neu aufgeladen. Ist auch die Kunst darin plötzlich anders sichtbar geworden?
Katrina Petter
:Ich hatte das Gefühl, dass während Corona generell ein neues Bewusstsein für Raum entstanden ist, drinnen wie draußen. Man nahm den öffentlichen Raum stärker als Aufenthaltsort und nicht mehr nur als Durchgangsraum wahr, wodurch auch seine Gestaltung mehr Aufmerksamkeit erhielt. Für uns bedeutete das, das Angebot von Kunst im öffentlichen Raum noch bewusster zu vermitteln, auch durch digitale Inhalte und Routenvorschläge. Gleichzeitig hat sich gezeigt, wie wichtig der soziale Aspekt ist. Natürlich kann man spazieren gehen und sich die vielen skulpturalen Arbeiten anschauen, aber dabei fehlt ein zentraler Aspekt, denn Kunst lebt vom Dialog und gemeinsamen Erleben.
Cornelia Offergeld, gab es da einen Unterschied zwischen Land und Stadt?
Cornelia Offergeld
:Auch die Stadt ist nicht bloß ein physischer Transfer- und Aufenthaltsraum, sondern ebenso ein geistiger Gemeinschaftsraum. Während der Pandemie richteten viele ihre Augen nicht mehr nur geradeaus oder auf ihre Füße, sondern öffneten ihr Blickfeld und erzählten zum Beispiel von Figuren oben an den Fassaden der Häuser, die ihnen noch nie aufgefallen waren. Da wurde eine Sehnsucht spürbar, sich mit der Umgebung auseinanderzusetzen.
Iris Andraschek, als Künstlerin arbeiten Sie schon lange auch außerhalb von Ausstellungsräumen. Wie kamen Sie dazu?
Iris Andraschek
:Ich wurde als Künstlerin mit einem kleinen Kind für den öffentlichen Raum sensibilisiert. Früher oder später landete ich immer auf dem Spielplatz und fand es seltsam, dass sich im Park hauptsächlich einsam wirkende Frauen mit ihren Kleinkindern aufhielten. Im Unterschied zu unseren Nachbar:innen aus Exjugoslawien schienen die Österreicher:innen den öffentlichen Raum viel weniger als ihren eigenen zu empfinden, zu verwenden und zu genießen. Mein Partner Hubert Lobnig und ich haben dann ab 1998 zwei Jahre lang im Tigerpark in Wien Veranstaltungen gemacht, um die Leute zum Nachdenken über den Ort anzuregen.
In den letzten Jahren boomt die Street Art. Wie unterscheiden sich diese Wandbilder von den Kunstprojekten, die Sie realisieren?
Offergeld
:Der Begriff Street Art geht ursprünglich auf das American Graffiti der 1960er-Jahre zurück. Das war selbstautorisiertes Wirken und richtete sich gegen die Kommerzialisierung des öffentlichen Raums. Im Gegensatz dazu wird Street Art heute oft mit kommerziellem Hintergrund betrieben. Ich finde auch den Glauben problematisch, dass man an einem „grauen“ Ort, wo es den Menschen vielleicht nicht so gut geht, mit bunter Bemalung etwas lösen kann. Natürlich gibt es auch hochwertige illustrative Arbeiten, aber bei Kunst im öffentlichen Raum gibt es ein Zauberwort: die Ortsbezogenheit. Das heißt, sich mit der Gesellschaft auseinanderzusetzen und für sie zu arbeiten.
Petter
:In Niederösterreich sind seit mehreren Jahren die Silos ein großes Thema. Der Tourismus hat die Landwirtschaft vielerorts abgelöst. Es gibt andere Bedürfnisse an den Landschaftsraum, und von daher taucht oft der Wunsch auf, diese Türme zu „verschönern“. Das ist jedoch nicht die Aufgabe von Kunst im öffentlichen Raum, sondern vielmehr, diese Veränderungen zu thematisieren. In Laa an der Thaya haben die Künstler:innen Sonja Leimer und Christian Kosmas Mayer versucht, genau diesen Wandel sichtbar zu machen. Sie griffen für einen Silo Illustrationen auf, wie sie Immobilienmakler verwenden, und kündigten den Bau eines avantgardistischen Museums an. Dieses künstlerische Stilmittel stellt etwas in Aussicht, das so nicht kommt, um Diskussionen anzuregen.
Offergeld
:Kunst im öffentlichen Raum ist keine Dienstleistung. Es geht nicht um eine vorgefertigte klare Fläche, die gestaltet werden soll, sondern um eine Situation, die sich die Künstler:innen erarbeiten. Welche Menschen leben hier? Wer geht hier durch, wer kommt hier an? Was könnte dieser Platz brauchen? Wir lassen der Kunst ihren Raum und hören ihr zu.
Ich wurde als Künstlerin mit einem kleinen Kind für den öffentlichen Raum sensibilisiert.
Frau Andraschek, was bedeutet der Schlüsselbegriff „ortsspezifisch“ für Sie?
Andraschek
:Da würde ich gerne auf unser temporäres Projekt in Reinsberg kommen, das zwischen 1999 und 2011 viermal stattgefunden hat. Dieser Ort im Mostviertel war gerade dabei, seine Ruine als Bühne für Aufführungen zu revitalisieren. Es gab damals einen Konflikt im Ort, denn die einen wollten die Ruine à la Ritterburg wieder aufbauen, während die anderen sie lieber adaptieren wollten. Wir wurden dann von Kunst im öffentlichen Raum Niederösterreich eingeladen, ein Projekt zu entwickeln; dafür beschäftigten wir uns mit dem Dorf selbst und luden Künstler:innen ein, vor Ort Arbeiten zu entwickeln. Wir konnten ein leerstehendes Kaufhaus für Ausstellungen nutzen, aber es gab auch eine Fotopräsentation im Stall eines benachbarten Bauernhofs und Performances in einem Musikerheim.
Wie waren die Reaktionen auf die Projekte?
Andraschek
:Jedes Mal komplett anders. Beim ersten Mal Skepsis, beim zweiten Mal gab es einen Skandal, beim dritten Mal Enttäuschung darüber, dass der Skandal ausblieb, und beim vierten Mal Akzeptanz.
Welche Rolle spielt das Publikum für das Gelingen?
Offergeld
:Projekte wie Reinsberg zeigen, was für eine unglaubliche Freiheit Menschen im Kopf haben können. Da wurde Neugierde erzeugt und die Chance, sich auf Kunst einzulassen. Das setzt Energien frei, die man nicht immer als positiv oder negativ bewerten muss. Kunst im öffentlichen Raum ist ein Spiegel der Gesellschaft und erprobt auch deren Bereitschaft, sich auf etwas Unbekanntes einzulassen. Um so etwas zu verwirklichen, müssen wir gleichzeitig einen Flügel in der Luft und einen Fuß am Boden haben – Utopie und Machbarkeit.
Katrina Petter, wie läuft das ab, wenn sich eine Gemeinde an Sie wendet?
Petter
:Der Großteil unserer Projekte wird von Gemeinden, Vereinen oder auch Privatpersonen initiiert. Oft geht es ganz klassisch um eine Skulptur am neugeschaffenen Hauptplatz, aber auch um Gedenkprojekte oder Jubiläen. Wir arbeiten mit einem Gremium von Expert:innen zusammen. Es braucht immer einen Abgleich der spezifischen Rahmenbedingungen und des Freiraums. Unsere Kernaufgabe ist es, diesen Prozess von allen Seiten zu öffnen, zu zeigen, was möglich ist und anschließend alle Projektpartner:innen unterstützend durch diesen Prozess zu begleiten. Zuletzt haben wir einen Fokus auf die jüngere Generation gelegt und sind mit Jugendzentren in Austausch getreten. Künstler:innen arbeiten vor Ort mit Jugendlichen, um zu erkunden, was sie gerade beschäftigt und was sie brauchen. Dabei geht es auch um Sichtbarkeit.
Frau Andraschek, in Ihren feministischen Projekten war Sichtbarkeit ein ebenso wichtiges Thema wie Erinnerung. Wie haben Sie sich da angenähert?
Andraschek
:Meiner Arbeit „Der Muse reicht’s“ im Arkadenhof der Universität Wien ging ein Wettbewerb voraus. Ein Projekt sollte das Versäumnis aufzeigen, dass die Universität dort zwar 153 Männer, aber keine Wissenschaftlerinnen ehrt. Ich habe dann beobachtet, dass der Hof viel von Studierenden genutzt wird. Da ich ihnen keinen Platz wegnehmen wollte, habe ich eine Bodenarbeit konzipiert. Mir wurde auch klar, dass viele Frauen an der Uni schon jahrzehntelang für eine Veränderung gekämpft hatten und ich die Kritik jetzt nicht als mein Verdienst ausgeben wollte. Ich habe Interviews geführt und kam schließlich auf einen riesigen Schatten. Ein solcher liegt ja auch schon lange auf der Universität.
Frau Offergeld, wie kann Erinnerungskultur im öffentlichen Raum glücken?
Offergeld
:Das ist ein Thema, das uns alle sehr bewegt. Viele Menschen wollen die Vergangenheit festhalten, weil sie Angst vor der Zukunft haben, und wieder andere wollen, aus genau demselben Grund, die Vergangenheit loslassen und vergessen. Die Kunst im öffentlichen Raum ist aus dem Denkmal hervorgegangen, das Herrschaft repräsentiert hat. Mittlerweile konnte sie sich von dieser Funktion befreien und hat mehr mit Aufarbeitung zu tun. Erinnern ist eine Verantwortung der Gesellschaft, und diese übergibt das in die Hände der Kunst, weil die andere Ausdrucksformen finden kann.
Frau Petter, wieviel Zündstoff birgt die Gedenkkultur in Niederösterreich?
Petter
:Ich verstehe das Bedürfnis nach einem materiellen und sichtbaren Erinnerungszeichen im öffentlichen Raum, wo etwa auch Nachkommen hingehen können. Gleichzeitig birgt so ein Denkmal oder Mahnmal die Gefahr, dass das als eine Art Endpunkt verstanden wird. So nach dem Motto: Wir haben das jetzt und damit ist es abgeschlossen. Die Künstlerin Tatiana Lecomte hat sich mit dem Zwangsarbeitslager Viehofen auseinandergesetzt, von dem es kaum mehr Spuren gibt. Sie verschickte tausende Postkarten an Haushalte in St. Pölten mit einem Foto des Areals und dem handgeschriebenen Satz „Ich bin gesund, es geht mir gut.“ Das war die einzige Nachricht, die Zwangsarbeiter:innen damals versenden durften. Diese Intervention irritierte und erboste viele, weil sie durch die Postkarte in ihren Privatraum mit dem Thema konfrontiert wurden. Aber die Künstlerin gab auch die Möglichkeit, ihr zurückzuschreiben, und sammelte diese Reaktionen.
Was würden Sie sagen, wann „funktioniert“ Kunst im öffentlichen Raum?
Andraschek
:Darauf gibt es keine eindeutige Antwort, denn die Projekte werden zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich aufgenommen. Manchmal „funktionieren“ Kunstwerke zuerst nicht, dann plötzlich doch und werden sogar geliebt. Das Spannende ist die Unvorhersehbarkeit.
Offergeld
:Gerade bei permanenten Projekten ist oft das Schöne, wie sie über einen langen Zeitraum wahrgenommen werden. Leider wird die Ablehnung einzelner medial oft hochgespielt, etwa Gelatins Jubiläumsbrunnen anlässlich von 150 Jahren Wiener Hochquellenleitung. Da schmeißt sich dann ein Medium drauf, kolportiert falsche Zahlen und berichtet von Nicht-Akzeptanz. Dabei beweist jeder Lokalaugenschein das Gegenteil.
Petter
:In letzter Zeit besteht manchmal die Erwartung, dass Kunst im öffentlichen Raum die eierlegende Wollmilchsau wäre. Sie soll zum Beispiel kritisch sein, aber nicht zu kritisch, soll funktionieren, aber keine Funktion haben. Auf alle Fälle bietet Kunst immer eine Chance, dass Leute andocken, dass Diskussionen entstehen und etwas Verborgenes zum Vorschein kommt. Und damit ist sie ein wichtiger Beitrag für unsere Gesellschaft. ● ○
Kunst bietet immer eine Chance, dass Leute andocken, dass Diskussionen entstehen und etwas Verborgenes zum Vorschein kommt.
