Haus der Geschichte

Zukunft mit Geschichte


Es ist ein Jubiläum, dessen Grund einen etwas sperrigen Namen trägt: Am 1. Jänner 1922 trat das sogenannte Trennungsgesetz in Kraft. Es schied Wien von Niederösterreich – und hatte weitreichende Folgen. Welche, darüber sprach morgen mit Christian Rapp. Er leitet das Haus der Geschichte im Museum Niederösterreich, dem wir dieses Special widmen. Im Interview mit Rapp erfahren Sie, was die Scheidung von Wien und Niederösterreich mit sich brachte, wie er einen zeitgemäßen Museumsbegriff in seinem St. Pöltner Haus umsetzt und welche tollen Objekte er noch immer in den Landessammlungen entdeckt. Ein weiterer Beitrag gibt Einblicke in die Wanderausstellung „Niederösterreich. 100 Jahre, Orte, Ereignisse“, die das Team des Hauses der Geschichte kuratierte. Zudem verfasste der renommierte Historiker Gerhard Zeillinger einen Artikel über den Holocaust-Überlebenden Walter Fantl. Er endet mit dem beklemmenden Satz: „Er hatte als Einziger seiner Familie überlebt.“ Fantls Nachlass ist auszugsweise im Haus der Geschichte zu sehen – und erinnert daran, wie wichtig ein solches Haus ist, um für die Gegenwart und die Zukunft zu lernen.

Haus der Geschichte

Gibt es Parallelen zu heute?


Seit 2018 arbeitet der Kulturhistoriker und Ausstellungs-macher Christian Rapp als wissenschaftlicher Leiter des Hauses der Geschichte im Museum Niederösterreich. Fast im ganzen Haus zeigt sich seine Handschrift – historische Entwicklungen und Ereignisse so aufzu-bereiten, dass sie an die Gegenwart andocken, das beherrscht Rapp. Mit Sonderausstellungen zur Jugend, zu Spionage und zum jungen Hitler erregte das Museum Aufsehen. Im Gespräch mit morgen erzählt Rapp über Geschichtsvermittlung, die verschwiegenen Schattenseiten der Moderne, die Klarinette von Ludwig Wittgenstein und darüber, wie sich die 1922 vollzogene Trennung von Wien und Niederösterreich auswirkte.

morgen: In der Dauerausstellung des Hauses der Geschichte ist folgender Satz des Philosophen Martin Buber zu lesen: „Ich habe keine Lehre, aber ich führe ein Gespräch.“ Wie entsteht ein Dialog mit dem Publikum, bei dem dieses auch gefragt ist?

Christian Rapp

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Es war bei der Planung des Hauses eine gute Entscheidung, die Vermittlungsbereiche in die Ausstellung zu integrieren – die sogenannten Foren zu bestimmten Themenbereichen sind sichtbar für alle, die durch das Museum gehen. Wir sind ein Haus, das für Schulklassen sehr attraktiv ist. Da macht Geschichte nur dann Sinn, wenn sie in einen Dialog tritt. Die Kulturvermittlung war hier im Haus immer stark, auch personell.

Die Vermittlung ist wichtig, aber was lernt das Museum selbst durch das Publikum?

Das passiert tagtäglich – sei es, dass ein Programm gut oder weniger gut funktioniert, dass bestimmte Bereiche auf mehr oder weniger Interesse stoßen. Auch durch soziale Medien erfahren wir mehr darüber. Und wir reagieren auf inhaltliche Kritik: So änderte ich zum Beispiel gleich, nachdem ich als wissenschaftlicher Leiter angefangen hatte, einige Inhalte aus dem Bereich von 1914 bis 1945. Daran hatte es Kritik durch das Publikum, auch von Fachleuten, gegeben. Mittlerweile wurde der Themenbereich komplett überarbeitet.

Es gibt eine Broschüre zur Dauerausstellung. In deren Vorwort heißt es: „Das Haus der Geschichte ist ein museum in progress, und je näher wir der Gegenwart kommen, umso wichtiger wird es sein, statt Vergangenheiten festzuschreiben, diese – auch mit dem Publikum – immer neu zu denken.“ Welche Beispiele dafür gibt es?

Die erste Ausstellung, für die ich hier verantwortlich war, hieß „Meine Jugend – Deine Jugend“. Da ließen wir Jugendliche entscheiden, welche Themen und Epochen wichtig waren. Das Projekt wurde inhaltlich von ihnen bestimmt. Wir hatten uns zwar auch mit Jugendforschung befasst, aber was uns die jungen Leute selbst erzählten, war weitaus vielschichtiger. Wir hätten ohne sie bestimmt nicht erfahren, welchen Unterschied es auch heute noch macht, ob man im Most- oder im Weinviertel aufwächst, wie sie sich in unterschiedlichen Milieus erleben.

Aktuell gibt es eine große Debatte zur gesellschaftlichen Rolle von Museen in einer sich ändernden Gesellschaft – Themen wie Klimaschutz, Diversity und Inklusion werden auch im Kulturbetrieb immer wichtiger. Wie positioniert sich, nebst Projekten wie „Meine Jugend – Deine Jugend“, das Haus der Geschichte?

Natürlich muss man Leute ins Museum bekommen, die sonst nicht kommen. Die weiße Mittelschicht reicht nicht. Schülerinnen der Mary-Ward-Schule kommen praktisch von selbst, wenn wir ein partizipatives Projekt starten, deutlich schwieriger wird es bei HTLs, noch schwerer bei Leuten mit Migrations- oder Fluchthintergrund. Da muss man als Museum selbst die Leute aktiv ansprechen. Allerdings: Abwechslung macht Sinn. Nicht jedes Projekt wird durch Partizipation besser. Nach der Ausstellung zur Jugend zeigten wir eine klassische objektorientierte Ausstellung zur Spionage – von der Römerzeit über den Kalten Krieg bis zur Gegenwart. Eines der Objekte war eine Kamera aus dem späten 19. Jahrhundert: ein kreisrundes Gerät mit einem Okular, das man an einem Schnürchen bedienen konnte. Das verwendeten die Herren von der Staatspolizei aus Preußen, um die Sozialdemokraten bei Versammlungen heimlich zu fotografieren. Damit kann man auch die Frage stellen, welche Ängste man damals vor dieser Partei hatte. Diese Möglichkeit bietet die Geschichte und ein Museum dazu: Man kann den Fokus verrücken. Das geschah auch bei der Ausstellung „Der junge Hitler“: Da war die Jugend Hitlers ein Türoffner für eine Epoche, die wir völlig verklärt und von unsauberen Elementen gereinigt haben: nämlich das Wien der Jahrhundertwende, das wir heute vor allem mit Gustav Mahler, Sigmund Freud und Gustav Klimt assoziieren. Dabei gab es ganz andere Tendenzen, etwa mit Leuten wie dem Autor Houston Stewart Chamberlain, der Hitler stark beeinflusste. Dessen Buch „Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts“, eine verquere Mischung aus Rassismus, Antisemitismus und Kulturgeschichte, war ein Bestseller vor dem Ersten Weltkrieg, während von Freuds „Traumdeutung“ in den ersten Jahren nach Erscheinen kaum 1.000 Stück verkauft wurden. Sogar Karl Kraus, der hochnäsig auf alle anderen herunterblickte, verehrte Chamberlain und bettelte ihn an, für die von ihm herausgegebene Fackel zu schreiben. Es gab berüchtigte Rasseforscher, die bei den Sozialdemokraten Vorträge hielten, sowie den antisemitischen und frauenhassenden Philosophen Otto Weininger; auch der Architekt und Stadtplaner Otto Wagner äußerte sich immer wieder antisemitisch. Das war ein gewisser Common Sense, der tief in das christlichsoziale und deutschnationale, aber teilweise auch in das sozialdemokratische Lager reichte. Da drängt sich die Frage auf: Gibt es Parallelen zu heute? Und meistens muss man feststellen, dass sich die Dinge eben doch nicht eins zu eins wiederholen und man auf die Unterschiede zwischen einst und heute achten muss. Der Vorteil der „Geschichte“ besteht darin, dass sie alles umfasst. Ausstellungen können viele Themen ansprechen – von der Politik bis zur Populärkultur. Es wird in diesem Zusammenhang auch wieder partizipativere Ausstellungen geben, zum Beispiel über den Urlaub seit der Nachkriegszeit.

Darüber haben so gut wie alle was zu erzählen.

Das schon, aber es geht auch um die Perspektive der Bereisten: Pensionsbetreiberinnen, Kellner, Frühstückspersonal. Es ist aktuell ziemlich oft von einer Spaltung der Gesellschaft die Rede, gegen die vorzugehen auch Museen aufgerufen sind. Wie stellt sich diese dar vor einem größeren historischen Hintergrund? Erleben wir gerade etwas Neues oder gab es Polarisierungstendenzen schon immer?

Ich bin nicht sicher, ob man wirklich von einer Spaltung reden kann oder ob es sich um Interessenskonflikte handelt, wie es sie immer gab. Das Tocqueville-Paradoxon besagt Folgendes: Je mehr sich eine Gesellschaft einem – real ja nicht zu erreichenden – Gleichgewicht annähert, desto größer wird die Ungeduld gegenüber verbliebenen Ungleichheiten. Im größeren Rückblick sieht man in vielen Bereichen einen gesellschaftlichen Fortschritt – etwa wenn man sich heute Interviews aus den 1980er-Jahren zu Geschlechterverhältnissen anschaut oder wenn ein schwarzer Rapper aus Salzburg in einem kürzlich veröffentlichten Interview sagt, dass es gegenüber den 1990er-Jahren durchaus einen Rückgang des Alltagsrassismus gibt. Natürlich dürfen solche Beobachtungen nicht dazu führen, dass man die nach wie vor massiven Formen von Diskriminierung übersieht.

Ausstellungen entstehen aus dem, was in der Luft liegt.

Der Anlass für unser Special zum Haus der Geschichte ist ein Jubiläum: Seit Anfang 1922 sind Wien und Niederösterreich zwei verschiedene Bundesländer. Damals wurde erstmals das sogenannte Trennungsgesetz vollzogen. Wien profitierte davon und konnte ein beeindruckendes Wohnbauprogramm umsetzen; aber wie stellte sich das Ganze aus der Sicht von Niederösterreich dar?

Es wurde unterschätzt, was es bedeutet, wenn man die Hauptstadt verliert. Jene, die die Trennung wollten, haben sich da ein bisschen verrechnet. Den Wienern gelang es, für den Finanzausgleich 1922 eine für sie günstige Lösung zu verhandeln. Die Christlich-Sozialen in Niederösterreich dachten, die Stadt hinge am Tropf des Bauernstandes und würde sonst verhungern. Sie unterschätzten das ökonomische Potenzial Wiens. Finanziell war Niederösterreich in den ersten Jahren nach der Trennung benachteiligt: Zum Beispiel standen viele Fabriken in Niederösterreich; da die Firmen ihre Zentrale aber in Wien hatten, zahlten sie dort auch ihre Steuern. Ähnlich bei den Straßen rund um Wien. Diese musste Niederösterreich erhalten, ohne davon zu profitieren. Solche Missverhältnisse wurden später erkannt. Heute gibt es eine sogenannte Plafondregelung: Wenn Wien überproportional mehr Steuern einnimmt, dann kommen diese automatisch auch anderen Bundesländern zugute. Es gab übrigens in Niederösterreich nach der Trennung ebenfalls beachtliche soziale Fürsorgemaßnahmen und kommunale Wohnbauprojekte, etwa in Wiener Neustadt oder in St. Pölten. Teilweise orientierten sich diese auch stilistisch am Roten Wien. Ebenso gelang es nach der Trennung, die Produktivität der Landwirtschaft deutlich zu erhöhen – das war wichtig für Wien, aber auch für die Wirtschaft in Niederösterreich, wo jeder zweite Arbeitsplatz von Land- und Forstwirtschaft abhing.

Das Haus der Geschichte kuratierte zum Jubiläum die Wanderausstellung „Niederösterreich. 100 Jahre, Orte, Ereignisse“. Jedem Jahr wurde ein Ereignis zugeordnet; Fotos und Texte dazu präsentiert man nun auf großen transportablen Landkarten in Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden. Darin geht es um die Arbeitslosen von Marienthal ebenso wie um den Widerstandskämpfer Johann Ebner und die Gründung der Donau-Universität Krems. Wie kam diese Auswahl zustande?

Wir wollten weg von der Fixierung auf bestimmte Orte – da gab es auch in Niederösterreich solche, die zeitgeschichtlich „heißer“ waren. Die Ausstellung soll Besucherinnen und Besucher einladen zu erkunden, was von historischen Ereignissen in ihrer Umgebung, ihrem Ort noch erkennbar ist, und dabei vielleicht eine Gedenkstätte oder das lokale Museum neu zu entdecken. Es gibt bei so einer Auswahl Jahre wie 1945, wo man Hunderte Orte und Ereignisse fände; bei anderen mussten wir wirklich suchen. Die ersten 25 Jahre des Jahrhunderts sind voller Katastrophen, Verwerfungen und Umstürze, die nächsten 75 Jahre bestehen aus einer relativ friedlichen Entwicklung mit wenigen Höhe- oder Tiefpunkten – einem Wort von Montesquieu entsprechend: Glücklich ist das Volk, dessen Annalen langweilig sind.

Im Haus selbst gibt es den Bereich „Niederösterreich im Wandel“. Da könnte man den Eindruck gewinnen, Geschichte würde ausschließlich von Männern und hauptsächlich von Politikern gemacht. Entspricht das noch einer zeitgemäßen Darstellung?

Das wird sich ändern. Die Kritik an der inhaltlichen Zusammenstellung nehme ich gerne auf. Der Bereich wird in den nächsten Jahren komplett erneuert. Dabei können wir wieder die Chance nützen, Menschen mit ihren Erinnerungen in das Projekt einzubinden. Das wird der Darstellung eine andere Richtung geben, weil sie Geschlechter- und Migrationsgeschichte viel stärker berücksichtigt.

Das Haus der Geschichte arbeitet mit den Sammlungen des Landes Niederösterreich. Welche Rolle spielen diese in der Themensetzung?

Wir beziehen sie bei jedem Projekt natürlich ein, aber üblicherweise entstehen Ausstellungen eher aus dem heraus, was gerade in der Luft liegt oder wo es Anknüpfungspunkte gibt. Wir planen zum Beispiel für 2023 eine Schau mit dem Arbeitstitel „Aufsässiges Land“ zu Aufständen und Protesten im ländlichen Raum. Das hatte ich schon länger im Hinterkopf. Dann erzählte mir der Schriftsteller Martin Prinz, dass er an einem Roman über einen Arbeiterstreik in Traisen schreibt, weshalb wir bei diesem Projekt mit ihm zusammenarbeiten werden, ebenso wie mit den Kolleginnen und Kollegen vom Institut für Geschichte des ländlichen Raums. Das Programm entsteht also nicht unbedingt aus den Sammlungen heraus, doch wir greifen gern zu: etwa wenn es um Alltags- und Kulturgeschichte geht, da gibt es wirklich tolle Sachen. In der Online-Datenbank kann jeder gut recherchieren. Ich wusste bis vor Kurzem gar nicht, dass das Land eine Klarinette von Ludwig Wittgenstein besitzt. Sie erzählt viel über seine Zeit als Lehrer im südlichen Niederösterreich und seine Vorstellungen von Pädagogik, ein tolles Exponat. Jetzt kommt die Klarinette zu uns und wird in der überarbeiteten Dauerausstellung zu sehen sein. ● ○

Wanderausstellung

Von schwebenden Zauberkästchen und sprechenden Skeletten


Vor rund 100 Jahren, am 1. Jänner 1921, trat das sogenannte Trennungsgesetz in Kraft – es teilte Wien und Niederösterreich in zwei Bundesländer. Anlässlich dieses Jubiläums kuratierte des Team des Hauses der Geschichte die Wanderausstellung „Niederösterreich. 100 Jahre, Orte, Ereignisse“ (museumnoe.at/de/haus-der-geschichte): Jedem Jahr ordnete man ein Ereignis an einem Ort zu. Die entsprechenden Fotos und Texte reisen nun, versammelt auf großen Karten, durch Schulen und andere öffentliche Gebäude quer durch das Bundesland. morgen befragte das wissenschaftliche Team – Andrea Thuile, Julia Trimmel und Benedikt Vogl – zu jenen Bildern und Begebenheiten, die sie besonders beeindruckt haben. Und erfuhr mehr über die Magie einer neuen Seilbahn, einen Besuch Nikita Chruschtschows im Tullnerfeld und über die Entdeckungen, die ein Grabungsteam unter einem St. Pöltner Parkplatz machte.

Benedikt Vogl über die Eröffnung der Raxseilbahn, 1926

Mitte der 1920er-Jahre erlebt Niederösterreich eine Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs. Die schwierige Umbruchszeit nach dem Ersten Weltkrieg scheint überwunden. Auch im Tourismus werden neue Akzente gesetzt. Das Symbol dafür ist für mich die Raxseilbahn, die nach einer Bauzeit von weniger als einem Jahr, am 9. Juni 1926, eröffnet wird. Als erste touristische Seilbahn Österreichs bringt sie Bergbegeisterte von Hirschwang in die „Hochgebirgswildnis“ der Rax, wie es in einer Werbebroschüre heißt. Eine der höchsten Erhebungen Niederösterreichs ist damit auch für wenig bergerfahrene Menschen einfach zu erreichen. „Unmerklich, wie beim Aufflug eines Aeroplans, schwebt ein Zauberkästchen mit uns aufwärts, über Wipfel, über denen nun keine Ruhe mehr ist“, beschreibt ein damaliger Zeitungsartikel die Eindrücke einer Bergfahrt.

Der Bau der Seilbahn stellt den vorläufigen Höhepunkt einer Entwicklung dar, die bereits Ende des 19. Jahrhunderts eingesetzt hat: die Erschließung des Rax-Schneeberg-Gebiets durch markierte Wege, Steige und Schutzhütten, die Bergerlebnisse in relativer Nähe zur Hauptstadt Wien ermöglichen. Das Seilbahnprojekt ist eng mit dem Schaffen des Unternehmers und Wirtes Camillo Kronich verbunden. Er treibt mit Geschäftssinn und Engagement die Entwicklung der Region voran und lässt einige der Steige anlegen, die noch heute zu den beliebtesten Anstiegen auf die Rax zählen.

Keine Ruhe mehr

Schon nach kurzer Zeit ist die Bedeutung der Raxbahn für die Region nicht zu übersehen: Bereits im ersten Jahr werden fast 180.000 Personen mit ihr auf den Berg befördert. Das Seilbahnprojekt auf die Rax­alpe steht aber auch symbolisch für die Beziehungen zwischen Wien und Niederösterreich, die trotz der formalen Trennung ab 1922 eng verflochten bleiben. So sind es vor allem Wienerinnen und Wiener, die mit der Gondel auf den „Berg der Großstadt“ fahren.

Andrea Thuile über die Kukuruz-Wette, 1960

Im Juli 1960 berichtet die internationale Presse vom Besuch Nikita S. Chruschtschows – zu diesem Zeitpunkt Regierungschef der UdSSR – in Österreich. Es ist ein Freundschaftsbesuch, der vor dem Hintergrund des Kalten Krieges stattfindet und für Aufsehen sorgt. Denn die Stimmung zwischen den Westmächten und der Sowjetunion ist angespannt: Zwei Monate zuvor wurde ein US-amerikanisches Aufklärungsflugzeug über sowjetischem Territorium abgeschossen und der Pilot gefangen genommen. Der Zwischenfall lieferte den Beweis für die bis dahin geleugnete US-amerikanische Luftspionage über der Sowjetunion. Als Reaktion auf den Vorfall brach Chruschtschow ein kurz darauf stattfindendes Gipfeltreffen führender Politiker aus der UdSSR, den USA, Großbritannien und Frankreich in Paris frühzeitig ab.

Schwein nie geliefert

Nun reist der sowjetische Politiker neun Tage lang durch Österreich, trifft Regierungsmitglieder, Gewerkschaftsführer und lokale Politiker, besichtigt Fabriken, Kultur- und Gedenkstätten. In Niederösterreich besucht er den elterlichen Bauernhof von Nationalratspräsident Leopold Figl in Rust im Tullnerfeld. Bei der Besichtigung der Felder stellt Chruschtschow die Behauptung auf, russischer Mais wäre zehnmal ertragreicher als österreichischer. Figl wettet dagegen, als Wetteinsatz wird ein Zuchtschwein vereinbart. Tatsächlich lässt Chruschtschow kurz darauf Saatgut nach Rust schicken, wo ein „russisches Feld“ angelegt und von einem sowjetischen Agrarexperten der Botschaft in Wien kontrolliert wird. Letztlich gewinnt Figl die Wette – der österreichische Mais ist dem russischen gleichwertig –, das ausgelobte Schwein wird allerdings nie geliefert.

Heute ist die „Kukuruz-Wette“ eine Anekdote. Für Österreich bedeutete der Besuch des Kreml-Chefs eine Aufwertung auf dem internationalen politischen Parkett. Nicht zuletzt gelingt es Bundeskanzler Julius Raab bei dieser Gelegenheit auch, mit Chruschtschow eine beträchtliche Verringerung der österreichischen Reparationsabgaben für den Zweiten Weltkrieg an die Sowjetunion zu vereinbaren.

Julia Trimmel über Skelette unter dem Domplatz, 2010

Das obenstehende Foto stammt von den archäologischen Ausgrabungen am St. Pöltner Domplatz, die von 2010 bis 2019 stattfanden. Einen besonderen Stellenwert hat es für mich wegen seiner wissenschaftlichen Relevanz und meiner persönlichen Verbindung zu dem Grabungsprojekt. Die Ausgrabungen zeigen, welche reichhaltigen kulturellen Schätze in Niederösterreich noch zu finden sind.

Zweimal wöchentlich als Marktplatz verwendet, diente der Domplatz in den letzten Jahrzehnten hauptsächlich als Parkplatz. Der Wunsch der Stadt nach einer Neugestaltung bis 2023 erforderte vorbereitende Grabungsarbeiten. Da bekannt war, dass sich archäologische Strukturen unter dem Platz befinden, wurde die Stadtarchäologie mit der Erforschung des Domplatzes beauftragt.

Unter der Oberfläche warteten ein weltweit einzigartiges Bioarchiv von menschlichen Skeletten und sensationelle wissenschaftliche Erkenntnisse, die einen bedeutenden Beitrag zur Stadt- und Landesgeschichte leisteten. Als Teil des Archäologenteams durfte ich dazu beitragen, die historischen Bodenschätze des Domplatzes zutage zu fördern.

Einmaliges Bioarchiv

Vom römerzeitlichen Aelium Cetium wurden Straßenzüge, Kanäle und ein mehrteiliger Gebäudekomplex mit Badehaus, Aula sowie einem Verwaltungs- und Wohntrakt dokumentiert. Die Räumlichkeiten waren größtenteils mit Fußbodenheizung versehen und weisen darauf hin, dass der Eigentümer der Anlage ein hohes Ansehen genoss. Welche Bedeutung die Stadt in der römischen Provinz Noricum ripense hatte, können hoffentlich weitere wissenschaftliche Untersuchungen klären.

Im Mittelalter bildete der Domplatz mit dem Augustiner-Chorherrenstift, dem Dom, der Pfarrkirche, der Andreaskapelle und dem Stadtfriedhof das religiöse Zentrum der Stadt. Bei den Grabungen konnten über 22.100 Skelette freigelegt und geborgen werden. Sie geben Aufschlüsse über die Lebensweise, Ernährung, Hygiene und Krankheiten der vergangenen Jahr­hunderte.

Fantl

Der Gürtel, bis zuletzt


Der Holocaust-Überlebende Walter Fantl vermachte seinen Nachlass den Landessammlungen Niederösterreich. Unser Autor schrieb eine Biografie über ihn. Für morgen erinnert er sich an den 2019 verstorbenen gebürtigen Bischofstettner – und an dessen „Lebensobjekt“.

Als ich Walter Fantl im Oktober 2001 kennenlernte, machte er auf mich den Eindruck eines fröhlichen, gelassenen Menschen. Er war damals siebenundsiebzig, ich wusste kaum etwas von ihm. Als „Überlebenden des Holocaust“ konnte ich ihn mir anfangs gar nicht vorstellen, eher als Emigranten in England oder Palästina, der irgendwann, aus Heimatliebe, wieder zurückgekehrt ist. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, dass er zu der kleinen Gruppe der noch Lebenden gehörte, die damals „im Lager waren“, ja, dass er einer von denen war, die in Auschwitz-Birkenau über die „Rampe“ gingen und deren Leben genauso gut an diesem Ort, in diesem Augenblick hätte enden können. „Dass ich überlebt habe“, sagte Walter oft, „ist nichts als Zufall gewesen.“

Bürokratische Hindernisse

Schon bei unserer ersten Begegnung war mir klar, dass über Walter Fantls Geschichte ein Buch geschrieben werden müsse. Das wünschte er sich von mir, das versprach ich ihm. Als ich ihn und seine Frau erstmals in Wien besuchte, hatte er den Wohnzimmertisch mit alten Fotos, Briefen, Reisepässen, Gettogeld aus Theresienstadt und einer Vielzahl anderer Dokumente ausgelegt, die die Holocaust-Geschichte seiner Familie erzählten. 1938 hatte sich ihre kleine beschauliche Welt im niederösterreichischen Bischofstetten von einem Tag auf den anderen verändert, immer mehr verloren die Fantls ihre Lebensgrundlage, schließlich wurde ihnen Haus und Geschäft weggenommen und sie mussten nach Wien übersiedeln. Zwei Jahre lang bemühte sich Walters Vater vergeblich, die Flucht nach Amerika zu organisieren. Bürokratische Hindernisse verzögerten die Ausreise, am Ende fehlten auch die finanziellen Mittel. Stattdessen ging es am 1. Oktober 1942 ins Getto Theresienstadt, die Durchzugsstation auf dem Weg in die Vernichtung. Zwei Jahre später, am 28. September 1944, saßen Walter und sein Vater im Zug nach Auschwitz, es war der erste der sogenannten „Liquidationstransporte“. Die Situation, eingeschlossen im Waggon, erzählte Walter oft, war ein Schock. Davon träumte er sein weiteres Leben immer wieder: die Enge, die Dunkelheit, das bedrückende Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Herzrasen, Schweißausbrüche, Angst. Das wurde er nie mehr los. „Man überlebt nicht alles, was man überlebt“, schrieb die Schriftstellerin Ilse Aichinger einmal.

Im Oktober 2002 starb Walter Fantls Frau, und nun hatte er niemanden mehr an seiner Seite, der ihn aus den nächtlichen Albträumen weckte. Ihr Tod war die zweite Katastrophe in seinem Leben. An dem geplanten Buch zu arbeiten, war nun unmöglich. „Ich kann nicht“, sagte er. Erst zehn Jahre später war er dazu bereit. Zum ersten Mal sah ich damals die zweieinhalb Stunden dauernde Videoaufnahme der Shoah-Foundation aus dem Jahr 1997, in der Walter von Auschwitz erzählte. Zum ersten Mal zeigte er mir auch jenen breiten Ledergürtel, den er sich als 16-Jähriger in Wien besorgt hatte, als er in der technischen Abteilung der Kultusgemeinde zu arbeiten begann. Diesen Gürtel trug er auch in Theresienstadt, und er hatte ihn umgeschnallt, als er nach Auschwitz-Birkenau kam. Damals wurde ihm und den anderen Männern gesagt, es ginge zu einem Arbeitseinsatz nach Deutschland. Der Gürtel war das Einzige, was Walter nach der „Selektion“ behalten durfte. Als er Tage später in das Außenlager Gleiwitz I überstellt wurde, begann er sich an diesen Gürtel zu klammern, er wurde für ihn zum Überlebenssymbol. Solange er den Gürtel habe, sagte er sich, so lange werde er am Leben bleiben.

Ein Stück Leder

Bei den Friseuren im Lager war der Gürtel begehrt, sie mussten ihre Rasiermesser täglich an einem Stück Leder schärfen, und Leder war Mangelware. Immer wieder hatten sie Walter mehrere Brotrationen im Tausch gegen den Gürtel angeboten. Jeder Häftling wäre vermutlich sofort darauf eingegangen, um ein wenig den unsäglichen Hunger zu stillen. Aber nicht Walter. Die irrationale Angst, mit dem Gürtel sein Leben zu verlieren, war stärker. Am Ende wog er kaum 38 Kilo und war das, was man im Lagerjargon einen „Muselmann“ nannte. Den „Todesmarsch“ hatte er nur um ein Haar überlebt.

Als ich den Gürtel erstmals in der Hand hielt, konnte ich noch kaum begreifen, wie viel ihm dieses Stück Leder tatsächlich bedeutet hat. Kein Objekt vermag anschaulicher Walters Geschichte zu erzählen. Ursprünglich hatte der Gürtel fünf Löcher – so hatte ihn Walter bis 1942 in Wien getragen. Später wurden drei weitere Löcher in ihn gestanzt – das waren die zwei Jahre Theresienstadt. Dann folgten noch einmal, in unregelmäßigen Abständen, sechs Löcher – das waren die drei Monate im Lager Gleiwitz I.

Welche magische Kraft der Gürtel tatsächlich für Walter hatte, das wurde mir erst am Ende seines Lebens so richtig bewusst, als ihm stückweise die Gegenwart entglitt. Er vergaß plötzlich, wo er den Gürtel normalerweise aufbewahrte, verzweifelt und panisch begann er überall nach ihm zu suchen. Die Angst aus dem Lager war wieder da und plagte ihn auch noch ganz zuletzt. Auch die Vorstellung, dass man den Gürtel, wie er das immer wollte, eines Tages in einer Museumsvitrine sehen würde, beunruhigte ihn. „Schau“, sagte er noch wenige Monate vor seinem Tod im Oktober 2019, „ich weiß ja, dass es verrückt ist, aber ich glaube halt immer noch, dass ich mein Leben verliere, wenn ich den Gürtel nicht mehr habe.“

Noch einmal kam er für Filmaufnahmen nach Bischofstetten und stand vor seinem Elternhaus. In St. Pölten besuchte er die Synagoge, wo er 1937 seine Bar-Mizwa gefeiert hatte. Und in Wien begleitete ich ihn mit dem Filmteam an jenen Ort, von wo er und seine Familie nach Theresienstadt deportiert wurden. Noch einmal war das Vergangene ganz nah – und natürlich sein Gürtel, den er in die Kamera hielt, von dem er überzeugt war, dass er ihm das Leben gerettet hatte.

Am 28. Jänner 1945 – er war damals noch nicht ganz 21 – wurde Walter Fantl im KZ Blechhammer nahe der Oder von der Roten Armee befreit. Er hatte als Einziger seiner Familie überlebt. ● ○