Kazepov

Das Land wird zum Sehnsuchtsort


Die Gesellschaft sei gespalten: Dieser Befund wurde mittlerweile zum Allgemeinplatz. Ein Riss ziehe sich, so die weitverbreitete Meinung, entlang der Grenze zwischen Stadt und Land. Aber gibt es diesen tatsächlich? Darüber sprach morgen mit dem Soziologen Yuri Kazepov.

morgen: Ich lebe in der Stadt, träume aber oft vom Leben auf dem Land. Da bin ich nicht allein, oder?

Yuri Kazepov

:

Die Menschen haben jetzt gemerkt, dass es auch anders geht. Die Digitalisierung hat durch die Coronakrise einen Sprung von 20 Jahren nach vorne gemacht. Vor Corona hieß es, man muss unbedingt ins Büro kommen, weil das auch mit Kontrolle verbunden ist. Plötzlich ging das nicht mehr. Aber die Leute müssen arbeiten, und deshalb fand man kreative neue Lösungen. Oft verbinden Menschen in der Stadt das Leben auf dem Land mit Entspannung, Ruhe und Urlaub. In Städten arbeiten sehr viele Menschen, man lebt eng zusammen und der Alltag ist dadurch hektischer. Das Land wird zum Sehnsuchtsort. Besonders für junge, einkommensstärkere Familien.

Stadt und Land gelten als Dichotomie. Trifft das überhaupt noch zu?

Viele sagen, es gibt diese Unterscheidung eigentlich gar nicht mehr. Der Soziologe und Geograf Neil Brenner spricht von „Planetary Urbanization“. Seiner Meinung nach gehören mittlerweile auch die Wälder und Ozeane zur urbanisierten Welt. Unter den Meeren verlaufen Internetkabel, im Weltall kreisen Satelliten. Der ganze Planet wird vom urbanen Lebensstil vereinnahmt und vom Kapitalismus ausgebeutet. Das Urbane ist überwältigend. Diese Meinung teile ich nur bedingt. Es bestehen aber trotzdem große Unterschiede, weil es in der Stadt ein ganz anderes soziales Zusammenleben gibt. Wie dicht besiedelt eine Gegend ist, spielt letztendlich doch eine ziemlich große Rolle. Das sieht man zum Beispiel bei Wahlen: In den USA hat das Land für Trump gestimmt, die Städte haben Biden gewählt. Beim Brexit war es genauso. Und in Österreich kennen wir das natürlich auch. Städte bieten den Menschen die Gelegenheit, auf andere Kulturen, andere Religionen und andere politische Meinungen zu treffen. In der Stadt muss man lernen zusammenzuleben.

In manchen ländlichen Gegenden gibt es nicht genug Ärztinnen und Ärzte, keine Kinderbetreuung am Nachmittag, zu wenig öffentlichen Nahverkehr, langsames Internet, …

Das ist ein sehr wichtiger Punkt. In der Soziologie nennen wir das Gelegenheitsstrukturen. Wenn es keinen Kindergarten in der Nähe gibt, wird es für Familien kompliziert, Erwerbsarbeit und Familienleben unter einen Hut zu bekommen. Besonders auf die Erwerbsquote von Frauen wirkt sich das deutlich aus. Damit werden Frauen Chancen verwehrt auf ein eigenes Einkommen, aktive politische Teilhabe und Selbstbestimmung. Sie werden finanziell und auch sozial abhängiger.

Ihr Team und Sie erforschten kürzlich in sieben europäischen Ländern, wie sich die Lebensqualität zwischen Stadt und Land unterscheidet. Welche Faktoren spielen die größte Rolle?

Kinderbetreuung steht sehr weit oben auf der Liste. Auch die Möglichkeit, eine Ausbildung zu machen und auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, sind zentrale Faktoren für die Lebensqualität. Erwerbsarbeit hat finanzielle, aber auch soziale Aspekte, die von Anerkennung, vom Platz in der Gesellschaft bis zu den sozialen Kontakten reichen. Im Grunde geht es um staatliche Versorgungsfragen. Wie will man flächendeckend die Versorgung der Bevölkerung gewährleisten? Welche Bereiche stehen im Vordergrund, welche werden eher vernachlässigt? Ländliche Regionen versuchen oft selbst, die Bedingungen vor Ort zu verbessern. Man organisiert Kleinkindbetreuung oder Feste, um den Tourismus anzukurbeln und versucht, Innovation vor Ort zu fördern. Ein Beispiel ist die Firma Sonnentor im Waldviertel. In diesem abgelegenen Gebiet hat sich ein weltweit exportierendes Bio-Unternehmen angesiedelt. Damit so etwas gelingt, braucht es Strukturen, die Selbsthilfe fördern.

Sie haben sich Italien, Dänemark, Großbritannien, Österreich, Polen, Litauen und Griechenland genauer angesehen. Was ergab der Vergleich?

Es gibt viele Unterschiede bei den politischen Strukturen. Werden Maßnahmen lokal geregelt oder zentral in einem Ministerium, das sich wenig um regionale Bedürfnisse kümmert? In Österreich sind die Bundesländer stark in den politischen Prozess involviert. Ähnlich ist es in Deutschland. In Italien spielen die Regionen eine etwas untergeordnete Rolle. Im zentralistischen Großbritannien ist das auch so, und abgehängte Regionen kommen gar nicht aus ihrer schlechten Situation heraus. In Italien müssen kleine Kinder von den Großeltern betreut werden – insbesondere im Süden – weil es wenige oder schlecht ausgestattete Tagesstätten gibt. In Dänemark ist es selbstverständlich, dass Kinder früh in der Krippe sind. Beide Eltern sind erwerbstätig, auch in ländlichen Regionen. Aber auch die jeweilige gelebte Kultur und der Alltag spielen eine große Rolle: Obwohl es in Skandinavien flächendeckende Betreuung gibt, arbeiten viele lieber halbtags und holen die Kinder mittags vom Kindergarten ab. Obwohl es überall strukturelle Unterschiede zwischen Stadt und Land gibt, kommt es sehr darauf an, wie die Menschen damit umgehen. In Großbritannien gibt es für Arbeitslose auf dem Land nur eine zentrale Hotline, in Österreich dagegen das Arbeitsmarktservice in jedem Bezirk. Die lokalen Mitarbeiterinnen kennen die Bedingungen vor Ort, lokale Betriebe und Beschäftigungsmöglichkeiten. Erfolgreicher ist das Modell in Österreich.

Was versteht man unter „territorialer Ungleichheit“?

Manche Regionen werden immer mehr abgehängt. Die regionalen Unterschiede in Italien und Spanien sind sehr gute Beispiele dafür. In gewissen Gegenden entsteht eine Abwärtsspirale, die Menschen können Armut und soziale Notlagen nicht mehr aus eigenen Kräften aufhalten. Wenn Kinder bildungsfern aufwachsen, werden sie an den Rand der Gesellschaft gedrängt, sind später arbeitslos oder prekär beschäftigt. Sie haben keine Chance, ihre Situation zu ändern. Das birgt zerstörerisches Potenzial, das sich an den Einzelpersonen und in der gesellschaftlichen Struktur entlädt. Soziale Ungleichheit existiert auch in der Stadt, aber dort gibt es mehr Möglichkeiten und Angebote.

In gewissen Gegenden entsteht eine Abwärtsspirale.

Wie wirkt sich dieses Auseinanderdriften aus?

Es kann zu sozialen Unruhen und Protestwahlen führen. In den USA ist das sehr deutlich, aber auch in Großbritannien und Deutschland. Herrscht zwischen Städten und ländlichen Gebieten eine große Chancenungleichheit, die nicht bekämpft wird, untergräbt das den sozialen Zusammenhalt zwischen Stadt und Land. Ungleichheit zahlt sich auf Dauer nicht aus, weil sie zu extremen Reaktionen führen kann, die das gesamtgesellschaftliche Gefüge gefährden. Der Soziologe Émile Durkheim hat davon gesprochen, dass es eine Solidarität unter Gleichgesinnten gibt und eine andere Solidarität zwischen Menschen, die nicht viel gemeinsam haben. Natürlich ist es einfacher, solidarisch zu sein, wenn man ähnlich denkt. Auf dem Land gibt es mehr soziale Kontrolle. Ich habe lange an einer kleinen Unistadt unterrichtet. Viele wussten Dinge über mich, die ich selbst noch nicht wusste. Ich habe es genossen, auf dem Land zu leben, aber nach einer gewissen Zeit empfand ich das Stadtleben als befreiend. ● ○