Schmerzlicher Verlust
Die entscheidende Wende nahm Hauers Leben, als er mit 27 in das Wiener Griechenbeisl seines Schwagers einstieg. Das 1897 zur Gänze übernommene Wirtshaus entwickelte sich unter seiner Ägide prächtig. Dank der unzähligen Krügel Pilsner Urquell, die dort über die Schank gingen, konnte die Familie eine Währinger Villa beziehen. In diesem Ambiente entdeckte der Gastronom, dass ihm die vielen weißen Wände besser gefielen, wenn Bilder darauf hingen. Später legte der „Kunstenthusiast originellster Art“, wie der Maler Carl Moll ihn lobte, sogar eine Privatgalerie an. Dort präsentierte er die umfangreichen Bestände von Schiele, Oskar Kokoschka, Albin Egger-Lienz, Anton Faistauer und anderen. Nach seinem Tod zerstreute sich jedoch ein Großteil seiner Sammlung; die meisten Werke daraus kamen im März 1918 im Wiener Dorotheum zum Aufruf.
Die Ausstellung „Franz Hauer. Selfmademan und Kunstsammler der Gegenwart“ in der Landesgalerie Niederösterreich zeichnete 2019 dessen Werdegang nach. Wichtige Vorarbeit hatte bereits die Schau „Künstler (Sammler) Mäzene“ in der Kunsthalle Krems geleistet, die 1996 ein erstes Porträt dreier Hauer-Generationen lieferte. Im Begleitbuch schildert Christa Hauer, wie sehr sie und ihr Vater Leopold der Verlust der vielen Werke schmerzte: „Natürlich haben wir uns immer gewundert, gekränkt und geärgert, dass diese jetzt so kostbaren Bilder von Schiele, Kokoschka und Egger-Lienz und vielen anderen in der schlechtesten Nachkriegszeit verkauft worden sind und sich das ganze Vermögen in so gut wie nichts aufgelöst hat.“
Clash vorprogrammiert
Auch wenn dieser Reichtum verflossen war, das Feuer der Kunstbegeisterung gab Franz Hauer an seine Nachkommen weiter. In seiner „Selbstbiografie“ schildert sein 1896 geborener Sohn Leopold, wie ihn einst in einer Sommernacht „der unbändige Wunsch, Maler zu werden“ überkam. Nach dem Kriegsdienst inskribierte er 1918 an der Akademie der bildenden Künste und verbrachte während der Studienzeit auch einen Sommer im Ötztal bei Albin Egger-Lienz. Der Tiroler Maler hatte maßgeblichen Einfluss auf Leopolds farblich gedeckte Landschaftsmalerei. Leopold reiste leidenschaftlich gern und fand viele seiner Motive im Süden; die moderne Kunst lehnte er jedoch ab. Zu den weniger bekannten Tatsachen aus seinem Leben gehört, dass Hauer drei Mal in der Großen Deutschen Kunstausstellung (GDK), die das NS-Regime alljährlich im Münchner Haus der Kunst veranstaltete, vertreten war. 1941 kaufte Adolf Hitler daraus sein Bild „Schwere Erde“ an.
Über Hauers Tätigkeit während der NS-Zeit ist, abgesehen von der GDK-Teilnahme, wenig bekannt. Doch dass sein Kunstbegriff damals ins Bild passte, ist offensichtlich. So war der Clash vorprogrammiert, als sich seine 1925 geborene Tochter Christa bei ihren langen USA-Aufenthalten der Abstraktion zuwandte. In einem Interview schilderte die Künstlerin „ständige verbale Auseinandersetzungen“ mit ihrem Vater, aber auch seine große Unterstützung nach ihrer Rückkehr aus Amerika. 1960 ermöglichte er Christa und ihrem Mann, dem Künstler Johann Fruhmann, in den leerstehenden Räumen des Griechenbeisls eine Galerie zu gründen. Das zeigt, dass Leopold Hauer in seinem kulturellen Engagement viel fortschrittlicher war als in seinem eigenen Kunstschaffen, ebenso wie die Idee des Cineasten, im chronisch unterfinanzierten Künstlerhaus 1949 ein Kino zu gründen. In Kooperation mit dem Verleiher Jean Voulouzan wurde es zu einer Keimzelle heimischer Filmkultur. Mitte der 1960er-Jahre übersiedelte Hauer nach Droß bei Krems, in den Heimatort seiner Mutter; 1970 erwarb er für seine Tochter von den österreichischen Bundesforsten das nahegelegene Schloss Lengenfeld – Kaufpreis: ein Bild von Albin Egger-Lienz und eine Schiele-Zeichnung. Franz Hauers Erbe legte also den Grundstein für das Zentrum zeitgenössischer Kunst, in das Christa und ihr Mann das Gebäude aus dem 16. Jahrhundert verwandelten.