© Martin Veigl
© Martin Veigl

Martin Veigl

Vom Sonnenlicht geküsst


Der Maler Martin Veigl schlug in einem ehemaligen Bauernhof im Mostviertel sein künstlerisches Lager auf. Umgeben

von ländlicher Stille schafft er hier Bilder voller Gewusel.

Steht man vor Martin Veigls Atelier, fühlt man sich beobachtet. Rund zwanzig Augenpaare glotzen die Besucherin unverhohlen an. Nicht etwa die von neugierigen Anrainerinnen und Anrainern – ohnehin Mangelware hier in Edelhof, einer Katastralgemeinde der Stadt Haag, sondern die der Damhirsche und -kühe auf dem Nachbargrundstück, die bald darauf wieder genüsslich die Schnauze ins Gras stecken.

Schockverliebt

Inmitten blühender Abgeschiedenheit hat sich der Maler sein künstlerisches Refugium erschaffen: in einem alten Bauernhof, in dem er auch mit seiner Familie lebt. Im ehemaligen Rinderstall richtete sich der gebürtige Steyrer sein Atelier ein: viel Glas, hohe Decken und ein Holzboden, der seinen Duft verströmt. In das Gebäude war er sofort „schockverliebt“, lacht der 38-Jährige. „Es ist kein perfekter Neubau, sondern ein Experimentierfeld. Ich kann etwas verändern, und es ist nicht tragisch, wenn etwas schiefgeht.“ Die Ruhe und den Platz im Mostviertel genießt er sehr. Diese Qualitäten lernte Veigl schon 2011 zu schätzen, als er während seines Erasmus-Semesters in Rotterdam ein 200-Quadratmeter-Atelier mit zwei anderen Kunstschaffenden teilte. Die anschließende Studienzeit an der Universität für angewandte Kunst und die Arbeit in einem Gruppenatelier in Wien empfand er als deutlich beengter.

Die Sanierung des Hauses in Edelhof nahm die vergangenen zwei Jahre in Anspruch, hielt den Künstler aber nicht von der Arbeit ab. Im Winter lernte Veigl sein Metier im unbeheizten Zimmer unter Extrembedingungen neu kennen. Gut möglich, dass er sich an seiner Farbpalette wärmte: Viele seiner Ölgemälde wirken wie vom Sonnenlicht geküsst, Rot-, Rosa- und Orangetöne dominieren. Darauf tummeln sich unbekümmerte Menschen mit Sonnenbrillen und Kappen, beim Essen oder mit Blick aufs Smartphone – ein starker Kontrast zum Naturidyll, in dem die Bilder entstehen. Veigl hält alltägliche Momente fest, die oft unbemerkt verstreichen. Inspiration findet er in barocker Malerei sowie in selbst aufgenommenen Fotos. Dabei interessieren ihn vor allem Stimmungen und Dynamiken.

Reizüberflutung

Zudem hegt Veigl eine Vorliebe für Leerstellen. Farbflächen überlagern häufig das Figurative. Damit will er die Augen auf das Wesentliche lenken. „Malerei soll auf den ersten Blick verführen“, meint er. Doch seine Bilder erzählen noch viel mehr, über Schnelllebigkeit, Reizüberflutung, das Hier und Jetzt. Für seine Arbeit, darunter auch Bleistiftzeichnungen, wurde der Mostviertler bereits mehrmals ausgezeichnet, 2025 etwa mit dem Klemens-Brosch-Preis.

Am Abend, so ein Ritual des Künstlers, begutachtet er gern sein Tagwerk von der Ledercouch gegenüber der Staffelei aus. Sein Wunsch? „Ich möchte auch mit neunzig Jahren noch im Atelier stehen.“ ● ○