© Günter Richard Wett
© Günter Richard Wett

Industriearchitektur

Türme, Schienen, Bauskulpturen


Die kulturelle Nutzung ehemaliger Fabriken ist vielfältig: Internationale Beispiele zeigen unterschiedliche Zugänge, wie Kunst und Industrie einander inspirieren können.

Sieben turmartige Skulpturen aus Stahlbeton und Blei stehen in einer Lagerhalle im Nordosten Mailands. Das Licht ist spärlich, die Atmosphäre rau, die Dimension gewaltig. Anselm Kiefer konzipierte seine permanente Installation „Sieben Himmlische Paläste“ für die Haupthalle des Hangar Bicocca, einen Ort, an dem früher Lokomotivteile produziert sowie Elek­tromaschinen getestet wurden und heute Wechselausstellungen stattfinden.

Seit dem Wandel von der Produktions- zur Dienstleistungsgesellschaft finden sich in vielen Städten Museen und Ateliers in ehemaligen Fabrikshallen: Die Kunsthalle Krems war früher eine Tabakfabrik, im Museumszentrum Mistelbach wurden Pflüge produziert, die Tate Modern in London war ein Kraftwerk.

Anfangs mieteten sich Künstler und Künstlerinnen, auf der Suche nach günstigen Arbeitsräumen, in solchen Gebäuden ein. Wo sie sich niederließen, folgten Galerien, Cafés, Büros — und damit die Aufwertung ganzer Stadtviertel. Die Spinnerei in Leipzig ist so ein Ort: Heute verteilen sich hier hundert Ateliers, darunter jenes des prominenten Malers Neo Rauch. Längst ist die Spinnerei ein Tourismusmagnet. Kunstinteressierte schlendern über die alten Bahngleise, vorbei an den Backsteinbauten, und erleben eine Symbiose aus Kunst und industrieller Vergangenheit.

Potenzial erkannt

Die Politik hat das Potenzial längst erkannt: Heute wird die Transformation leerstehender Industrieareale institutionell geplant, öffentlich finanziert und von renommierten Architekturbüros begleitet. Im Ruhrgebiet setzte man im Zuge des Strukturwandels von Anfang an auf Kultur: Die Bauten der Zeche Zollverein wurden unmittelbar nach der Stilllegung unter Denkmalschutz gestellt und von namhaften Architekten umgebaut. Heute ist das Gelände in Essen ein Zentrum für Kunst, Design, Kultur und Geschichte.

Hohe Decken, rohe Oberflächen, Spuren einer anderen Zeit – alte Fabrikshallen bieten ein Gegenprogramm zum White Cube. Sie verlangen der Kunst etwas ab: Diese muss sich behaupten, auf den Raum reagieren, mit der Geschichte in Dialog treten. Dasselbe gilt für die architektonische Gestaltung eines solchen Umbaus. Auch diese muss den Bestand analysieren, seine Qualitäten freilegen, das Vorgefundene zum Ausgangspunkt machen. Im Ruhr Museum auf dem Areal der Zeche Zollverein wird die freigelegte Tragstruktur zum stilbildenden Gestaltungselement des gesamten Raums. Das ist der Weg der sanften Modernisierung: Die Gebäude werden saniert und für die neuen Anforderungen adaptiert, ohne dabei die industrielle Atmosphäre, die charakteristische Erscheinung zu verlieren. Die Spinnerei Leipzig ging denselben Weg.

In anderen Fällen hingegen wurde stark in den Bestand eingegriffen. Die alte Zuckerfabrik, die Cukrarna, in Ljubljana etwa hat ihre Fassade mit den kleinteiligen Fenstern behalten, im Inneren hingegen zeigt sich der Bestand vollständig entkernt; im entleerten Volumen steht ein autonomer, skulpturaler Baukörper. Wer das Gebäude betritt, wird also überrascht. Ein Überraschungsmoment, der so ganz anders ist als der, den die Haupthalle des Hangar Bicocca bereithält. Beides ist legitim und inspirierend zugleich.

Auf diesen Seiten finden Sie internationale Beispiele für unterschiedliche Zugänge zur kulturellen Nachnutzung industrieller Stätten. ● ○

Gelungener Einbau: Spinnerei Leipzig, Ausstellungskubus

© Claus Bach
© Claus Bach

UNESCO-Weltkulturerbe: Zeche Zollverein, Essen

© Jochen Tack
© Jochen Tack

Einst Pflugfabrik, heute Künstlermuseum: Nitsch Museum Mistelbach

© Manfred Thumberger
© Manfred Thumberger

Pilgerort für Kunstinteressierte: Cukrarna in Ljubljana (Foto: Ausstellung Yein Lee, noch bis Ende August)

© Blaž Gutman / MGML
© Blaž Gutman / MGML

Monumental: Hangar Bicocca, Mailand („Sieben himmlische Paläste“, Anselm Kiefer)

© Lorenzo Palmieri
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