Standpunkte

„Kulturproduktion in Industriedenkmälern: Inspiration oder Bürde?“


In jeder Ausgabe stellt morgen drei Menschen, die sich auskennen, eine Frage. Diesmal:

Im Winter mit Skioverall

Anita Frech

Seit ich mein Atelier in einer ehemaligen Spinnerei in Oberösterreich habe, vernachlässige ich mein Wiener Leben und genieße das sehr. Ich nutze 1.700 Quadratmeter. Im Gegensatz zu den Gewerberäumen im Areal hat mein Bereich seine rohe Struktur behalten. Ich finde andere Bedingungen vor als in einem klassischen Atelier. Das bringt Herausforderungen, ist aber keine Bürde. Eine Herausforderung ist schön, eine Bürde hängt sich an.

Hier gibt es manches nicht, was anderswo selbstverständlich ist. Aber was fehlt, spornt mich an. Es gibt keine Heizung, also bin ich im Winter mit einem Eighties-Skioverall unterwegs. Es gibt keinen Wasserhahn, dafür fließt ein Bach vor der Tür. Man darf keine Angst vor Spinnen haben. Ein Marder kommt immer wieder auf Besuch. Einige Vögel bauen ihre Nester. Das passt gut, denn in meinen Arbeiten gibt es oft Bezüge zu Tieren, speziell zu Vögeln. Wenn ich nicht hier bin, decke ich meine Arbeiten ab.

Ich fühle mich wie in einem Traum und habe keine Sekunde bezweifelt, am richtigen Ort zu sein. Ich arbeite sehr intuitiv. Die Raumstimmung drängt sich auf: Es gibt so viel Spannendes, Schönes, Mystisches, auf das ich Bezug nehmen kann. Da kann man sich auch verlieren. Ich muss immer wieder entscheiden, inwieweit ich zulasse, dass der Raum meine Arbeit beeinflusst: Wie stark ist er? Wie stark bin ich, wie stark ist das, was ich unabhängig vom Raum ausdrücken will? Auch dieses Spiel mit Freiheit und Struktur ist eine schöne Herausforderung.

Die gebürtige St. Pöltnerin Anita Frech ist Künstlerin. Sie lebt in Wien und in einer ehemaligen Fabrik in Oberösterreich, wo sie diesen Sommer ausgewählte Arbeiten aus den letzten 25 Jahren präsentiert – ein Besuch ist nach Voranmeldung über ihren Instagram-Account möglich.

© Anita Frech
© Anita Frech

Was brauchen wir heute wirklich?

Heidrun Schlögl

Künstlerische Arbeit in Industriedenkmälern kann Inspiration wie Bürde sein. Diese Areale schaffen durch ihre Größe, Geschichte und die Spuren von Technik eine in­spirierende Atmosphäre. Zur Bürde kann es werden, wenn Unterhalt und Sanierung zu teuer sind oder der Denkmalschutz Grenzen setzt. Es besteht auch die Gefahr, dass eine kulturelle Nachnutzung einen leerstehenden Ort rechtfertigen soll. Kritiker und Kritikerinnen sprechen von einer Ästhetisierung des Strukturwandels, wenn Fabriken, wo harte Arbeit durchgeführt wurde, zu reinen Kulturkulissen werden. Die spannendsten Nutzungen entstehen, wenn Kulturproduktion und alte Funktion in einen Dialog treten.

Als glühende Verfechterin von Kunst und Kultur sowie als Bürgerin denke ich: Wir haben in Niederösterreich schon sehr viele Kunsteinrichtungen, die auf international hohem Niveau arbeiten. Diese sollen finanziert bleiben, damit sie weiterhin gut arbeiten können. Bevor wir weitere Institutionen in unseren Industriedenkmälern etablieren, können wir diese für andere Zwecke nutzen. Denn in einer von globalen Unruhen gebeutelten Zeit, die uns unsere Abhängigkeiten bewusst macht, benötigen wir gut überlegte wirtschaftliche Konzepte. Vielleicht brauchen wir leerstehende Fabriken für regionale Energieerzeugung und -speicherung, Lebensmittel- und Medikamentenproduktion, Handwerk, Reparatur, kleine Industrie und anderes. Wir sollten uns also fragen: Was war hier? Was können wir daraus machen? Und was brauchen wir heute wirklich?

Heidrun Schlögl leitet seit über 20 Jahren das Orte Architekturnetzwerk Niederösterreich, wo sie Programme und Diskurse zu Baukultur initiiert, unter anderem Exkursionen zu ehemaligen Industrieanlagen – die nächste führt im April 2027 ins Weinviertel. Schlögl lebt in Wien und Krems.


Produktionsstätten als Ganzes verstehen

Patrick Schicht

In Niederösterreich ist das Erbe an technischer Kultur riesig, besonders im Industrieviertel. Viele Industriestandorte sind Denkmale aus der Mitte des 19. Jahrhunderts oder aus der Zeit des Jugendstils. Denkmalpflegerisch ist wichtig, nicht nur die Industriehalle als coole Event-Location zu erhalten, sondern die ehemalige Kultur und Gesellschaft der Produktionsstätten als Ganzes zu verstehen.

Industriehallen standen selten allein. Sie waren von Arbeitersiedlungen mit Wohnungen, Schulen, Bädern, Kirchen, Konsum-­Läden und der Direktionsvilla umgeben. Das Geld, das die Arbeiter verdienten, haben sie dort wieder ausgegeben. Manche Industriegebiete wie die Nadelburg in Lich­ten­wörth wurden von Soldaten bewacht. Damals wie heute suggerierte man den Menschen ein freies Leben in einer schönen heilen Welt, während sie in Wahrheit gezwungen waren, für die Obrigkeit zu werkeln.

Heute werden Hallen als Heimatmuseen und für Kulturveranstaltungen genutzt. In Zeiten knapper Ressourcen sollten Gemeinden nach Synergien suchen. Anstatt Pfarrsaal und Jugendzentrum neu zu bauen, könnten die Industriehallen gemeinsam genutzt werden – von der Kirche, der Jungschar, vom Musikverein, vom Tanzclub und anderen Gruppen. Durch ihr Volumen und ihre Flexibilität bieten sie sich für eine multi­funktionale Nutzung an. So können aus Wahrzeichen, die sonst nur im Vorbeifahren wahrgenommen werden, Treffpunkte entstehen, die die gemeinsame Identität und den Zusammenhalt eines Ortes stärken.

Der Kunsthistoriker und Architekt Patrick Schicht leitet das Landeskonservatorat für Niederösterreich beim Bundesdenkmalamt. Er war dort zuvor Gebietsreferent für das Industrieviertel und ist Autor zahlreicher Fachpublikationen, insbesondere zur mittelalterlichen Burgenforschung.