Es war wie eine Entdeckungsreise: Als Regisseurin Susanne Kennedy und Künstler Markus Selg 2024 beim Festival Tangente auf dem Gelände der Glanzstoff, einer ehemaligen Viskosefabrik in St. Pölten, ihre Arbeit „Wasteland“ inszenierten, stieß das Publikum auf ein gestrandetes Boot, eine archaische Skulptur und mysteriöse Rauchschwaden. Über das Gelände waberten Sounds, in einer Vorhalle lief auf einem riesigen Screen eine Videoinstallation. In einer Inszenierung der Choreografin Begüm Erciyas konnten die Besucherinnen und Besucher in der Turbinenhalle in Dialog mit einem zufällig ausgewählten Gegenüber treten, mittels der eigenen Hände.
Wenn sich Kunst in ausgedienten Industriegebäuden entfaltet, dann können diese wie hier als Inspiration dienen. Davon zeugen zahllose Beispiele, in Niederösterreich wie international. Einige stellen wir Ihnen in diesem Heft vor, das der kulturellen Nutzung alter Fabriken gewidmet ist. Das Spektrum reicht von glamourösen Locations wie dem Hangar Bicocca in Mailand über regionale Museen wie das Stadtmuseum Traismauer bis zu provisorischen Nutzungen, wie sie die Glanzstoff bietet: Erst im Frühjahr war die Fabrik Spielort für das Festival Stimmen der Wildnis.
Hinter gelungenen Beispielen von Wiederbelebungsmaßnahmen stecken so gut wie immer engagierte Menschen mit viel Herzblut und Bereitschaft, über die Maßen für ihren Traum zu arbeiten. So wie Günther Gross, der seit 2009 die Kunstfabrik Groß-Siegharts betreibt, um die sich diesmal unser Special dreht.
Freilich punkten die alten Fabriken nicht nur mit verblichener Industrieromantik, sondern auch mit dem unschlagbaren ökologischen Vorteil der Nachnutzung. Dass die einstigen Industriedenkmäler nicht immer einfach zu bespielen sind, ist allerdings die Kehrseite: Notwendige Einrichtungen müssen installiert, Bauvorschriften und Sicherheitsbestimmungen eingehalten werden. Auch darüber lesen Sie in diesem Heft. Ich wünsche Ihnen viel Freude dabei. ● ○
Herzlichst
Ihre Nina Schedlmayer