Noch bevor an diesem Tag das Lebende Textilmuseum in Groß-Siegharts aufsperrt, steht schon ein Einheimischer vor der Tür. Er brauche dringend neue Geschirrtücher, erklärt der Mann. Ulrike Pany, die gleich eine Reisegruppe aus Graz durch die ehemalige Bandfabrik Wagner – das Gebäude, in dem die Kunstfabrik Groß-Siegharts logiert – begleiten wird, lässt den Mann im „Museumsshop“ – er besteht aus einem großen Tisch – bunte Geschirrtücher auswählen. „Die werden zwar nicht mehr bei uns hergestellt, aber immerhin noch im Waldviertel“, erklärt Pany.
Blütezeit mit Minikleid
Da trifft auch schon die steirische Reisegruppe ein. Ulrike Pany führt die zwölf Besucherinnen und Besucher in einen kleinen Vorraum: „Wenn die Arbeiterinnen und Arbeiter in der Früh hier hereingekommen sind, haben sie ihre Sachen in diesen Holzspinden verstaut, ihre Arbeitsmäntel angezogen und sind dann losmarschiert in die Fabrik“, sagt sie. „Genau das machen wir jetzt auch.“
Als Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten Textilfabriken im nördlichen Waldviertel errichtet wurden, spezialisierte man sich in Groß-Siegharts auf Bandweberei und baute mitten im Dorf fünf Fabriken – mehrere Stockwerke hoch, mit riesigen Schloten. Die Textilindustrie wurde zum größten Arbeitgeber. Noch mehr als hundert Jahre später, in den 1970er-Jahren, waren 3.000 Frauen und Männer in den Fabriken der Region beschäftigt. Mit dieser Blütezeit beginnt auch die Ausstellung – und zwar in Form eines pinken Minikleids. Schulterfrei, mit Rüschen und großer Masche könnte es gut eine tragende Rolle in einem Musikvideo aus den Seventies spielen. Im Museum hängt es über einer Schneiderpuppe, daneben eine raumhohe Fotografie der Fabrikshalle in Groß-Siegharts, in der das Kleid 1975 angefertigt wurde. In langen Reihen sitzen Dutzende Frauen an Nähmaschinen. Neben ihnen Stoppuhren, um sicherzustellen, dass sie im Akkord Reißverschlüsse einnähen, Taschen ergänzen und Rüschen in Form bringen. Die Nähmaschinen vom Foto stehen nun im Ausstellungsraum. Und das Publikum soll sich selbst in Akkordarbeit versuchen.
Garnwinder und Bandglätter
So ist das Lebende Textilmuseum auch zu seinem Namen gekommen, will die Präsentation doch den Alltag der Menschen in dieser Arbeitswelt nachvollziehbar machen. Es gibt hier keine Absperrbänder, jedes Objekt soll benutzt werden. Besucherinnen und Besucher können sich am steinzeitlichen Webstuhl versuchen, auf das harte Strohbett im Weberhäuschen setzen und sogar die Originalmaschinen der ehemaligen Bandweberei bedienen.
„Wir sind nun in dem Teil der Fabrik angekommen, in dem es fast noch so aussieht wie früher“, erklärt Ulrike Pany beim Betreten des 300 Quadratmeter großen Websaals. Hier stehen ein Garnwinder, ein Bandglätter, ein 56-spuliger Bandwebstuhl, ein Jacquard-Webstuhl – alle angetrieben von einer gewaltigen Transmissionsanlage, die durch den gesamten Raum führt. „Dieses System aus Riemen und Wellen ist eine der letzten historischen Transmissionsanlagen in Österreich, die noch funktionieren“, verkündet Ulrike Pany stolz. „Ich schalte sie jetzt ein. Achtung, es wird laut!“
Nach Strich und Faden
Und plötzlich beginnen alle Maschinen der ehemaligen Bandweberei Wagner wieder zu laufen. Es heißt, dass früher ganz Groß-Siegharts gezittert habe, wenn am Morgen in allen fünf Fabriken die Webstühle gestartet wurden. Das Textilmuseum ist voll von Berichten aus dem Alltagsleben: wie Arbeiterinnen zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihre Babys mit in die Fabrik nehmen mussten, um keinen Arbeitstag zu verpassen; wie Arbeiter die erste Waldviertler Konsum-Genossenschaft gründeten, um sich in Zeiten der Weltwirtschaftskrise Lebensmittel leisten zu können. Und auch das 21. Jahrhundert wird nicht ausgespart, aktuell mit einer Schau über Fast Fashion, also über billigst produzierte Kleidung, die bestenfalls für eine Saison taugt und unter ausbeuterischen Bedingungen entsteht.
Beim Ausgang noch ein Blick ins Lexikon, um zu erkennen, dass sich die Zeit der Textilfabriken bis heute in unserer Sprache spiegelt: So bezieht sich die Wendung „gut in Schuss sein“ auf den Schussfaden, der schnell und problemlos durch den Webstuhl laufen soll. „Nach Strich und Faden“ bedeutete ursprünglich, dass alles in Ordnung ist. Auch der Ausdruck „den Faden verlieren“ hat seine Wurzeln in der Weberei. Bei der anschaulichen Führung im Lebenden Textilmuseum passiert dies freilich garantiert niemandem. Zumindest nicht im metaphorischen Sinn. ● ○