© Angelika Starkl
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Kunstfabrik Groß-Siegharts

Kunstfabrik Groß-Siegharts


Für einen 2.600-Seelen-Ort kann Groß-Siegharts im Waldviertel auf ein beeindruckendes Kunstgeschehen verweisen. Zehn Ausstellungen pro Jahr präsentiert die dortige Kunstfabrik – und sie erweist sich dabei bisweilen als durchaus visionär, wie Ausstellungen von Anna Schachinger und Ernst Lima beweisen. Sie zeigten ihre Werke hier schon lange, bevor sie durchstarteten. Früher wurden in diesem Gebäude an imposanten Webstühlen Bänder hergestellt, was die Kunst immer wieder inspiriert. Was wäre wohl aus diesem Ort geworden, hätte ihn der Künstler Günther Gross nicht 2008 erworben und revitalisiert? Fest steht jedenfalls: Heute ist die Kunstfabrik Groß-Siegharts ein Vorzeigemodell für die kulturelle Nachnutzung eines Industriegebäudes. Wir sahen uns ein wenig um.

© Philipp Horak
© Philipp Horak

Kunstfabrik Groß-Siegharts

Herz am Bandl


Improvisation, Leidenschaft und Professionalität:
Mit diesen Qualitäten führt Günther Gross die Kunstfabrik Groß-Siegharts, wo der Charme der einstigen Waldviertler Textilindustrie zum Verstärker für zeitgenössische Kunst wird.

Wie laut es in diesem Raum einst gewesen sein muss! Wenn die Dampfmaschine von außen über lederne Transmissionsriemen die Webstühle rattern ließ, wenn die Spulen rotierten, die Schiffchen hin- und herschossen, wenn ein Faden riss und eine Arbeiterin durch einen energischen Zug an der Kupplung die Maschine stoppte. Wenn die Webstühle kilometerweise Bänder ausspuckten, die später in Vorhängen, als Borten oder an Uniformen Verwendung und in der ganzen K.-u.-k.-Monarchie Absatz fanden.

Heute, an einem sonnigen Mittag im Juni, steht Günther Gross im Dachgeschoß seines Reiches, der Kunstfabrik Groß-Siegharts, zwischen zahllosen Webstühlen, die außer Dienst, aber voll funktionsfähig sind. Als Monumente der früher blühenden Waldviertler Textilindustrie paradieren sie hier in Reih und Glied. Da und dort hängt ein Faden in gelber oder rosa Neonfarbe – Spuren eines Kunstprojekts, das Judith Fegerl, Künstlerin und Lehrende an der Universität für angewandte Kunst in Wien, kuratierte.

Möbellager und Werkstatt

Der Raum gehört zwar nicht zum regulären Ausstellungsbetrieb, doch Günther Gross, ein großer, schwarzbebrillter Mann, genießt es sichtlich, Menschen hierherzuführen. Und zu Recht: Die Kreuzung aus Möbellager und Werkstatt, Arbeitsplatz und Wohnzimmer besticht durch ihren leicht vergilbten Charme. Zwischen den Webstühlen laden üppig gepolsterte Sofas und Fauteuils zum Chillen ein, lagern zahllose Sessel – Gross erbat sie einst von Bekannten, als er noch Lesungen und Konzerte in der Kunstfabrik veranstaltete. Vom Stuhl mit zierlich gedrechselten Lehnen über eine Reihe Kinosessel bis zum Flechtrohr-Schaukelstuhl ist hier alles dabei. Die Kunstfabrik Groß-Siegharts, in der Gross, selbst Künstler, seit 2009 Ausstellungen zeigt und sein eigenes Atelier hat, ist wie die Antithese zu den glamourösen Museen vom Schlag der Mailänder Fondazione Prada, die in teuer renovierten Industriegebäuden residieren.

Die Webereien waren die Wiege der Informationstechnologien.

Hoher Qualitätsanspruch

Mit viel Leidenschaft und Improvisationsgabe schuf Günther Gross einen Ort, der avancierte Kunst ins Waldviertel bringt – ein Engagement, das die eigene Karriere ebenso hintanstellt wie finanziellen Profit. Hier gastierten schon Künstlerinnen und Künstler wie Iris Andraschek, Ernst Lima, Deborah Sengl, die derzeit omnipräsente Anna Schachinger, Frenzi Rigling und Alois Mosbacher sowie deren Sohn Lenz Mosbacher. Allein in der Aufzählung dieser Namen offenbart sich der Qualitätsanspruch der Kunstfabrik. Ein größerer Space im Erdgeschoß zeigt etabliertere Positionen – früher wohnten hier die Fabrikanten und ihre Familien, in den Ecken kauern noch die alten Kamine. Beim Besuch von morgen hängen hier Gemälde mit Motiven aus Berlin, Werke des Waidhofeners Martin Kaltner – urbanes Flair im tiefsten Waldviertel.

Im ersten Stock stellt Gross jüngere Positionen aus. Dass hier einst ebenfalls Webstühle standen, bezeugen Ölflecken am groben Holzboden. An den Wänden hängen die mystisch-düsteren Gemälde des gebürtigen Kasachen Baurjan Aralov, der erst im Vorjahr sein Kunststudium absolvierte. „Von Anfang an war klar, dass wir etwas für junge Künstler machen wollen“, sagt Gross. 2008 erwarb er die Fabrik. Wie es dazu kam? Nach seinem Studium an der Akademie der bildenden Künste in Wien zog es ihn zurück ins heimatliche Waldviertel; in Allentsteig kaufte er ein Haus, in dessen Erdgeschoß ein Geschäft war, sechzig Quadratmeter groß, wo er Ausstellungen organisierte. Gemeinsam mit einem Freund entwickelte er den Gedanken, einen noch größeren Raum zu bespielen. Groß-Siegharts, bekannt für seine leerstehenden Industriegebäude, bot sich an. Kurzerhand sprach man den Bürgermeister an, der den beiden die Fabrik zeigte. „Die Besitzerin wollte nicht vermieten, sondern verkaufen“, erzählt Gross. Nach der Veräußerung seines Hauses in Allent­steig schlug er zu.

Bei der Programmierung geht Günther Gross bedacht vor, lässt sich aber durchaus auch von seinen Interessen leiten. Positionen aus dem Waldviertel sollen dabei nicht zu kurz kommen. Gerne besucht er Ateliers von Künstlerinnen und Künstlern auf Empfehlung anderer, ebenso die Semesterrundgänge der Wiener Kunstuniversitäten.

Info: Am 29. August, 19 Uhr eröffnen die neuen Ausstellungen in der Kunstfabrik Groß-Siegharts (mehr dazu ab Seite 36). Der Eintritt ist frei, Spenden sind willkommen.

Adresse:
Kunstfabrik
Groß-Siegharts
Karlsteiner Straße 4
3812 Groß-Siegharts

Öffnungszeiten:
Mittwoch bis Sonntag 13 bis 18 Uhr
(während laufender Ausstellungen).

Stillgelegt: Webstühle im Dachboden der Kunstfabrik Groß-Siegharts. © Philipp Horak
Stillgelegt: Webstühle im Dachboden der Kunstfabrik Groß-Siegharts. © Philipp Horak

Ort des Fortschritts

So stieß er auch auf Judith Fegerl. Nicht zufällig kam er auf sie zu, schließlich ist Technologie eines der Kernthemen ihrer Kunst, besonders im Zusammenhang mit der Frage nach Geschlechterrollen. Sie war bei einer ersten Besichtigung gleich von der Fabrik begeistert. „Man kann diese Industriestätte als Ort des Fortschritts begreifen“, sagt sie über die Fabrik, in der Frauen ihr eigenes Geld verdienen konnten. „Gleichzeitig waren die Webereien die Wiege der modernen Informationstechnologien. Ohne Mustererkennung gäbe es heute keine KI.“ Der Jacquard-Webstuhl mit seinem Lochkartensystem – ein solcher steht auch in der Kunstfabrik – gilt als Vorläufer der Computertechnologie. Darüber hinaus interessierte Fegerl „das Transmissionssystem, das die Webstühle von außen antreibt – metaphorisch gesprochen, eine Weitergabe von Information.“

In der von ihr kuratierten Ausstellung „Muster Erkennung“ vereinte sie 2019 Positionen ihrer Studierenden an der Universität für angewandte Kunst in Wien mit solchen etablierterer Künstlerinnen und Künstler wie Hofstetter Kurt und Christian Kosmas Mayer. Oscar Cueto, Fegerls damaliger Student, arrangierte Bänder aus der Fabrik zu Figuren – in Gedenken an Textilarbeiterinnen, die in den 1930er-Jahren bei einem Fabriksbrand in den USA ums Leben gekommen waren.

Künstlerisches Recycling

Dass Überbleibsel aus dem Dachboden Teil von Kunstwerken werden, ist keine Ausnahme. Gross hat vieles aufgehoben – Rollen, Spulen, Bündel von Drähten, Holzabfälle. Zuletzt verwendete Jeremias Altmann derartiges Material. Seine Werke drehen sich häufig um Maschinen, er arbeitet auch mit Schrott. Die ehemalige Bandfabrik muss ihm wie ein Paradies vorgekommen sein. „Die Künstler nehmen sich immer wieder was mit“, erzählt Gross. Das lässt er gern zu, allerdings unter der Bedingung, dass daraus Kunst entsteht.

Mit halben Sachen fängt man nichts an.

Gutes Management

Gross selbst baut die Produkte und Einzelteile der Webstühle bisweilen auch in seine eigenen Arbeiten ein, die es ebenso hier zu entdecken gibt. Darunter Gemälde mit geometrischen Formationen, die im Raum schweben, oder abstrakte Skulpturen aus Holzresten. 2010 arbeitete Gross – gemeinsam mit anderen – für ein Projekt des Viertelfestivals mit Bändern, die er über die Fassade spannte, unter dem Titel „Respekt-Lose-Verbandelung“. Wie ein Wahrzeichen für das „Bandlkramerland“, wie die Gegend bis heute gern genannt wird.

Bei aller Regionalität und Improvisationsgabe ist Gross wichtig, dass die Kunstfabrik gut gemanagt ist. Als er begann, programmierte ihm ein Freund eine Website; als provisorischer Text stand auf einer Seite „blablabla“ – Grund genug, dass der Kunstfabrik ob dieser Schlampigkeit eine öffentliche Förderung verweigert wurde. So änderte Gross den Onlineauftritt schleunigst mittels professioneller Hilfe. „Mit halben Sachen fängt man nichts an“, ist er überzeugt. Viele Aufgaben übernimmt er freilich selbst, etwa die Transporte; auch Podeste und Vitrinen für die Ausstellungen entstehen in Eigenregie. Sein Beruf ist dabei von Vorteil: Schließlich versteht er als Künstler am besten die Bedürfnisse seiner Kolleginnen und Kollegen.

Günther Gross

© Philipp Horak
© Philipp Horak

Wunderbares Chaos

Der professionelle Zugang zeigt Wirkung. Längst hat sich die Kunstfabrik einen hervorragenden Ruf erarbeitet, auch überregional. Judith Fegerl sagt: „Man merkt, dass darin viel Herzblut steckt. Als wir ausstellten, war alles tadellos organisiert, von den Transporten bis zur Einladungskarte – eine professionelle Partnerschaft. Und wir hatten genug Zeit, das Projekt zu entwickeln.“ Das Einzugsgebiet der Kunstfabrik reicht bis Krems, viele Gäste kommen aus Gmünd und Zwettl – ebenso die in Wald- und Weinviertel ansässige Künstlerschaft. „Wir haben ein Stammpublikum von 100 bis 200 Personen, die jede Ausstellung sehen“, erzählt Gross. „Und seit einigen Jahren führt ein Radweg von Göpfritz nach Tschechien.“ Seitdem zieht es auch Touristinnen und Touristen in die Kunstfabrik. Vor längerer Zeit tat sich Gross mit dem Lindenhof im nahen Raabs, den sein Kollege Franz Part programmiert, zu einem Verband zusammen: den Galerien Thayaland. Damit entstanden Synergieeffekte, etwa bei Förderansuchen, aber auch bei einem jährlich herausgegebenen und hochwertig produzierten Magazin mit Artikeln zum Jahresprogramm der beiden Kunsträume. Dieses liegt beispielsweise in Hotels auf und sorgt so für mehr Sichtbarkeit, auch bei internationalen Gästen. Bei den Vernissagen trifft eine eher urbane Kunstszene häufig auf lokales Publikum. Judith Fegerl: „Wenn in einem kleinen Ort ein Kunstraum ist, den die Gemeinde wahrnimmt, dann sind oft weniger Berührungsängste gegenüber den Künstlerinnen und Künstlern da.“

Bei aller Industrieromantik fordert das Gebäude freilich doch ziemlich viel Energie und Mühen. Nicht nur altes Material türmt sich, auch Sanierungen stehen an. „Ich wollte Platz haben und habe das hier bekommen“, sagt Günter Gross und weist mit einer ausladenden Geste auf die Webstühle, die Sessel, die Podeste, die vielen Maschinenteile, das ganze wunderbare und pittoreske Chaos auf seinem Dachboden, durch das die eine oder andere Staubflocke tanzt. Er wirkt dabei alles andere als unglücklich. ● ○

© Martin Veigl
© Martin Veigl

Martin Veigl

Vom Sonnenlicht geküsst


Der Maler Martin Veigl schlug in einem ehemaligen Bauernhof im Mostviertel sein künstlerisches Lager auf. Umgeben

Steht man vor Martin Veigls Atelier, fühlt man sich beobachtet. Rund zwanzig Augenpaare glotzen die Besucherin unverhohlen an. Nicht etwa die von neugierigen Anrainerinnen und Anrainern – ohnehin Mangelware hier in Edelhof, einer Katastralgemeinde der Stadt Haag, sondern die der Damhirsche und -kühe auf dem Nachbargrundstück, die bald darauf wieder genüsslich die Schnauze ins Gras stecken.

Schockverliebt

Inmitten blühender Abgeschiedenheit hat sich der Maler sein künstlerisches Refugium erschaffen: in einem alten Bauernhof, in dem er auch mit seiner Familie lebt. Im ehemaligen Rinderstall richtete sich der gebürtige Steyrer sein Atelier ein: viel Glas, hohe Decken und ein Holzboden, der seinen Duft verströmt. In das Gebäude war er sofort „schockverliebt“, lacht der 38-Jährige. „Es ist kein perfekter Neubau, sondern ein Experimentierfeld. Ich kann etwas verändern, und es ist nicht tragisch, wenn etwas schiefgeht.“ Die Ruhe und den Platz im Mostviertel genießt er sehr. Diese Qualitäten lernte Veigl schon 2011 zu schätzen, als er während seines Erasmus-Semesters in Rotterdam ein 200-Quadratmeter-Atelier mit zwei anderen Kunstschaffenden teilte. Die anschließende Studienzeit an der Universität für angewandte Kunst und die Arbeit in einem Gruppenatelier in Wien empfand er als deutlich beengter.

Die Sanierung des Hauses in Edelhof nahm die vergangenen zwei Jahre in Anspruch, hielt den Künstler aber nicht von der Arbeit ab. Im Winter lernte Veigl sein Metier im unbeheizten Zimmer unter Extrembedingungen neu kennen. Gut möglich, dass er sich an seiner Farbpalette wärmte: Viele seiner Ölgemälde wirken wie vom Sonnenlicht geküsst, Rot-, Rosa- und Orangetöne dominieren. Darauf tummeln sich unbekümmerte Menschen mit Sonnenbrillen und Kappen, beim Essen oder mit Blick aufs Smartphone – ein starker Kontrast zum Naturidyll, in dem die Bilder entstehen. Veigl hält alltägliche Momente fest, die oft unbemerkt verstreichen. Inspiration findet er in barocker Malerei sowie in selbst aufgenommenen Fotos. Dabei interessieren ihn vor allem Stimmungen und Dynamiken.

Reizüberflutung

Zudem hegt Veigl eine Vorliebe für Leerstellen. Farbflächen überlagern häufig das Figurative. Damit will er die Augen auf das Wesentliche lenken. „Malerei soll auf den ersten Blick verführen“, meint er. Doch seine Bilder erzählen noch viel mehr, über Schnelllebigkeit, Reizüberflutung, das Hier und Jetzt. Für seine Arbeit, darunter auch Bleistiftzeichnungen, wurde der Mostviertler bereits mehrmals ausgezeichnet, 2025 etwa mit dem Klemens-Brosch-Preis.

Am Abend, so ein Ritual des Künstlers, begutachtet er gern sein Tagwerk von der Ledercouch gegenüber der Staffelei aus. Sein Wunsch? „Ich möchte auch mit neunzig Jahren noch im Atelier stehen.“ ● ○

© Philipp Horak
© Philipp Horak

Lebendes Textilmuseum

„Achtung, es wird laut!“


Das Lebende Textilmuseum in Groß-Siegharts zeigt den Alltag in der ehemaligen Bandfabrik Wagner. Zwischen Kette und Schuss kann das Publikum selbst ausprobieren, wie es ist, Akkordarbeit zu leisten.

Noch bevor an diesem Tag das Lebende Textilmuseum in Groß-Siegharts aufsperrt, steht schon ein Einheimischer vor der Tür. Er brauche dringend neue Geschirrtücher, erklärt der Mann. Ulrike Pany, die gleich eine Reisegruppe aus Graz durch die ehemalige Bandfabrik Wagner – das Gebäude, in dem die Kunstfabrik Groß-Siegharts logiert – begleiten wird, lässt den Mann im „Museumsshop“ – er besteht aus einem großen Tisch – bunte Geschirrtücher auswählen. „Die werden zwar nicht mehr bei uns hergestellt, aber immerhin noch im Waldviertel“, erklärt Pany.

Blütezeit mit Minikleid

Da trifft auch schon die steirische Reisegruppe ein. Ulrike Pany führt die zwölf Besucherinnen und Besucher in einen kleinen Vorraum: „Wenn die Arbeiterinnen und Arbeiter in der Früh hier hereingekommen sind, haben sie ihre Sachen in diesen Holzspinden verstaut, ihre Arbeitsmäntel angezogen und sind dann losmarschiert in die Fabrik“, sagt sie. „Genau das machen wir jetzt auch.“

Als Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten Textilfabriken im nördlichen Waldviertel errichtet wurden, spezialisierte man sich in Groß-Siegharts auf Bandweberei und baute mitten im Dorf fünf Fabriken – mehrere Stockwerke hoch, mit riesigen Schloten. Die Textilindustrie wurde zum größten Arbeitgeber. Noch mehr als hundert Jahre später, in den 1970er-Jahren, waren 3.000 Frauen und Männer in den Fabriken der Region beschäftigt. Mit dieser Blütezeit beginnt auch die Ausstellung – und zwar in Form eines pinken Minikleids. Schulterfrei, mit Rüschen und großer Masche könnte es gut eine tragende Rolle in einem Musikvideo aus den Seventies spielen. Im Museum hängt es über einer Schneiderpuppe, daneben eine raumhohe Fotografie der Fabrikshalle in Groß-Siegharts, in der das Kleid 1975 angefertigt wurde. In langen Reihen sitzen Dutzende Frauen an Nähmaschinen. Neben ihnen Stoppuhren, um sicherzustellen, dass sie im Akkord Reißverschlüsse einnähen, Taschen ergänzen und Rüschen in Form bringen. Die Nähmaschinen vom Foto stehen nun im Ausstellungsraum. Und das Publikum soll sich selbst in Akkordarbeit versuchen.

Garnwinder und Bandglätter

So ist das Lebende Textilmuseum auch zu seinem Namen gekommen, will die Präsentation doch den Alltag der Menschen in dieser Arbeitswelt nachvollziehbar machen. Es gibt hier keine Absperrbänder, jedes Objekt soll benutzt werden. Besucherinnen und Besucher können sich am steinzeitlichen Webstuhl versuchen, auf das harte Strohbett im Weberhäuschen setzen und sogar die Originalmaschinen der ehemaligen Bandweberei bedienen.

„Wir sind nun in dem Teil der Fabrik angekommen, in dem es fast noch so aussieht wie früher“, erklärt Ulrike Pany beim Betreten des 300 Quadratmeter großen Websaals. Hier stehen ein Garnwinder, ein Bandglätter, ein 56-spuliger Bandwebstuhl, ein Jacquard-Webstuhl – alle angetrieben von einer gewaltigen Transmissionsanlage, die durch den gesamten Raum führt. „Dieses System aus Riemen und Wellen ist eine der letzten historischen Transmissionsanlagen in Österreich, die noch funktionieren“, verkündet Ulrike Pany stolz. „Ich schalte sie jetzt ein. Achtung, es wird laut!“

Nach Strich und Faden

Und plötzlich beginnen alle Maschinen der ehemaligen Bandweberei Wagner wieder zu laufen. Es heißt, dass früher ganz Groß-Siegharts gezittert habe, wenn am Morgen in allen fünf Fabriken die Webstühle gestartet wurden. Das Textilmuseum ist voll von Berichten aus dem Alltagsleben: wie Arbeiterinnen zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihre Babys mit in die Fabrik nehmen mussten, um keinen Arbeitstag zu verpassen; wie Arbeiter die erste Waldviertler Konsum-Genossenschaft gründeten, um sich in Zeiten der Weltwirtschaftskrise Lebensmittel leisten zu können. Und auch das 21. Jahrhundert wird nicht ausgespart, aktuell mit einer Schau über Fast Fashion, also über billigst produzierte Kleidung, die bestenfalls für eine Saison taugt und unter ausbeuterischen Bedingungen entsteht.

Beim Ausgang noch ein Blick ins Lexikon, um zu erkennen, dass sich die Zeit der Textilfabriken bis heute in unserer Sprache spiegelt: So bezieht sich die Wendung „gut in Schuss sein“ auf den Schussfaden, der schnell und problemlos durch den Webstuhl laufen soll. „Nach Strich und Faden“ bedeutete ursprünglich, dass alles in Ordnung ist. Auch der Ausdruck „den Faden verlieren“ hat seine Wurzeln in der Weberei. Bei der anschaulichen Führung im Lebenden Textilmuseum passiert dies freilich garantiert niemandem. Zumindest nicht im metaphorischen Sinn. ● ○