
Kultur • Round Table
„Kunst kann eine Pionierpflanze sein“
Ausgediente Fabriken rücken zusehends ins Blickfeld der Kunst, die sie neu zu interpretieren weiß. In der St. Pöltner Spitzenfabrik sprach morgen mit Festivalintendant Jakob Brossmann, Architektin Margot Fürtsch-Loos und Veranstaltungsmanager Steve Ponta über das Potenzial von Kultur als Lebenselixier für obsolete Industriebestände, Herausforderungen und Freuden einer theatralen Inszenierung im AKW sowie die Bedeutung solcher Orte für die Zivilgesellschaft.
Interview geführt von Isabella Marboe
Fotos von Carolina Frank
Laut einer Erhebung der niederösterreichischen Wirtschaftsagentur ecoplus liegen an rund 700 Standorten etwa 920 Hektar Industriefläche brach, darunter rund 120 ehemalige Produktionsareale, Industriehallen, Gewerbeobjekte und Betriebsflächen. Sie drei haben alle auf unterschiedliche Weise solche Räume für Kunst und Kultur genutzt. Steve Ponta, wir sitzen hier in der Spitzenfabrik, können Sie kurz deren Geschichte erzählen?
Steve Ponta
:Ursprünglich, im Jahr 1510, war das die Medlische Mühle, dann eine Spiegelfabrik, im 18. Jahrhundert ein Kurort. 1866 wurde die Spitzen-, Bobinet- und Vorhängefabrik Frederick Austin gegründet. Hier fand die industrielle Revolution statt: Maschinen, Handwerk, Produktion. Und genau das wird weitergeführt – nur in anderer Form. Jetzt arbeiten wir mit dem Raum, mit Menschen, mit Kunst und Kultur. Gerade diese Mischung – von Seminaren bis Theater – macht den Ort besonders. Peter Sonnleithner, der das Areal kaufte, entwickelte das denkmalgeschützte Gebäude zehn Jahre Stück für Stück und baute es um. So kann er einen Ort schaffen, den er Living City nennt. Hier gibt es ein Café, das Senioren-Plus-Wohnen, die Eventhalle. Alles soll miteinander im Austausch stehen. Peters erste Worte zu mir waren: „Belebt das!“ Es geht nicht nur darum, diesen Raum zu vermarkten, sondern auch darum, ihn bespielbar zu machen.
Jakob Brossmann, Sie haben als Intendant des Festivals Globart das AKW Zwentendorf bespielt. Wie eignet sich so ein Ort fürs Theater?
Jakob Brossmann
:Gar nicht. Es gibt keine Maskenräume, Toiletten, Klimatisierung, praktisch keinen Handyempfang, die Stromversorgung muss man erst herstellen, Funkgeräte funktionieren nur eingeschränkt. Schon die Kommunikation innerhalb des Teams ist schwierig. Ohne die Unterstützung der EVN und die Infrastruktur im Verwaltungsgebäude hätten wir das gar nicht machen können.
Wir schaffen Räume, die unterschiedliche Nutzungen erlauben.
Warum tut man sich das an?
Brossmann
:Der Ort ist voller Geschichte, und er macht etwas mit einem. Wenn man ihn betritt, kommt einem ein kalter Luftzug entgegen – selbst im Hochsommer hat es konstant etwa zwölf Grad. Das spürt man körperlich. Das Kraftwerk hat 1.050 Räume. Man erlebt enge Kammern, lange Gänge, riesige Hallen mit unglaublichen Abgründen. Für unser Stationentheater war das ideal. Am Ende stand man direkt unterhalb der Brennstäbe, dort sang Beatrix Neundlinger von den Schmetterlingen ihr Protestlied. Und nach einem kurzen Gespräch über ihre Gedanken zum Klimawandel öffneten die wirklich nicht mehr jungen Aktivisten und Aktivistinnen gemeinsam mit großer Kraftanstrengung ein sieben Meter hohes Stahltor, 50 Jahre nach den Protesten von damals. Plötzlich kamen Licht und Wärme herein, man blickte in die Au, hörte wieder Natur und war mit einem Schlag zurück in der Welt. Das sind extrem theatrale Momente.
In der Spitzenfabrik war kürzlich das Landestheater Niederösterreich zu Gast. Das Bürger*innentheater spielte hier den Fragebogen „Was fehlt Ihnen zum Glück“ von Max Frisch. Wie kam das zustande?
Ponta
:Ich kenne einige Personen aus dem Umfeld des Landestheaters St. Pölten und lud diese zu einer Besichtigung ein. Schließlich war Nehle Dick, die Leiterin des Bürger*innentheaters, bei uns zu Gast. Die Räume sprachen sie sofort an, auch wegen ihrer Geschichte. Sie hatte gleich eine Vorstellung davon, was hier möglich ist. Die Schauspieler und Schauspielerinnen saßen teils im Publikum, das war großartig. Genau das interessiert mich: Wir bringen Menschen zusammen. Daraus entstehen Synergien. Leute, die im Theater waren, kommen später zu anderen Veranstaltungen, bringen andere mit, feiern hier, begegnen einander. So entsteht Gemeinschaft. Das entspricht dem Living-City-Gedanken. Alles hängt zusammen.
Die Spitzenfabrik hat 600 Quadratmeter Nutzfläche. Margot Fürtsch-Loos, Sie gestalten mit Ihrem Architekturbüro Polar derzeit die Kammgarnfabrik in Möllersdorf, einem Ortsteil von Traiskirchen, neu, insgesamt 23.000 Quadratmeter. Wie geht man an so eine Mammutaufgabe heran?
Margot Fürtsch-Loos
:Es begann ganz klein: 2022 sollten wir nur ein neues Foyer für das dortige Museum gestalten. Rasch war klar, dass es um viel mehr geht: um Barrierefreiheit, Orientierung, einen roten Faden durch das, was Ehrenamtliche hier mehr als 35 Jahre mit unglaublich viel Enthusiasmus und Energie aufgebaut haben. Das Haupthaus umfasst rund 4.000 Quadratmeter und an die 50.000 Objekte. Gleichzeitig sollten Dauerausstellungen zu Flucht und Asyl sowie Stadtgeschichte und Ökologie integriert werden. Für uns war die wichtigste ökologische Maßnahme, dass dieses Areal von 23.000 Quadratmetern mit all seinen sehr unterschiedlichen Gebäuden überhaupt stehen bleibt. Man kann da kein fertiges Konzept präsentieren. Wir haben mit dem Team, Ehrenamtlichen und Verantwortlichen begonnen, Perspektiven für weitere Nutzungen aufzuzeigen. Gerade bei solchen Hallen fehlt oft die Vorstellungskraft. Wir ertüchtigen nun das Haupthaus brandschutztechnisch, machen es barrierefrei und legen ursprüngliche Strukturen wieder frei. Wir machen keine Totalsanierung, wir sichern in erster Linie. Anders wären diese Größenordnungen für die Gemeinde gar nicht stemmbar.
Gebäude haben auf lange Sicht nur Bestand, wenn sie genutzt werden. Wie kann man so einen Ort dauerhaft beleben?
Fürtsch-Loos
:Da sind wir bei einem wesentlichen Punkt: der Zivilgesellschaft. In Zwentendorf war es die Zivilgesellschaft, die den Ort geprägt hat. Und in Traiskirchen sind es die Ehrenamtlichen, die das Museum aufgebaut haben, am Leben halten und auch weitertragen werden. Ein Museum stellt ja heute nicht mehr nur Dinge aus, es diskutiert und verhandelt gesellschaftsrelevante Themen. Deshalb schaffen wir Räume, die unterschiedliche Nutzungen erlauben. Ein Gelände ist nur lebendig, wenn an seinen Rändern etwas passiert – wie bei einem Riff im Meer. Daher wollen wir möglichst viele Verbindungen nach außen herstellen, langfristig auch einen Fuß- und Radweg durch das Areal. Denn es ist für Möllersdorf viel zu groß, um als abgeschlossener Ort zu funktionieren. Gleichzeitig machen wir entlang des Mühlbachs anhand entsiegelter Flächen oder Außenraumbeleuchtungen, durch die keine Insekten sterben, ökologische Zusammenhänge erfahrbar.
Die Natur holt sich industrielle Flächen zurück.
Brossmann
:Für die öffentliche Auseinandersetzung mit Natur können Industriebrachen eine wichtige Rolle spielen. Wir haben in der Glanzstoff, einer ehemaligen Viskosefabrik in St. Pölten, ein Festival zum Thema „Stimmen der Wildnis“ gemacht. Das klingt paradox, aber dort erlebt man unmittelbar, wie sich die Natur industrielle Flächen zurückholt. Wir gründeten dort das „Parlament der Wildnis“ und machten die Glanzstoff zum Begegnungsort für die Zivilgesellschaft. Die Kunst kann so etwas wie eine Pionierpflanze sein. Sie erschließt neue Orte und macht Potenziale sichtbar. Wir müssen aber ehrlich sein: Kunst, Kultur und Zivilgesellschaft können keine Industrieruinen retten. Diese Orte sind kostbar, sie enthalten oft auch schmerzhafte Geschichten, eingeschrieben in den Biografien und Körpern der Menschen, die dort gearbeitet haben, und in der Ökologie.
Fürtsch-Loos
:Gerade das schafft auch den Zusammenhalt einer Gemeinschaft, dieses Identifikationsmoment ist das Unbezahlbare. In Traiskirchen mussten wir erst vermitteln, dass nicht nur das schöne Haupthaus, sondern auch die desolaten Hallen rundherum einen Wert haben. Inzwischen machen Ehrenamtliche sogar Lost-Places-Führungen. Wir Architekten und Architektinnen können etwas anstoßen. Entscheidend aber ist die Akzeptanz vor Ort. Sonst funktioniert das beste Konzept nicht. Deshalb ist schrittweises Vorgehen so wichtig. Wir machen nun über 3.000 Quadratmeter fit, dann die nächsten 3.000 Quadratmeter. Wichtig ist, dass Raum für neue Ideen bleibt. Es wird sicher keine sterile Totalsanierung, sondern ein lebendiger Ort.
Ponta
:Alte Gebäude haben eine ganz eigene Energie. Sie sind mit dem Ort verbunden. In den Jahren, in denen sie leer standen, krochen zum Beispiel Jugendliche hinein und verbrachten dort Zeit. Solche Geschichten prägen einen Raum. Genau deshalb ist es so schön, wenn man ihm die Möglichkeit gibt, etwas Neues zu werden. Bei uns in der Living City gibt es inzwischen eine private Tischlerei, das Spitzencafé, vielleicht bald noch Sauna und Bewegungsbecken. Die Eventhalle bringt unterschiedlichste Formate. In der einen Woche findet das Bürger*innentheater statt, die Woche darauf eine große Wirtschaftsveranstaltung. Je unterschiedlicher die Menschen, desto lebendiger wird der Ort.
Brossmann
:Niederösterreich hat eine enorme Versiegelungsrate, die Folgen sind desaströs. Unter ökologischen Gesichtspunkten können wir uns nicht leisten, permanent neu zu bauen und weitere Flächen zuzubetonieren. Deshalb ist es so wichtig, bestehende Strukturen zu nutzen.
Ponta
:Es geht ja nicht nur um Leuchtturmprojekte, sondern auch um einstige Supermärkte, Lagerhallen und andere Leerstände. Unglaublich viele Vereine und Communitys suchen Räume. Unser Warehouse entstand auch aus dem umgebauten VAZ-Lager. Jugendliche konnten sich dort frei entfalten, ohne dass ihnen vorgeschrieben wurde, was Kultur oder Musik zu sein hat. Gerade so etwas fehlt massiv. Leerstände wie das alte Kika-Gebäude, Lagerhallen und ehemalige Handelsflächen könnte man mit wenig Aufwand Jugendlichen und Vereinen zugänglich machen.
Bestehende Strukturen passen oft nicht zu aktuellen Rahmenbedingungen. Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Brossmann
:Derzeit verlieren ökologische Themen an öffentlicher Aufmerksamkeit. Ich wünsche mir einen langen Atem und wesentlich mehr Problembewusstsein der Gesellschaft – an Universitäten, in Theatern, bei Fördergebern und kulturellen Institutionen.
Ponta
:Wir stehen in der Spitzenfabrik noch ganz am Anfang. Wir haben viele Vermietungen, das Bürger*innentheater war für mich der erste kulturelle Impuls. Gerade die Mischung aus Kultur und kommerziellen Nutzungen, die helfen, den Betrieb zu tragen, ist interessant.
Fürtsch-Loos
:Es bräuchte endlich Richtlinien und eine Bauordnung, die nicht fast ausschließlich auf Neubau ausgerichtet ist. Nach heutigen Normen dürften viele historische Bauten gar nicht existieren. Es ist kaum möglich, sie zu vertretbaren Kosten zu sanieren. Wir müssen ständig mit Brandschutzsachverständigen Lösungen suchen und uns permanent durch einen Paragrafendschungel bewegen. Das wäre umso wichtiger, weil wir in Zukunft viel mehr sanieren als neu bauen müssen. ● ○
