Wie laut es in diesem Raum einst gewesen sein muss! Wenn die Dampfmaschine von außen über lederne Transmissionsriemen die Webstühle rattern ließ, wenn die Spulen rotierten, die Schiffchen hin- und herschossen, wenn ein Faden riss und eine Arbeiterin durch einen energischen Zug an der Kupplung die Maschine stoppte. Wenn die Webstühle kilometerweise Bänder ausspuckten, die später in Vorhängen, als Borten oder an Uniformen Verwendung und in der ganzen K.-u.-k.-Monarchie Absatz fanden.
Heute, an einem sonnigen Mittag im Juni, steht Günther Gross im Dachgeschoß seines Reiches, der Kunstfabrik Groß-Siegharts, zwischen zahllosen Webstühlen, die außer Dienst, aber voll funktionsfähig sind. Als Monumente der früher blühenden Waldviertler Textilindustrie paradieren sie hier in Reih und Glied. Da und dort hängt ein Faden in gelber oder rosa Neonfarbe – Spuren eines Kunstprojekts, das Judith Fegerl, Künstlerin und Lehrende an der Universität für angewandte Kunst in Wien, kuratierte.
Möbellager und Werkstatt
Der Raum gehört zwar nicht zum regulären Ausstellungsbetrieb, doch Günther Gross, ein großer, schwarzbebrillter Mann, genießt es sichtlich, Menschen hierherzuführen. Und zu Recht: Die Kreuzung aus Möbellager und Werkstatt, Arbeitsplatz und Wohnzimmer besticht durch ihren leicht vergilbten Charme. Zwischen den Webstühlen laden üppig gepolsterte Sofas und Fauteuils zum Chillen ein, lagern zahllose Sessel – Gross erbat sie einst von Bekannten, als er noch Lesungen und Konzerte in der Kunstfabrik veranstaltete. Vom Stuhl mit zierlich gedrechselten Lehnen über eine Reihe Kinosessel bis zum Flechtrohr-Schaukelstuhl ist hier alles dabei. Die Kunstfabrik Groß-Siegharts, in der Gross, selbst Künstler, seit 2009 Ausstellungen zeigt und sein eigenes Atelier hat, ist wie die Antithese zu den glamourösen Museen vom Schlag der Mailänder Fondazione Prada, die in teuer renovierten Industriegebäuden residieren.



