© Philipp Horak
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Kunstfabrik Groß-Siegharts

Herz am Bandl


Improvisation, Leidenschaft und Professionalität:
Mit diesen Qualitäten führt Günther Gross die Kunstfabrik Groß-Siegharts, wo der Charme der einstigen Waldviertler Textilindustrie zum Verstärker für zeitgenössische Kunst wird.

Lokalaugenschein: Nina Schedlmayer
Fotos: Philipp Horak

Wie laut es in diesem Raum einst gewesen sein muss! Wenn die Dampfmaschine von außen über lederne Transmissionsriemen die Webstühle rattern ließ, wenn die Spulen rotierten, die Schiffchen hin- und herschossen, wenn ein Faden riss und eine Arbeiterin durch einen energischen Zug an der Kupplung die Maschine stoppte. Wenn die Webstühle kilometerweise Bänder ausspuckten, die später in Vorhängen, als Borten oder an Uniformen Verwendung und in der ganzen K.-u.-k.-Monarchie Absatz fanden.

Heute, an einem sonnigen Mittag im Juni, steht Günther Gross im Dachgeschoß seines Reiches, der Kunstfabrik Groß-Siegharts, zwischen zahllosen Webstühlen, die außer Dienst, aber voll funktionsfähig sind. Als Monumente der früher blühenden Waldviertler Textilindustrie paradieren sie hier in Reih und Glied. Da und dort hängt ein Faden in gelber oder rosa Neonfarbe – Spuren eines Kunstprojekts, das Judith Fegerl, Künstlerin und Lehrende an der Universität für angewandte Kunst in Wien, kuratierte.

Möbellager und Werkstatt

Der Raum gehört zwar nicht zum regulären Ausstellungsbetrieb, doch Günther Gross, ein großer, schwarzbebrillter Mann, genießt es sichtlich, Menschen hierherzuführen. Und zu Recht: Die Kreuzung aus Möbellager und Werkstatt, Arbeitsplatz und Wohnzimmer besticht durch ihren leicht vergilbten Charme. Zwischen den Webstühlen laden üppig gepolsterte Sofas und Fauteuils zum Chillen ein, lagern zahllose Sessel – Gross erbat sie einst von Bekannten, als er noch Lesungen und Konzerte in der Kunstfabrik veranstaltete. Vom Stuhl mit zierlich gedrechselten Lehnen über eine Reihe Kinosessel bis zum Flechtrohr-Schaukelstuhl ist hier alles dabei. Die Kunstfabrik Groß-Siegharts, in der Gross, selbst Künstler, seit 2009 Ausstellungen zeigt und sein eigenes Atelier hat, ist wie die Antithese zu den glamourösen Museen vom Schlag der Mailänder Fondazione Prada, die in teuer renovierten Industriegebäuden residieren.

Die Webereien waren die Wiege der Informationstechnologien.

Hoher Qualitätsanspruch

Mit viel Leidenschaft und Improvisationsgabe schuf Günther Gross einen Ort, der avancierte Kunst ins Waldviertel bringt – ein Engagement, das die eigene Karriere ebenso hintanstellt wie finanziellen Profit. Hier gastierten schon Künstlerinnen und Künstler wie Iris Andraschek, Ernst Lima, Deborah Sengl, die derzeit omnipräsente Anna Schachinger, Frenzi Rigling und Alois Mosbacher sowie deren Sohn Lenz Mosbacher. Allein in der Aufzählung dieser Namen offenbart sich der Qualitätsanspruch der Kunstfabrik. Ein größerer Space im Erdgeschoß zeigt etabliertere Positionen – früher wohnten hier die Fabrikanten und ihre Familien, in den Ecken kauern noch die alten Kamine. Beim Besuch von morgen hängen hier Gemälde mit Motiven aus Berlin, Werke des Waidhofeners Martin Kaltner – urbanes Flair im tiefsten Waldviertel.

Im ersten Stock stellt Gross jüngere Positionen aus. Dass hier einst ebenfalls Webstühle standen, bezeugen Ölflecken am groben Holzboden. An den Wänden hängen die mystisch-düsteren Gemälde des gebürtigen Kasachen Baurjan Aralov, der erst im Vorjahr sein Kunststudium absolvierte. „Von Anfang an war klar, dass wir etwas für junge Künstler machen wollen“, sagt Gross. 2008 erwarb er die Fabrik. Wie es dazu kam? Nach seinem Studium an der Akademie der bildenden Künste in Wien zog es ihn zurück ins heimatliche Waldviertel; in Allentsteig kaufte er ein Haus, in dessen Erdgeschoß ein Geschäft war, sechzig Quadratmeter groß, wo er Ausstellungen organisierte. Gemeinsam mit einem Freund entwickelte er den Gedanken, einen noch größeren Raum zu bespielen. Groß-Siegharts, bekannt für seine leerstehenden Industriegebäude, bot sich an. Kurzerhand sprach man den Bürgermeister an, der den beiden die Fabrik zeigte. „Die Besitzerin wollte nicht vermieten, sondern verkaufen“, erzählt Gross. Nach der Veräußerung seines Hauses in Allent­steig schlug er zu.

Bei der Programmierung geht Günther Gross bedacht vor, lässt sich aber durchaus auch von seinen Interessen leiten. Positionen aus dem Waldviertel sollen dabei nicht zu kurz kommen. Gerne besucht er Ateliers von Künstlerinnen und Künstlern auf Empfehlung anderer, ebenso die Semesterrundgänge der Wiener Kunstuniversitäten.

Info: Am 29. August, 19 Uhr eröffnen die neuen Ausstellungen in der Kunstfabrik Groß-Siegharts (mehr dazu ab Seite 36). Der Eintritt ist frei, Spenden sind willkommen.

Adresse:
Kunstfabrik
Groß-Siegharts
Karlsteiner Straße 4
3812 Groß-Siegharts

Öffnungszeiten:
Mittwoch bis Sonntag 13 bis 18 Uhr
(während laufender Ausstellungen).

Stillgelegt: Webstühle im Dachboden der Kunstfabrik Groß-Siegharts. © Philipp Horak
Stillgelegt: Webstühle im Dachboden der Kunstfabrik Groß-Siegharts. © Philipp Horak

Ort des Fortschritts

So stieß er auch auf Judith Fegerl. Nicht zufällig kam er auf sie zu, schließlich ist Technologie eines der Kernthemen ihrer Kunst, besonders im Zusammenhang mit der Frage nach Geschlechterrollen. Sie war bei einer ersten Besichtigung gleich von der Fabrik begeistert. „Man kann diese Industriestätte als Ort des Fortschritts begreifen“, sagt sie über die Fabrik, in der Frauen ihr eigenes Geld verdienen konnten. „Gleichzeitig waren die Webereien die Wiege der modernen Informationstechnologien. Ohne Mustererkennung gäbe es heute keine KI.“ Der Jacquard-Webstuhl mit seinem Lochkartensystem – ein solcher steht auch in der Kunstfabrik – gilt als Vorläufer der Computertechnologie. Darüber hinaus interessierte Fegerl „das Transmissionssystem, das die Webstühle von außen antreibt – metaphorisch gesprochen, eine Weitergabe von Information.“

In der von ihr kuratierten Ausstellung „Muster Erkennung“ vereinte sie 2019 Positionen ihrer Studierenden an der Universität für angewandte Kunst in Wien mit solchen etablierterer Künstlerinnen und Künstler wie Hofstetter Kurt und Christian Kosmas Mayer. Oscar Cueto, Fegerls damaliger Student, arrangierte Bänder aus der Fabrik zu Figuren – in Gedenken an Textilarbeiterinnen, die in den 1930er-Jahren bei einem Fabriksbrand in den USA ums Leben gekommen waren.

Künstlerisches Recycling

Dass Überbleibsel aus dem Dachboden Teil von Kunstwerken werden, ist keine Ausnahme. Gross hat vieles aufgehoben – Rollen, Spulen, Bündel von Drähten, Holzabfälle. Zuletzt verwendete Jeremias Altmann derartiges Material. Seine Werke drehen sich häufig um Maschinen, er arbeitet auch mit Schrott. Die ehemalige Bandfabrik muss ihm wie ein Paradies vorgekommen sein. „Die Künstler nehmen sich immer wieder was mit“, erzählt Gross. Das lässt er gern zu, allerdings unter der Bedingung, dass daraus Kunst entsteht.

Mit halben Sachen fängt man nichts an.

Gutes Management

Gross selbst baut die Produkte und Einzelteile der Webstühle bisweilen auch in seine eigenen Arbeiten ein, die es ebenso hier zu entdecken gibt. Darunter Gemälde mit geometrischen Formationen, die im Raum schweben, oder abstrakte Skulpturen aus Holzresten. 2010 arbeitete Gross – gemeinsam mit anderen – für ein Projekt des Viertelfestivals mit Bändern, die er über die Fassade spannte, unter dem Titel „Respekt-Lose-Verbandelung“. Wie ein Wahrzeichen für das „Bandlkramerland“, wie die Gegend bis heute gern genannt wird.

Bei aller Regionalität und Improvisationsgabe ist Gross wichtig, dass die Kunstfabrik gut gemanagt ist. Als er begann, programmierte ihm ein Freund eine Website; als provisorischer Text stand auf einer Seite „blablabla“ – Grund genug, dass der Kunstfabrik ob dieser Schlampigkeit eine öffentliche Förderung verweigert wurde. So änderte Gross den Onlineauftritt schleunigst mittels professioneller Hilfe. „Mit halben Sachen fängt man nichts an“, ist er überzeugt. Viele Aufgaben übernimmt er freilich selbst, etwa die Transporte; auch Podeste und Vitrinen für die Ausstellungen entstehen in Eigenregie. Sein Beruf ist dabei von Vorteil: Schließlich versteht er als Künstler am besten die Bedürfnisse seiner Kolleginnen und Kollegen.

Günther Gross

© Philipp Horak
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Wunderbares Chaos

Der professionelle Zugang zeigt Wirkung. Längst hat sich die Kunstfabrik einen hervorragenden Ruf erarbeitet, auch überregional. Judith Fegerl sagt: „Man merkt, dass darin viel Herzblut steckt. Als wir ausstellten, war alles tadellos organisiert, von den Transporten bis zur Einladungskarte – eine professionelle Partnerschaft. Und wir hatten genug Zeit, das Projekt zu entwickeln.“ Das Einzugsgebiet der Kunstfabrik reicht bis Krems, viele Gäste kommen aus Gmünd und Zwettl – ebenso die in Wald- und Weinviertel ansässige Künstlerschaft. „Wir haben ein Stammpublikum von 100 bis 200 Personen, die jede Ausstellung sehen“, erzählt Gross. „Und seit einigen Jahren führt ein Radweg von Göpfritz nach Tschechien.“ Seitdem zieht es auch Touristinnen und Touristen in die Kunstfabrik. Vor längerer Zeit tat sich Gross mit dem Lindenhof im nahen Raabs, den sein Kollege Franz Part programmiert, zu einem Verband zusammen: den Galerien Thayaland. Damit entstanden Synergieeffekte, etwa bei Förderansuchen, aber auch bei einem jährlich herausgegebenen und hochwertig produzierten Magazin mit Artikeln zum Jahresprogramm der beiden Kunsträume. Dieses liegt beispielsweise in Hotels auf und sorgt so für mehr Sichtbarkeit, auch bei internationalen Gästen. Bei den Vernissagen trifft eine eher urbane Kunstszene häufig auf lokales Publikum. Judith Fegerl: „Wenn in einem kleinen Ort ein Kunstraum ist, den die Gemeinde wahrnimmt, dann sind oft weniger Berührungsängste gegenüber den Künstlerinnen und Künstlern da.“

Bei aller Industrieromantik fordert das Gebäude freilich doch ziemlich viel Energie und Mühen. Nicht nur altes Material türmt sich, auch Sanierungen stehen an. „Ich wollte Platz haben und habe das hier bekommen“, sagt Günter Gross und weist mit einer ausladenden Geste auf die Webstühle, die Sessel, die Podeste, die vielen Maschinenteile, das ganze wunderbare und pittoreske Chaos auf seinem Dachboden, durch das die eine oder andere Staubflocke tanzt. Er wirkt dabei alles andere als unglücklich. ● ○