Es war irgendwann im Sommer 1976, als mein Mann aufgeregt sagte: „Der Schlachthof soll abgerissen werden. Künstler haben ihn besetzt und zu einer Bühne umfunktioniert. Wollen wir uns das anschauen?“
Ich lebte damals erst seit etwa einem Jahr in Wien und wusste weder, was der Schlachthof in St. Marx war, noch welche Bedeutung die sogenannte Arena einmal haben würde. Aber ein Konzert? Eine Besetzung? Ein Ort voller Musik und Aufbruchsstimmung? Mein junges Herz schlug schneller.
Schon von Weitem leuchteten uns Plakate entgegen: „Kultur von oben haben wir satt“, „Hierbleiben ist Solidarität“ oder „Wir fordern: Kein Abbruch des Schlachthofes, ganzjährigen Kulturbetrieb, Selbstverwaltung und Betriebskosten von der Gemeinde“. Als wir ankamen, spielte gerade die Band Schmetterlinge – eine politisch engagierte Pop- und Rockgruppe aus Österreich, die Folk, Rock und gesellschaftskritische Botschaften verband und damit zu einer prägenden Stimme der linken Gegenkultur wurde.
Mit der „Proletenpassion“, die in szenischer Theaterfassung im Rahmen der Wiener Festwochen uraufgeführt wurde, schrieben die Schmetterlinge Musikgeschichte. Das Werk erzählte die Geschichte aus der Perspektive von Arbeitern und Unterdrückten – von den Bauernaufständen im 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart der 1970er-Jahre. Songs über gesellschaftliche Konflikte, Macht und Widerstand dröhnten von der Bühne im Schlachthof. Die Menge tobte. Willi Resetarits, der lässige Burgenlandkroate mit Wiener Schmäh, und Beatrix Neundlinger, eine langhaarige Saxofonistin und Sängerin mit charismatischer Bühnenpräsenz, verstanden es meisterhaft, das Publikum in Ekstase zu versetzen.
Menschen standen dicht gedrängt, sangen, bewegten sich im Rhythmus, diskutierten, lachten. Es war laut, improvisiert, manchmal chaotisch – und gerade deshalb voller Leben. Plötzlich fühlte ich mich in einen anderen Moment meiner Jugend zurückversetzt: in den Londoner Hyde Park, wo ich eher zufällig ein Konzert der Rolling Stones erlebt hatte. Dieses Gefühl war wieder da – die Ahnung, Teil von etwas Größerem zu sein, ohne es genau benennen zu können. Ich spürte: Die Arena war mehr als ein Veranstaltungsort. Sie war ein Experiment.
Auslöser der Besetzung war die geplante Demolierung des alten Schlachthofgeländes in St. Marx. Künstlerinnen und Künstler, Studierende und Aktivisten hatten beschlossen, sich den Ort anzueignen und daraus ein selbstverwaltetes Kulturzentrum zu machen. Was zuvor ein verlassener Zweckbau gewesen war, verwandelte sich plötzlich in einen Raum voller Möglichkeiten. Die Besetzung gilt heute als Meilenstein der österreichischen Zivilgesellschaft und alternativer Kultur.
Für uns, die sogenannte 68er-Generation, hatte diese Freiheit eine besondere Bedeutung. Während die Jugend in Westeuropa neue Lebensformen erprobte, gesellschaftliche Autoritäten infrage stellte und sich im Rhythmus einer kulturellen Revolution bewegte, hatten wir die Jahre des Aufbruchs im Sozialismus anders erlebt: kontrollierter, vorsichtiger, weniger demonstrativ rebellisch als unsere „kapitalistischen“ Altersgenossen. Spätestens nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 blieb oft nur die stille Revolte – ein vorsichtiges Austesten von Grenzen, ohne die Obrigkeit allzu sehr herauszufordern.
Und dennoch liebten auch wir Popmusik, neue Ideen und die Hoffnung auf gesellschaftliche Veränderung. Die Arena schien all das zu verkörpern: Rebellion ohne Dogma, Kunst ohne Eintrittskarte, Begegnung ohne Schranken. Dieser Ort wurde zur Bühne des Widerstands – und der Möglichkeiten.
Während der Besetzung wurde nicht nur auf einer einzigen Bühne gespielt. In Hallen, Innenhöfen und langen Gängen fanden gleichzeitig Konzerte, Lesungen, politische Diskussionen und spontane Performances statt. Man konnte umhergehen und ständig Neues entdecken. Die Türen standen offen – wirklich jede und jeder konnte hereinkommen. Es gab keine Tickets, keine Kontrollen, die Grenzen zwischen Bühne und dem Publikum waren kaum sichtbar.
Gerade diese Offenheit machte den Ort faszinierend und schwierig zugleich. Studierende, politische Aktivisten sowie Künstlerinnen und Künstler trafen auf Nachtschwärmer, Neugierige und Menschen, die einfach dazugehören wollten. Doch wo Regeln fehlen, entstehen Konflikte. Es kam zu Diebstählen, hitzigen Debatten und Auseinandersetzungen darüber, wie offen eine freie Gemeinschaft eigentlich sein könne.
Natürlich gab es auch Gegner. Manche Anwohner begegneten der Szene mit Skepsis oder offener Ablehnung. Anzeigen wegen Lärmbelästigung, Verunreinigung öffentlicher Plätze, Drogenmissbrauchs oder Alkoholexzessen häuften sich. Die Polizei blieb präsent, hielt sich zunächst jedoch bis auf einige Ausnahmen zurück. Viele Besucherinnen und Besucher blieben bis in die frühen Morgenstunden. Schlaf erschien nebensächlich. Stattdessen wurde geredet, diskutiert, musiziert. Nächte gingen in Tage über. Es herrschte dieses seltene Gefühl: Alles scheint möglich. Aber bis wann?
Rückblickend wird oft gesagt, die Arena sei kein perfektes Gegenmodell zur Gesellschaft gewesen, sondern ein wildes Abenteuer – manchmal überfordernd, oft widersprüchlich, aber voller Energie. Vielleicht liegt gerade darin ihre Bedeutung: nicht in der Perfektion, sondern in der Offenheit.
Am 11. Oktober 1976 endete die Besetzung. Die Polizei räumte die Schlachthofhallen ohne Widerstand. Zahlreiche Aktivistinnen und Aktivisten, nach vielen Wochen müde und ausgelaugt, waren zu diesem Zeitpunkt bereits gegangen. Der Sommer des Aufbruchs war vorbei. Doch die Räumung bedeutete kein endgültiges Ende. Vielmehr wurde sie zu einem politischen Einschnitt, aus dem Neues entstand: Ein Teil des Schlachthofs blieb als Kulturstätte erhalten – die heutige Arena Wien.
Bis in die Gegenwart treten dort Musikgruppen auf, begegnen einander Generationen zwischen Erinnerung und Gegenwart. Wenn etwa die fast achtzigjährige Patti Smith auf der Bühne steht und Jung und Alt vereint, zeigt sich, dass manche Ideen weiterleben. Die Arena von 1976 hinterließ Spuren: im Aufschwung der freien Kulturszene Wiens, in späteren Besetzungen und im Bewusstsein, dass Kultur nicht immer von oben organisiert werden muss. Kunst braucht Platz – nicht nur Räume aus Beton und Backstein, sondern Orte, an denen Menschen ausprobieren dürfen, wie Kunst entsteht und wie Zusammenleben anders aussehen könnte.
Vielleicht war genau das die wichtigste Erkenntnis jenes Sommers: Nicht alles, was bleibt, muss dauerhaft sein. Manche Orte verschwinden, manche Experimente scheitern, manche Träume wirken naiv. Und doch verändern sie etwas. ● ○