Krems im Jahr 1927: Wie Ameisen auf einem Wimmelbild strömen Dutzende Frauen aus der Tabakfabrik. Der 35-mm-Schwarzweißfilm zeigt Arbeiterinnen, die auf Fahrrädern oder schnellen Schrittes nach Hause eilen, um in der Mittagspause ihren Familien Essen zuzubereiten. Das achtminütige Werk des Kulturfilmpioniers Karl Köfinger wurde für die Historikerin Edith Blaschitz zum Ausgangspunkt, die Geschichte jenes Hauses zu recherchieren, in dem sie selbst forscht und arbeitet: der Universität für Weiterbildung Krems (UWK), vormals Donau-Uni.
Dort, wo heute die Kunstmeile Krems ist, siedelte sich vor mehr als 150 Jahren die Österreichische Tabakregie an. 1850 gründete der kaiserlich-königliche Monopolbetrieb die „Cigarren-Fabrik“ Stein, die rasch zu einem der größten industriellen Arbeitgeber der Region wurde. 1922 übersiedelte die Produktion in den Neubau, in dem heute die UWK und das Kino am Kesselhaus untergebracht sind; in der „alten Fabrik“ befindet sich die Kunsthalle Krems.
Café Virginier
Im Juni 2026, rund ein Jahrhundert nach Köfingers Dreharbeiten, sitzen internationale Studierende mit Blick auf die Weinberge vor dem Café Virginier. Es ist nach jener langen, dünnen Zigarre mit Mundstück benannt, die hier einst produziert wurde und als „Zigarre für den kleinen Mann“ galt. Eine Ausstellung, die sich vom Café bis in die oberen Stockwerke zieht, widmet sich der Geschichte des Hauses und der Frage, wie die Arbeiterinnen und Arbeiter Stadt und Region prägten. Waren es 1876 in Stein und Krems noch 492 Frauen und 19 Männer, hatte sich die Zahl bis 1931 auf mehr als 1.000 Beschäftigte verdoppelt.


