Filmreife Panzerknacker-Szenen springen im Kopfkino an, wenn man durch die Fenster des spätbarocken Hauptgebäudes am längst aufgelassenen Industriegelände spechtelt: Handgeschöpfte Geldscheine, staatliche Wertpapiere und Werbeblätter von einst liegen kreuz und quer am Boden verteilt.
Sie sind Relikte der einst größten Papierfabrik im Wiener Becken. Äste und Pflanzen wuchern und dringen durch die teils zerbrochenen Fenster ins Innere. Die Vormittagssonne leuchtet die meterhohen Gewölbe beim Besuch von morgen aus. Dieses zwanzig Meter hohe, dreigeschoßige, denkmalgeschützte Gebäude in Klein-Neusiedl bei Fischamend, rund dreißig Kilometer südöstlich von Wien entfernt, besitzt einen verwunschenen Lost-Place-Charme: Im Obergeschoß hat jemand einen Puppenkopf arrangiert, ein Speichenhandrad verstaubt in der Ecke. Rohrleitungen, Liftschächte und Schöpfbecken zeugen von einer Ära, als in der heutigen 921-Seelen-Gemeinde noch Papier produziert wurde.
Wildromantisch
Kein Wunder, dass das aus der Zeit gefallene Fabriksareal mit dem denkmalgeschützten Eingangstor, den vielen Gebäuden, den Brücken, den verwachsenen Innenhöfen und dem zauberhaften Wäldchen schon mehrfach als Filmkulisse diente. Zuletzt etwa für die Serie „Sternstunde der Mörder“, die queere romantische Komödie „What a Feeling“, eine Fernsehdokumentation über sogenannte fahrende Handwerkerinnen und Handwerker, ebenso für Werbeshootings. Es ist ein wildromantischer und abgeschiedener Ort, der Geschichte atmet – mit seinen Retrokarren, einer unter Naturschutz stehenden Platane, zugewachsenen Balkonen, einer Gedenktafel zur Erinnerung an die Opfer des Ersten Weltkriegs, einer Pferdekoppel und einem Werkkanal.
Zirkustour
Dass Klein-Neusiedl an diesem Tag als Ziel in die Navigationssysteme eingetippt wird, hängt mit dem Varieté-Theater Papierfabrik zusammen, das als erste feste Institution dieser Art in Österreich im Frühling 2023 eröffnete. Die Geschichte des Leitungsduos Marc und Seraina Dorffner sowie ihre Verortung im Dorf sind ebenso filmreif. Die beiden absolvierten die Staatliche Artistenschule in Berlin. „Wir haben uns auf unserer ersten Zirkustour in der Schweiz kennen- und lieben gelernt“, erzählt Seraina Dorffner. Zusammen tingelten die gebürtige Schweizerin und der Österreicher jahrelang durch Europa. Sie ist Spezialistin an Vertikaltuch und Trapez in der Luft, mit Hula-Hoop oder Rhönrad am Boden. Er hat sich als Jongleur, Comedian und Akrobat einen Namen gemacht und beeindruckt auf seiner Feuerleiter.



