© Rita Newman
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Varieté-Theater Papierfabrik

Akrobatik im Lost Place


Früher wurde hier Geld gedruckt, heute sind es kabarettistische G’schichtln: Das Varieté-Theater Papierfabrik setzte Klein-Neusiedl auf die kulturelle Landkarte. Zu Besuch an einem Ort, an dem Waggons zur Bar mutieren und alte Papierreste der Wandgestaltung dienen.

Reportage von Julia Schafferhofer
Fotos von Rita Newman

Filmreife Panzerknacker-Szenen springen im Kopfkino an, wenn man durch die Fenster des spätbarocken Hauptgebäudes am längst aufgelassenen Industriegelände spechtelt: Handgeschöpfte Geldscheine, staatliche Wertpapiere und Werbeblätter von einst liegen kreuz und quer am Boden verteilt.

Sie sind Relikte der einst größten Papierfabrik im Wiener Becken. Äste und Pflanzen wuchern und dringen durch die teils zerbrochenen Fenster ins Innere. Die Vormittagssonne leuchtet die meterhohen Gewölbe beim Besuch von morgen aus. Dieses zwanzig Meter hohe, dreigeschoßige, denkmalgeschützte Gebäude in Klein-Neusiedl bei Fischamend, rund dreißig Kilometer südöstlich von Wien entfernt, besitzt einen verwunschenen Lost-Place-Charme: Im Obergeschoß hat jemand einen Puppenkopf arrangiert, ein Speichenhandrad verstaubt in der Ecke. Rohrleitungen, Liftschächte und Schöpfbecken zeugen von einer Ära, als in der heutigen 921-Seelen-Gemeinde noch Papier produziert wurde.

Wildromantisch

Kein Wunder, dass das aus der Zeit gefallene Fabriksareal mit dem denkmalgeschützten Eingangstor, den vielen Gebäuden, den Brücken, den verwachsenen Innenhöfen und dem zauberhaften Wäldchen schon mehrfach als Filmkulisse diente. Zuletzt etwa für die Serie „Sternstunde der Mörder“, die queere romantische Komödie „What a Feeling“, eine Fernsehdokumentation über sogenannte fahrende Handwerkerinnen und Handwerker, ebenso für Werbeshootings. Es ist ein wildromantischer und abgeschiedener Ort, der Geschichte atmet – mit seinen Retro­karren, einer unter Naturschutz stehenden Platane, zugewachsenen Balkonen, einer Gedenktafel zur Erinnerung an die Opfer des Ersten Weltkriegs, einer Pferdekoppel und einem Werkkanal.

Zirkustour

Dass Klein-Neusiedl an diesem Tag als Ziel in die Navigationssysteme eingetippt wird, hängt mit dem Varieté-Theater Papierfabrik zusammen, das als erste feste Institution dieser Art in Österreich im Frühling 2023 eröffnete. Die Geschichte des Leitungsduos Marc und Seraina Dorffner sowie ihre Verortung im Dorf sind ebenso filmreif. Die beiden absolvierten die Staatliche Artistenschule in Berlin. „Wir haben uns auf unserer ersten Zirkustour in der Schweiz kennen- und lieben gelernt“, erzählt Seraina Dorffner. Zusammen tingelten die gebürtige Schweizerin und der Österreicher jahrelang durch Europa. Sie ist Spezialistin an Vertikaltuch und Trapez in der Luft, mit Hula-Hoop oder Rhönrad am Boden. Er hat sich als Jongleur, Comedian und Akrobat einen Namen gemacht und beeindruckt auf seiner Feuerleiter.

Wir wollten den Charme der alten Papierfabrik erhalten.

„Wir haben zwei kleine Kinder und wollten sesshaft werden“, erzählt Seraina Dorffner. Und so tauschten sie ihren Wohnwagen gegen ein Zuhause ohne Räder. Die artistische Familie wohnt gleich gegenüber vom Areal, die Kinder wachsen zwischen Garderobe und Hinterbühne im Theater auf. Marc Dorffers Vater betreibt die Schlosserei im Ort, so bekam das Paar Kontakt zur Geschäftsführerin der Papierfabrik. Der Funke sprang über.

Inspiriert von einem Varieté-Haus im Industrieviertel in Bochum, machten sich die beiden an die zwei Jahre währende Sanierung des Backsteinbaus, wo heute das Theater ist. Vieles aus den historischen Beständen der Fabrik findet sich dort nachgebaut, ergänzt oder im Original. Zur Vorstellung läutet eine originale Glocke, im Foyer befindet sich eine Bar, in die Waggons der Fabrik eingearbeitet sind. „Wir wollten so viel wie möglich originalgetreu lassen, den Charme der alten Papierfabrik erhalten“, erzählt Marc Dorffner. Einige Metallrollen zieren das Lichtsystem der Bar. „Die Lampen entsprechen dem Industrial Style der Zeit.“ Eine stählerne Wendeltreppe führt in einen Zwischenstock, wo Organisation und Technik des Theaterbetriebs zu Hause sind.

Bühnentauglich: Veranstaltungsraum in der ehemaligen Papierfabrik

© Rita Newman
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Weitblick

Alte Papierreste aus dem historischen Bau nebenan fanden für die Wandgestaltung Verwendung, historische Bilder und Pläne erläutern im Foyer die Geschichte des Ortes. Das Licht fällt durch riesige doppelte Gitterfenster in den sieben Meter hohen und 28 Meter langen Zuschauerraum. Marc Dorffners Vater sanierte die Gitterrahmen für die Fenster und fertigte neue an. Lüftungsanlagen regeln neuerdings das Raumklima; Vorhänge, rote Teppiche und eine Bestuhlung mit theaterrotem Stoff dämmen den Hall und sorgen für eine bessere Akustik.

„Da meine Frau und ich schon jahrelang mit dem Zirkus unterwegs und im Showbereich tätig waren, wussten wir sehr genau, was wir wollten und was Künstlerinnen und Künstler, zum Beispiel im Backstagebereich, brauchen“, erzählt der Hausherr hoch über dem Zuschauerraum am Regiepult. Direkt vor ihm blinkt und leuchtet es. Hebt er den Kopf, hat er den besten Weitblick durch den schlauchförmigen Raum auf die Bühne.

Leidenschaft und Engagement:
Leitungsduo Seraina und Marc Dorffner

© Rita Newman
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Stammpublikum

Mit einem Schmunzeln im Gesicht fährt er fort: „Wir können uns hier wirklich austoben: Bei der letzten Show flogen wir mit einem kleinen Flugzeug über ein Schienensystem auf etwa fünf Metern Höhe über das Publikum.“ Nach oben gestreckte Köpfe waren ihnen dabei wohl sicher. Ein anderes Mal führen Akrobatinnen und Akrobaten ihre Kunststücke direkt zwischen den Tischen im Zuschauerraum auf. Die sichtbare Bühne ist acht Meter breit und sieben Meter tief, die Hinterbühne reicht noch sechs Meter weiter zurück und kann auch bespielt werden. 150 Scheinwerfer beleuchten die Shows, manchmal wird auch die Hinterbühne bespielt, manchmal die Drehbühne beidseitig. „Bei der Inszenierung ‚Happy Hour‘ verkauften wir sogar zwei Plätze auf der Bühne“, erzählen die beiden.

Mittlerweile hat sich das Showduo ein Stammpublikum erarbeitet, das nicht nur aus der Umgebung, sondern auch aus Graz und sogar aus dem Ausland anreist. Ihre Eigenproduktionen sind keine Aneinanderreihung von artistischen Nummern, sondern in eine Rahmenhandlung mit Sprechtext eingebettet, durch die sich ein roter Faden zieht. So definieren sie ihren Varieté-Begriff.

Ursprünglich war das Gebäude ein Papiermaschinenraum, durch den Zugschienen führten. „Wir haben den Prozess von der Ruine über den Umbau zum Theater miterlebt und gestaltet“, erklärt Marc Dorffner. „Es ist schön, dass wir nun ein Teil der Geschichte dieses Gebäudes sind.“ Das Programm abseits der eigenen Inszenierungen ist bunt: ein Mix aus Kabarett, Shows, Zauberei, Theater und Musik. Kabarettprogramme von Berni Wagner, den Kernölamazonen und Caroline Athanasiadis offieriert die Papier­fabrik ebenso Georg-Danzer-Hommagen und Konzerte von Joesi Prokopetz und Christoph & Lollo. In den Sommermonaten wird das Theater zum Zirkuscamp für den Nachwuchs.

Bis auf das Hauptgebäude ist alles vermietet.

Getränk per Knopfdruck

Binnen kürzester Zeit steigerte das Paar die Spielzeit von vier Wochen auf zweieinhalb Monate. Zu jeder Eigenproduktion lässt es ein eigenes T-Shirt designen. Anders als bei Theaterbühnen der Hochkultur können die Gäste hier mittels Knopfdruck Getränke an den Platz ordern. Auf der Speisekarte stehen Flammkuchen, Baguettes und Sacherwürstel. Die kleinen Teelichthalter am Tisch tragen ein Papiermuster der ehemaligen Fabrik. 189 Plätze an kleinen Tischchen, einige erhöht auf einem Podest, zählt das Theater. Bei reiner Bestuhlung haben 300 Menschen Platz. Das Motto eines Besuchs in Klein-Neusiedl: zuerst einmal ankommen. Dazu laden Liegestühle, Bänke und Bartische vor dem Backsteinbau ein. Die alten Fenstergitter könnten demnächst eine Wiederauferstehung als Lichterketten-Halterung erleben.

An einigen Stellen am Areal hat die Natur längst übernommen und schlägt Wurzeln zwischen Ziegelsteinen. Einige Gebäude waren nicht mehr zu retten und mussten geschliffen werden. An anderen nagen Zeit und Rost – einer weiblichen Sphinx-Statue fehlt die Nase, bei einer zweiten verdecken Äste die Gesichtszüge. Irgendwo schippert ein Kanu-Baumhaus in den Blätterkronen.

Panzerknacker-Ambiente

Anfang der 1930er-Jahre wurde die ab 1793 gebaute Fabrik geschlossen. Die Familie Polsterer kaufte diese 1936 mitsamt sechs Hektar Areal. „Das Interesse der Familie galt in erster Linie dem Wasserwerk“, erzählt Eva Polsterer. Seit 2019 ist sie Eigentümervertreterin und Geschäftsführerin. Sie versucht, den zauberhaften, aber lange stiefmütterlich behandelten Ort aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken und hat dafür, inspiriert von der Brotfabrik in Wien-Favoriten, jede Menge Pläne. In einige der Gebäude sind Künstlerinnen und Künstler mit ihren Ateliers gezogen, eine Schlosserei und eine auf Baumhäuser spezialisierte Tischlerei haben hier ihre Herberge, ein Antiquitätenhändler sein Lager, andere Räumlichkeiten dienen als Büro. „Bis auf das Hauptgebäude ist alles vermietet“, erzählt Polsterer. Viele, die zum Arbeiten oder Kreativsein herkommen, schätzen die Ruhe und Abgeschiedenheit des Ortes. Manche bestimmt auch das Panzerknacker-Ambiente.

Eva Polsterer denkt groß: Ihr Ziel ist, ein Restaurant in den Hallen des denkmalgeschützten Gebäudes zu eröffnen. In allen Stockwerken möchte sie gerne den Loftcharakter erhalten. Den Dorffners würde das gefallen. Dann könnten die Gäste vielleicht noch früher kommen und hätten Zeit, sich umzusehen.

Dass hier das Kopfkino sofort anspringt, daran besteht ja kein Zweifel. ● ○