Hans Christian Pilles

U35

Heitere Spionin


Hier kommt die Zukunft: An dieser Stelle präsentieren wir in jeder Ausgabe Kunstschaffende in und aus Niederösterreich, die jünger als 35 Jahre sind. Diesmal: Ines Schüttengruber.

Die Beine waren zu kurz, doch die Träume schon groß. Ines Schüttengruber sehnte sich bereits mit elf Jahren danach, dereinst Orgel zu spielen. Doch ihr potenzieller Lehrer, der damalige Organist des Doms von Wiener Neustadt, Albert Mülleder, beschied ihr: „Erst wenn deine Füße zu den Pedalen reichen und du Bach-Inventionen geübt hast, unterrichte ich dich.“ Die gebürtige Wiener Neustädterin hatte seit ihrem siebten Lebensjahr Klavier gelernt. Jeden Samstag begleitete sie ihren Vater in den Dom. Dieser war dort als Kantor tätig. Wenn dann jemand an der Orgel spielte, habe sie sich vom Klang „förmlich eingehüllt“ gefühlt. „So etwas wollte ich auch schaffen“, erinnert sie sich im Gespräch mit morgen. Die Fröhlichkeit der 32-Jährigen steckt an. „Nicht von ungefähr übte ich früher am liebsten erste und dritte Sätze“, sagt sie verschmitzt: Allegro als Grundstimmung, in der Musik wie im Leben.

Heute kann die Künstlerin auf eine glanzvolle Karriere verweisen. Sie tritt nicht nur in bedeutenden Institutionen Österreichs auf, vom Wiener Konzerthaus über das Grafenegg Festival bis zum Festspielhaus St. Pölten, sondern tourt auch international: Im Dom zu Fulda musizierte sie bereits ebenso wie in der Amsterdamer Oude Kerk und, vorläufiger Höhepunkt ihrer Laufbahn, 2018 in der Elbphilharmonie in Hamburg. Dort führte sie mit Nikolaus Habjan, Puppenspieler und Kunstpfeifer, erstmals das Programm „Luftkunst“ auf. Was sie zunächst selbst nicht ganz glauben konnte. „Als Nikolaus sagte, die Premiere unseres Programms sei in der Elbphilharmonie, da fragte ich ihn, ob er scherze“, erzählt sie. Der Auftritt sei sehr aufregend gewesen. „Wir waren beide überwältigt, welch feines Musizieren dort möglich ist.“Schüttengruber tritt gern inDuound Trioformationen auf,mit Musikerinnen und Musikern an Saxofon, Trompete, Geige, Flöte oder Mundharmonika.„Der schnelle Wechsel zwischenverschiedenen Instrumenten inspiriert und belebt mich“, sagtSchüttengruber. „Es ist die Vielfalt, die mich musikalisch ausmacht.“ Ebenso schätzt sie es,mit großem Orchester, etwa denTonkünstlern oder den WienerSymphonikern, zu spielen: „Ichkann mir das eine nicht ohnedas andere vorstellen“, sagt sie.„Am Orchesterspiel liebe ich dieKlanggewalt und die Vielfalt desRepertoires.“ Oft sitze sie aber„wie eine Spionin in großen Formationen“ und überlege schon,mit wem sie gern im Duo spielenwürde. „Ich liebe das Dialogische. 57 Kammermusik ist wie ein gutesGespräch.“

Ein wichtiger Ort für sie war seit jeher das Stift Melk. Mit 17 Jahren spielte sie dort ihr erstes großes Orgelkonzert. Seit 2013 leitet sie die Melker Sommerkonzerte. „Melk hat mir viele Türen geöffnet“, sagt Schüttengruber. Auch eine ihrer Lieblingsorgeln steht in Melk, die Reil-Orgel in der Sommersakristei. Ihr absoluter Favorit ist jedoch jene in der Oude Kerk. „Ich wünsche mir oft, dass ich Orgeln mitnehmen könnte.“ Und was ersehnt sie für die Zukunft? „Eine Orgelprofessur – und ein weiterhin so florierendes Konzertleben wie jetzt.“ ●○