Online-Community

„Wir arbeiten wie die Polizei“


Christian Burger wacht über die Online-Community des Standard. Mit morgen sprach er über seine Arbeit im turbulentesten virtuellen Forum Österreichs, wo eigenwillige Spezies aufeinandertreffen.

morgen: Ist die Poster-Gemeinschaft des Standard ein Dorf in der digitalen Welt?

Weniger ein Dorf als eine Großstadt mit verschiedenen Grätzeln, in denen die Leute einander kennen. Das orientiert sich hauptsächlich an Interessen und Themen. Die Tennis-Community zum Beispiel kennt sich sehr gut. Die trifft sich auch im realen Leben.

Sie leiten das Community M nagement. Was genau tun Sie?

Ungefähr 80 Prozent von dem, was meine Kollegen und ich machen, ist Moderation. Das Ziel ist, ein positives Gesprächsklima unter Postern herzustellen oder beizubehalten. 20 Prozent gehen in Richtung Weiterentwicklung und Projektmanagement.

Der Journalist und Moderator Michael Fleischhacker bezeichnete Ihren Job einmal als „digitale Müllabfuhr“.

Das sehen wir nicht so. Der Hauptteil unserer Arbeit ist inzwischen, das Positive zu verstärken. Moderatoren mischen sich in die Diskussion ein und fragen nach bestimmten Erfahrungen, Erlebnissen und Meinungen. Und wir heften besonders konstruktive, gut argumentierte Postings oben am Beginn eines Forums an.

Sie sind mit bis zu 40.000 Postings am Tag konfrontiert. Werden die alle gelesen?

Das schaffen wir nicht. Zwei Software-Module sortieren vor. Auf dieser Basis treffen die Moderatoren ihre Entscheidungen. Der Foromat, eines dieser Module, sucht nach Postings, die unseren Forenregeln zuwiderlaufen. Er hält ungefähr 15 bis 20 Prozent zurück. Bevor diese online gehen, sichtet sie jemand von uns.

Wie viele Postings müssen Sie löschen?

2018 waren es vier Prozent. Der Wert sinkt aber, 2013 war er noch rund zehn Prozent. Der internationale Durchschnitt bei Zeitungs-Communitys liegt bei zwölf Prozent. Bei leicht beleidigenden Postings erinnern wir manchmal an die Forenregeln. Die User erwarten, dass wir gewisse Sachen nicht unkommentiert stehen lassen. Da arbeiten wir ähnlich wie die Polizei. Wir versuchen, nett zu sein.

Poster sind ein eigener Menschenschlag. Muss man selber eine Affinität dazu haben, um Ihren Job machen zu können?

Es ist gut, eigene Erfahrungen gemacht zu haben, aber keine Voraussetzung. Der Poster ist schon eine eigene Spezies. Wobei: Es handelt sich eher um verschiedene Spezies, die nicht repräsentativ für die Bevölkerung sind. Grundsätzlich sind Poster etwas extrovertierter als der Durchschnitt. Wahrscheinlich ist der Anteil an neurotischen Personen höher. Viele haben große Lust an der Auseinandersetzung und am Streit.

Wie eng arbeiten Sie mit der Redaktion zusammen?

Ziemlich eng. Die Community Manager sammeln, was es an interessantem Input für die Redaktion gibt. Einmal täglich wird ein Report an die Redaktion verschickt. Mittlerweile hat sich ein Kreislauf gebildet. Das bemerken die Leute. Das Forum ist kein Platz, wo man nur etwas hinrotzt. ●○